Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Die Marwa-Elsherbiny-Gemeinde ist nur freitags sichtbar. An den anderen Tagen ist sie für die meisten, die vorbeihasten, ein nichtssagender Ort. Ein Flachbau am Rand des Dresdner Stadtzentrums, eingequetscht zwischen Hochhäusern und Einkaufszentrum. Zum Freitagsgebet in der Mittagszeit versammeln sich in der Moschee viele Menschen. Bis zu 700 Gläubige kommen, streifen ihre Schuhe am Eingang ab und verschwinden im Gemeindehaus. Auch ein paar Frauen kommen zum Gebet, für sie gibt es ein separates Zimmer. Im größeren Raum sitzen dicht gedrängt die Männer. Wer nicht reinpasst, sucht sich ein paar freie Zentimeter auf dem Flur. Es ist still und stickig. Die Stimme des Imams schallt durch den Bungalow.

Als die Gemeinde vor acht Jahren gegründet wurde, hatte sie ein paar Dutzend Mitglieder. Benannt ist sie nach der Ägypterin Marwa el-Sherbini, die 2009 im Dresdner Landgericht von einem Russlanddeutschen erstochen wurde. Sein Motiv damals: Ausländerhass und Islamfeindlichkeit. Lange war die Gemeinde ein Refugium für die wenigen Muslime in der Stadt. Seit auch in Dresden immer mehr Flüchtlinge leben, wächst die Zahl der Mitglieder stark. Zwei weitere muslimische Gemeinden gibt es im Stadtgebiet.

Etwa 3.500 Mitglieder aus 35 Nationen hat die Marwa-Elsherbiny-Gemeinde inzwischen, Familienangehörige eingerechnet, nicht alle kommen regelmäßig zum Gebet. Die Räume sind überfüllt, vor allem an Freitagen. Der Vorstand hat einiges probiert, um das Gedränge zu sortieren: Bei gutem Wetter haben die Gläubigen schon auf dem Vorplatz gebetet, auch ein Zirkuszelt wurde aufgebaut, aber das Provisorium passte nicht zu den deutschen Bauverordnungen. Nun versucht man es mit gestaffelten Gebetszeiten, der Imam predigt in Schichten.

Die Marwa-Elsherbiny-Gemeinde hat es nicht leicht in einer Stadt wie Dresden, im atheistisch geprägten Ostdeutschland, wo Religion allgemein ein Nebenrolle spielt, in einer Gegend, die dafür bekannt ist, dass Pegida und die AfD besonders viel Zuspruch für ihre islamfeindlichen Parolen haben. Die Moscheegemeinde bekommt diese aggressive Stimmung zu spüren. Zwei Mal wurde die Fassade des Hauses beschmiert. "Mohammed ist eine Schwuchtel", stand neben der Eingangstür. Seit ein Pegida-Anhänger 2016 einen Sprengstoffanschlag auf eine andere muslimische Gemeinde in Dresden verübt hat, patrouilliert die Polizei immer wieder vor der Moschee.

Auf der anderen Seite berichtet der sächsische Verfassungsschutz im Juni 2017, im Marwa-Elsherbiny-Zentrum gebe es mindestens ein Vorstandsmitglied, das Verbindungen zur Muslimbruderschaft habe beziehungsweise ihr angehöre. Der Verfassungsschutz stuft die Muslimbruderschaft als extremistisch ein und beobachtet sie deshalb. Nach seiner Auffassung verfolgen die Muslimbrüder in Deutschland eine besondere Strategie: "Einfluss auf eine islamische Gemeinde in organisatorischer und ideologischer Hinsicht zu gewinnen und hierbei aus taktischen Gründen auf erkennbare Bezüge zur Muslimbruderschaft absichtsvoll zu verzichten."

Diese Einschätzung des Verfassungsschutzes ist nicht unumstritten. Die Muslimbruderschaft wurde in den Zwanzigerjahren in Ägypten gegründet und ist eine Organisation mit vielen Flügeln und ideologischen Ausrichtungen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Führung in Ägypten stark gewandelt und zu großen Teilen zur Gewaltlosigkeit bekannt. 

Der sächsische Nachrichtendienst meint jedoch, dass sich aus der Dresdner Zentrale ein extremistischer Einfluss auf andere Muslime verbreiten könnte. Der Vorstand der Marwa-Elsherbiny-Gemeinde hat im vergangenen Jahr sechs Ableger gegründet, organisiert über eine Tochtergesellschaft namens Sächsische Begegnungsstätte (SBS). Die sechs neuen Gebetsräume befinden sich in den ostdeutschen Städten Görlitz, Pirna, Meißen, Zittau, Riesa und Brandenburg an der Havel. Gebetsräume gab es dort vorher kaum oder gar nicht, obwohl dort inzwischen viele Muslime leben. Die SBS schließt diese Lücke und die Gläubigen nehmen das Angebot an. Viele Anwohner beäugen es  misstrauisch und die Verfassungsschützer sind skeptisch. "Die gehen mit einem Haufen Geld durch die Lande und kaufen Liegenschaften", zitiert die Welt Gordian Meyer-Plath, den Chef des sächsischen Verfassungsschutzes "Ziel der Muslimbrüder ist die Scharia in Deutschland (...) Viele Muslime bekommen wahrscheinlich gar nicht mit, mit wem sie es zu tun haben."

Wer steht hinter der Marwa-Elsherbiny-Gemeinde? Stimmen die Vorwürfe? Oder rücken die Verfassungsschützer eine Gemeinde zu Unrecht in die Nähe von Extremisten? Muhammed-Ronald Wellenreuther ist Sprecher der Gemeinde und der SBS, ein großer, drahtiger Mann, Ende 50. Vor mehr als 20 Jahren ist Wellenreuther zum Islam konvertiert. Er stammt aus Mannheim, das hört man seinen Sätzen an. Vor einigen Jahren ist er mit seiner Familie nach Dresden gezogen, weil er hier einen Job gefunden hat als Sicherheitsmanager eines renommierten Unternehmens. In der Gemeinde tritt er als Brückenbauer zwischen den Muslimen und der Öffentlichkeit auf: "Eine Moschee ist eine Blackbox, die man von außen oft nicht versteht", sagt er. "Das soll aber gar nicht so sein. Ängste basieren ja oft auf Unkenntnis."

Die Aussagen im Bericht des Verfassungsschutzes, das stellt Wellenreuther im Gespräch schnell klar, hält er für "haltlose Unterstellungen", für "eine Unverschämtheit". Die Gemeinde werde darin "in eine völlig falsche Ecke gerückt und stigmatisiert". Die neuen Gebetsräume habe die SBS eröffnet, "weil es dort vorher kein einziges Angebot für Muslime gab". Finanziert werde alles aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Fast alle Räume seien gemietet. "Die Mitglieder vor Ort kümmern sich nach der Eröffnung jeder Gemeinde selbst um den Unterhalt und Betrieb." Für die Dresdner Marwa-Elsherbiny-Gemeinde sei eine Erbpacht über 99 Jahre vereinbart. Lediglich in Pirna habe die SBS eine Immobilie gekauft, zum Preis von 260.000 Euro, der Kredit werde in fünf Jahresraten getilgt.