Hekmatullah will ein "guter Junge" sein. Und das ist er auch. Der 20-jährige Afghane ist vor drei Jahren allein in Hamburg angekommen. Mittlerweile spricht er gut Deutsch und ärgert sich, dass er es nicht noch viel besser kann. Er hat seinen Hauptschulabschluss geschafft und als Erster seiner Willkommensklasse gleich zwei Ausbildungsplätze angeboten bekommen. Er macht alles richtig – so wie es die Deutschen von einem integrationswilligen Flüchtling erwarten. Aber es strengt ihn unendlich an.

In der kleinen, aufgeräumten Jugendwohnung, die Hekmatullah sich inzwischen mit seinem 17-jährigen Bruder teilt, riecht es frisch, als hätte er eben noch Parfüm oder Deo versprüht. Stuhl, Tisch, Bett, ein großer Fernseher. Viel mehr gibt es in seinem Zimmer nicht. Ein Stockwerk tiefer haben die Sozialpädagogen ihr Büro, dort können sich die Jugendlichen Hilfe holen, wenn sie Probleme haben. Grundsätzlich müssen sie aber selbstständig klarkommen.

Hekmatullah schimpft auf die "schlechten Jungen" in seinem Haus, die nur ans Heute denken und nicht an die Chancen, die sie haben könnten. Einer hat seinen Ausbildungsplatz nach einem Monat wieder hingeschmissen, weil das Sozialamt schließlich fast genauso viel Geld zahlt. Ein anderer war in eine Prügelei geraten und hat sich über die deutschen Polizisten mokiert, weil die weder schlagen noch sich bestechen lassen. "Aber sie schlagen mit dem Stift", sagt Hekmatullah – mit einer Anzeige, die ihm später das Leben ruinieren könne.

Wenn ein Afghane schwere Verbrechen begeht, wie der, der in Freiburg eine Studentin vergewaltigt und ermordet hat, kann das Hekmatullah aus der Bahn werfen. Eine Zeit lang saß er in der U-Bahn oder lief durch die Straßen und dachte: "All diese Leute starren mich an und glauben: Das ist auch so ein schlechter Junge." Er weiß, dass die meisten aber gar nicht auf ihn achten. Doch manchmal beißt sich dieser Gedanke in seinem Kopf fest.

Seit Oktober lernt Hekmatullah in einer Spedition den Beruf des Servicefahrers; wenn er will, kann er in einem Jahr den Realschulabschluss machen und in eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker wechseln. Auch dafür hat er ein Angebot. Aber erst einmal macht er den Führerschein und schwitzt über den amtsdeutschen Fragebögen zur Theorieprüfung. Er begleitet die Fahrer auf ihren Touren, be- und entlädt die Wagen. Bald fängt die Berufsschule an, wo er endlich deutsche Freunde finden wird, hofft er. Denn das ist ihm bisher nicht gelungen. Die jugendlichen Flüchtlinge sind nie in eine reguläre deutsche Schulklasse gewechselt, in der Willkommensklasse blieben die Migranten unter sich. Und auf der Straße oder in der Bar jemanden kennenzulernen ist schwer: "Die Deutschen haben Angst vor Flüchtlingen", sagt er.

"Die Deutschen machen alles mit Maschinen"

Im Job könnte das anders werden. Hier fühlt er sich wohl. Er ist dankbar für den netten Chef, der ihm auch mal privat hilft, etwa bei der Wohnungssuche. Dessen Frau und Sohn arbeiten auch im Betrieb. Der familiäre, freundliche Umgang tut ihm gut. Die Kollegen loben ihn, weil er schnell versteht und mit anpackt. Über die schwere Arbeit beklagt er sich nicht. Im Gegenteil: Sein Vater war Lkw-Fahrer in Afghanistan. Dort gebe es ständig Unfälle, und die Ware, egal wie schwer, werde mit der Hand auf- und abgeladen. "Die Deutschen machen alles mit Maschinen", sagt er und lacht. Die Kollegen würden nicht mal eine leere, fünf Kilo schwere Palette allein vom Wagen heben. Der zarte Hekmatullah macht es, das geht schneller.

In Afghanistan sind die Straßen nicht nur wegen der Schlaglöcher und fehlender Regeln gefährlich, dort tyrannisieren die Taliban die Fahrer, erzählt er. Sein Vater hat Benzin für eine amerikanische Firma transportiert. "Das war haram." Verboten, nach Ansicht der Taliban. Deshalb bedrohten sie die gesamte Familie. "Sie kamen in der Nacht, wir Kinder hatten ständig Angst." Inzwischen sind sieben der neun Geschwister aus Afghanistan geflohen. Zwei Schwestern und zwei Brüder leben wie er in Hamburg und Umgebung. Aber die Eltern sind mit den zwei jüngsten Kindern noch dort. Der Vater hat seinen Job aufgegeben und fürchtet sich nicht mehr: Er habe sein Leben gelebt, sagt er.