DIE ZEIT: Eminenz, darf ich fragen, wie Sie Heiligabend gefeiert haben?

Gerhard Ludwig Kardinal Müller: Am Heiligen Abend war ich natürlich in St. Peter. Ansonsten haben wir in der Hausgemeinschaft das Evangelium von der Geburt Christi gelesen, gebetet und Weihnachtslieder gesungen in guter deutscher Tradition.

ZEIT: Haben Sie an den Weihnachtstagen auch selber gepredigt?

Müller: Seit Jahren bin ich am Zweiten Weihnachtstag zur Meßfeier mit einer deutschen Gemeinde im Campo Santo Teutonico eingeladen. Das Predigtthema ist an diesem Tag das Martyrium des Heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers in der Geschichte der Kirche. Weihnachten ist nicht nur Romantik und Stimmung, sondern auch Hinweis auf das kommende Kreuz Christi, der jetzt als neugeborenes Kind in der Krippe liegt.

ZEIT: Kurz vor Weihnachten hielt der Papst der Kurie wieder eine Gardinenpredigt. Darin lobte er zwar seine treuen Mitarbeiter und erklärte den tieferen geistlichen Sinn seiner Kurienreform, geißelte aber auch deren Gegner. Er schimpfte unter anderem auf leitende Geistliche, "die sich zu Märtyrern erklären, wenn sie sanft aus dem System entfernt werden." – Das wurde sogleich auf Sie bezogen. Fühlten Sie sich gemeint?

Müller: Bestimmt nicht. Denn ich habe mich weder zum Märtyrer erklärt, noch wurde ich "sanft" aus – welchem oder wessen? – "dem System" entfernt. Märtyrer wird ein Christ durch den Beistand des Heiligen Geistes und nicht weil er sich selbst dazu erklärt. Ich gehöre aufgrund der Taufe und Firmung zur Kirche Jesu Christi und nicht zu irgendeinem von Menschen gemachten System.

Eine kürzere Version dieses Interviews ist in der ZEIT Nr. 01/2018 erschienen.

ZEIT: Sie sollen nach der Mitteilung des Papstes im Juli, dass er Ihre Amtszeit nicht verlängern werde, den Stil seines Vorgehens kritisiert haben. Stimmt das, und wenn ja, was störte Sie?

Müller: Es ging nicht um mich. Ich hatte mich aber schützend vor drei der besten Mitarbeiter meiner Kongregation gestellt, die ohne Angabe von Gründen fristlos entlassen worden waren. Wenn das als ungehörig oder unklug interpretiert wird, sei's drum. Ich bin Priester und kein Höfling. Basta!

ZEIT: Franziskus warnte in seiner Weihnachtsrede an die Kurie auch vor Intrigen und sprach von einer "Logik der Komplotte". War das richtig?

Müller: Ich weiß nicht, ob von Tatsachen oder Abstraktionen die Rede war. Auf jeden Fall sind Intrigen und Komplotte mit der Berufsehre eines Geistlichen unvereinbar.

ZEIT: Manche Kurienmitarbeiter finden es unbarmherzig, dass der Papst sie vor Weihnachten schurigelt. Wie fanden Sie die Rede?

Müller: Wer bin ich, um alles zu kommentieren? Auf keinen Fall möchte ich in der deutschen Presse zu einem Kontrahenten des Papstes stilisiert werden! Ich war zugegen und habe den Wunsch des Papstes nicht vergessen, für ihn zu beten.