1997 – 2002 – 2005: Diese Jahreszahlen markieren drei bis heute ungeklärte Todesfälle. Sie alle ereigneten sich im Dessauer Polizeirevier während oder unmittelbar nach der Festnahme. Jedes Mal starb ein Gefangener, der zu Lebzeiten eher am Rande der Gesellschaft stand. Und jedes Mal stand der Verdacht der Misshandlung durch Polizeibeamte im Raum. Der erste, Hans-Jürgen R., wurde nach seiner Entlassung mit schweren inneren Verletzungen aufgefunden. Er starb im Krankenhaus, Ermittlungen wurden eingestellt. Der zweite, der Obdachlose Mario B., starb an einem Schädelbasisbruch. Auch hier wurden Ermittlungen eingestellt.

Der dritte und prominenteste, Oury Jalloh, ein Asylbewerber aus Sierra Leone, verbrannte in seiner Zelle. Eine zweite Obduktion stellte zudem einen vorangegangenen Nasenbeinbruch fest. Ermittlungen an seinem Fall laufen vor allem, weil engagierte Anwälte und Unterstützer seit mehr als 12 Jahren Druck machen. Sie glauben: Es war Mord.

Der Leitende Oberstaatsanwalt änderte seine Meinung

Ein einzelnes mögliches Tötungsdelikt durch Polizisten wäre bereits ungeheuerlich. Spätestens die Verknüpfung mit zwei weiteren potenziellen Fällen – also der Verdacht auf strukturelles Versagen – wäre ein Fall für die Bundesanwaltschaft.

Die Behörden sehen das anders. Nach zwei Gerichtsprozessen, mehreren Brandanalysen und unzähligen Gutachten bleiben sie bei der These, Jalloh habe sich selbst angezündet. Doch Anfang Dezember enthüllten das ARD-Magazin Monitor und die Mitteldeutsche Zeitung, dass das offizielle Bild gar nicht so stimmig war wie bisher angenommen.

Folker Bittmann, lange Zeit Leitender Oberstaatsanwalt in Dessau und Verfechter der These von der Selbstanzündung, änderte nach der Auswertung des letzten nachgestellten Brandes 2016 seine Meinung. Am 4. April 2017 vermerkte er in Jallohs Akten eine Vermutung, die dem Vorwurf der Angehörigen und Unterstützer näher kommt: Jalloh könnte durch die Polizeibeamten getötet und anschließend verbrannt worden sein, um den Vorfall zu vertuschen – und um neue Ermittlungen zu den früheren Todesfällen zu vermeiden. Lange wurde die Vermutung nur als Verschwörungstheorie abgetan, nun verfolgte sie sogar der Chefermittler. Eine Wende.

Die Generalbundesanwaltschaft bleibt vage

Bittmann kontaktierte den Generalbundesanwalt mit seinen Erkenntnissen, damit dieser eine Übernahme der Ermittlungen prüfen kann. Die Bundesanwaltschaft ist die oberste Strafverfolgungsbehörde der Bundesrepublik und kann – muss aber nicht – sich bei schwerwiegenden Staatsschutzstrafsachen einschalten. Darunter fallen Straftaten, die innere oder äußere Sicherheit in besonderem Maße berühren: politisch motivierte Delikte, Terror, Landesverrat oder Spionage.

Zwei Wochen später lehnte dieser den Antrag auf Übernahme jedoch ab. In der Begründung, die ZEIT ONLINE vorliegt, heißt es, die Belange des Staatsschutzes seien "noch nicht in einer Weise berührt, dass ausnahmsweise eine Zuständigkeit der Bundesjustiz für die Strafverfolgung angenommen werden könnte." Insbesondere fehlten Anhaltspunkte für ein "fremdenfeindliches oder in sonstiger Weise politisch rechtsgerichtetes Motiv", etwa rassistische Äußerungen der Polizeibeamten.