Die Spannungen mit der Türkei wirken sich auch auf Menschen mit türkischer Herkunft in Deutschland aus. Bei einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des NDR gaben 52 Prozent der befragten Deutschtürken an, der Umgang zwischen Deutschen und in Deutschland lebenden türkischstämmigen Menschen habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert.

59 Prozent der Befragten sahen den Grund dafür in den Konflikten zwischen den Regierungen in Berlin und Ankara. Gut die Hälfte gab der Berichterstattung der Medien eine Mitverantwortung. Schlechte persönliche Erfahrungen nannte hingegen nur ein kleiner Teil als Grund. Der Großteil der Befragten gab an, sich in Deutschland wohl zu fühlen. 46 Prozent verbinden mit Deutschland starke Heimatgefühle, 86 Prozent mit der Türkei.

Nur 12 Prozent halten die deutsche Kritik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan für berechtigt, 44 Prozent finden, sie sei nicht gerechtfertigt. In der Haltung zu Erdoğan gibt es aber Unterschiede: 27 Prozent der Deutschtürken stehen laut der Studie der aktuellen Politik Erdoğans kritisch gegenüber, 29 Prozent stimmen seinem Kurs seit dem Putschversuch 2016 zu.

Bildung als wichtiger Faktor

Auf die Frage, was sie mit Erdoğans Politik verbinden, antwortete gut ein Drittel der Befragten: "Erdoğan macht mich stolz und gibt Türkeistämmigen in Deutschland Selbstbewusstsein." Ebenso viele sagen, die Türkei gewinne durch ihn wieder international an Bedeutung. Kritisch äußert sich ein kleinerer Teil: Fast ein Viertel sagt, er provoziere und spalte. 11 Prozent schämten sich für Erdoğans Politik.

Auch auf das Wahlverhalten der Deutschtürken haben sich die deutsch-türkischen Streitigkeiten laut der Studie ausgewirkt. Wählten 2013 laut Umfrage noch 62,2 Prozent der Türkeistämmigen die SPD, waren es 2017 nur noch 45,3 Prozent. "In zahlreichen Antworten spiegelt sich eine tiefe Enttäuschung über das Verhalten der deutschen Politik wieder. Das bekam die SPD bei dieser Wahl besonders deutlich zu spüren", sagte Studienleiter Joachim Schulte. Auch an der Wahlbeteiligung lasse sich das erkennen. In diesem Jahr gaben laut der Umfrage etwas mehr als die Hälfte der Deutschtürken bei der Bundestagswahl ihre Stimme ab. 2013 hatte das Institut eine Wahlbeteiligung von etwa 70 Prozent festgestellt.

Bei den Ergebnissen zeigten sich kaum Unterschiede zwischen türkischstämmigen Menschen, die in erster, zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben. Der Bildungsgrad wirke sich dagegen aus. Formal höher Gebildete sind demnach besser integriert und stehen Erdoğan kritischer gegenüber. Dagegen stiegen die Sympathie und die Zustimmung für die Politik des türkischen Präsidenten bei weniger gut Ausgebildeten sprunghaft an. "Bildung ist der zentrale Schlüssel zum Verständnis unserer Studie", sagte Schulte.

Das Meinungsforschungsinstitut Data 4U hatte im Auftrag der NDR-Sendung Panorama – die Reporter über 2.800 Menschen mit türkischen Wurzeln befragt.