In Berlin haben Hunderte Menschen gegen die Entscheidung von Donald Trump protestiert, Jerusalem als Hauptstadt Isarels anzuerkennen. Die durch den US-Präsidenten ausgelöste Provokation hat bei vielen Muslimen Wut und Agressionen ausgelöst. So große, dass einige von ihnen antisemitische Phrasen brüllten und israelische Flaggen verbrannten. Die Demonstranten hinterließen damit nicht nur Entsetzen, sondern auch Fragen.

Warum zünden zum Beispiel türkische Nationalisten Fahnen vor dem Brandenburger Tor an, wenn der Konflikt um Jerusalem – naiv und vereinfacht betrachtet – eine israelisch-palästinensische Auseinandersetzung ist? Warum beleidigt man sich in aggressivem Tonfall, anstatt sachliche Kritik zu äußern? Und warum besetzen Muslime, die in der Regel dafür kritisiert werden, gegen Attentate von Islamisten nicht entschieden zu demonstrieren, im Handumdrehen den Pariser Platz, obwohl in der deutschen Öffentlichkeit doch angenommen wird, dass sie apolitisch sind? Diesen komplexen Fragen möchte ich mich anhand von drei Thesen nähern.

Antisemitismus ist in Deutschland tief verankert

Nach den Protesten in Berlin sind schnell wieder junge arabische Männer in den Fokus geraten, die in der Tat bei den Protesten am Brandenburger Tor antisemitische Parolen von sich gegeben und sämtliche Klischees medienwirksam erfüllt haben, die über Muslime im Umlauf sind. Dabei ist Antisemitismus in Deutschland so tief verankert, dass sich der Blick viel weiter richten muss. Denn Judenfeindlichkeit herrscht bereits seit Jahrzehnten auch unter deutschen Muslimen. Das Problem ist also so alt, dass nicht erst Flüchtlinge den Antisemitismus nach Deutschland transportiert haben können.

Berlin - Erneute Demonstration gegen Jerusalem-Entscheidung In Berlin haben Hunderte Menschen gegen US-Präsident Trumps Entscheidung protestiert, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Zu Ausschreitungen kam es nicht. © Foto: Getty Images/ Sean Gallup

Neu an der Situation ist lediglich die Wucht der Demonstration, die ausgerechnet an einem so symbolträchtigen Ort zum Ausdruck kam. In einigen muslimischen Milieus gehört der Antisemitismus zum guten Ton dazu. Klischees, die Juden als geizig und gierige Geschäftsleute darstellen, kursieren innerhalb von vielen Familien. Dabei sind reale Kontakte zu Juden und dem jüdischem Leben entweder gar nicht oder nur rudimentär vorhanden. Die Vorurteile über Juden und jüdisches Leben werden unreflektiert, unterstützt durch Medien, von Generation zu Generation weiter gegeben, ohne sich je mit dem Thema sachlich auseinander gesetzt zu haben. Die Reflexion und kritisches Hinterfragen wird in konservativen muslimischen Netzwerken nicht gefördert. Dadurch übernehmen Heranwachsende unhinterfragt vermeintliche Wahrheiten über Juden und deren Lebensweisen. Das Ergebnis sind eigene Wahrheiten, die mit den Lebenswelten der Juden nur noch wenig gemein haben.

Benachteiligte Muslime identifizieren sich mit Palästinensern

Es gibt viele Untersuchungen, die nachweisen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund, insbesondere aber Muslime, Diskriminierungen, Benachteiligungen und Stigmatisierungen in Deutschland ausgesetzt sind. Hinzu kommt, dass junge Muslime sich in ihrer kulturellen Verortung häufig nur als Hybrid empfinden. Sie fühlen sich also halb deutsch und halb muslimisch. Wenn sie in ihrem Leben dann weder als Deutsche noch als Muslime Anerkennung erfahren, kann sich bei ihnen ein Identitätsdilemma ergeben. Als Konsequenz daraus kann ein Assimilierungsdruck entstehen, der einerseits die Normen, Werte und kulturellen Orientierungen der Elterngeneration in den Hintergrund rückt und andererseits die Anerkennung in der Mehrheitsgesellschaft blockiert.

Aus diesem Spannungsverhältnis heraus kann es zur Bildung einer negativen Identität kommen: Minderwertigkeitsgefühle werden zu einem schlechten Selbstbild verinnerlicht und abweichendes Verhalten – wie etwa das Verbrennen von Israel-Fahnen – wird zur Lösungsstrategie eines bewussten oder unbewussten Identitätskonfliktes. Im Zweifelsfall neigen Betroffene dazu, sich mit den Schwachen, in diesem Fall mit den Palästinensern, die sie stellvertretend für alle Muslime sehen, zu solidarisieren. Übrigens erfahren auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund aufgrund der in Deutschland bestehenden Abhängigkeit von sozialer Herkunft und sozialer Anerkennung Diskrimminierung.

Wohin diese Form des Identitätsmanagements bei Menschen mit Migrationshintergrund führt, ist nicht direkt vorherzusehen. Eine Möglichkeit hat sich nun aber vor dem Brandenburger Tor gezeigt: Dort sind Jugendliche auf Gleichgesinnte getroffen und haben ein gemeinsames Feindbild entwickelt. Plötzlich demonstrierten türkische Nationalisten, arabische Jugendliche und junge Palästinenser Seite an Seite, obwohl sie sich im normalen Alltag wenig zu sagen haben.

Dualistische Weltanschauung fördert Antisemitismus

Es gibt kaum ein muslimisch geprägtes Land, im dem Demokratie ansatzweise etabliert ist – auch in der Türkei nicht. Traditionell wird in solchen Ländern die Welt in gut und böse, in Gläubige und Ungläubige, in falsch und richtig aufgeteilt. Widersprüche, Differenzierungen oder Schattierungen sind selten vorgesehen. Für aufgeklärte Gesellschaften und Demokratien, die auf Differenzierung und Vielfalt setzten, klingt das einfach und eindimensional. Aber für viele Menschen, in erster Linie für Jugendliche mit wenig Selbstwertgefühl und sozialer Anerkennung, kann das attraktiv sein, weil es Individuen entlastet, Dinge zu hinterfragen und auszuhandeln; ein Prozess, der viele Menschen immer wieder überfordert.

Was ist zu tun?

Dass antisemitische Verhaltensweisen in Verbindung mit den oben genannten Lebensbedingungen stehen, in der vor allem die Jugendphase eine Rolle spielt, macht auch Hoffnung. Denn solche Entwicklungen lassen sich durch pädagogische und politische Mittel durchaus erreichen und beheben. Unabhängig davon, wie irrational, provozierend und unerträglich gewisse Äußerungen und Aktionen sein mögen – sie müssen aufgearbeitet werden. Bloße Antihaltungen dekonstruieren diese Weltsicht nicht, im Gegenteil, sie verstärken sie. Falsche, festgefahrene Sichtweisen können durch politische und pädagogische Mechanismen nur in Auseinandersetzung und Austausch verändert werden.

Je stärker junge Menschen sich in radikalisierten oder antisemitistischen Szenen bewegen, umso schwieriger wird es, sie wieder für andere Sichtweisen zu gewinnen. Deshalb ist es von so entscheidender Bedeutung, systematisch bereits auf die ersten Anzeichen von Antisemitismus zu reagieren und Gegenangebote zu machen. Diese können in Jugendzentren, Kultur- und Sportvereinen, aber auch in politischen Stiftungen stattfinden. Umso besser, wenn sie von muslimischen Netzwerken geleitet werden, die den Menschen als Vorbild dienen und Antisemitismus ablehnen.