Wer in den Ilse-Bus steigt, kann sich entscheiden, ob er Superman sein will oder Bauarbeiter, Geschäftsfrau oder Hausfrau. Die Silhouetten dieser vier Figuren sind von außen auf den VW-Bus geklebt, nur Köpfe haben sie nicht, sie steuert der Fahrgast bei. Ilse, das ist die Botschaft hinter dem für vorpommersche Verhältnisse äußerst ausgefallenen Marketinggag, soll auffallen und anders sein als die Busse, die bisher in der Kleinstadt Loitz und ihrem Umland unterwegs waren. Und das funktioniert. Wo immer die insgesamt vier Ilse-Busse, die seit Mitte Dezember unterwegs sind, in diesen Tagen auftauchen, drehen Menschen auf der Straße den Kopf.

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Die neuen Busse sollen etwas schaffen, das bisher nicht mehr als eine Utopie war: Sie sollen die Bevölkerung in der dünn besiedelten Region erstmals mit einem alltagstauglichen Nahverkehrsangebot versorgen. Dazu werden weder neue Linien eingerichtet noch die Fahrpläne verdichtet. Stattdessen wird beides abgeschafft: Die Ilse-Busse verkehren nur auf Bestellung und vom Wunschstart zum Wunschziel. Vom Taxi unterscheiden sie sich nur durch den Fahrpreis – normaler Bustarif – und durch die Tatsache, dass ein Computerprogramm so viele Fahrten wie möglich zu einer Ad-hoc-Linie zusammensetzt.

Der Name Ilse ist einerseits ein Akronym, für Integrierte Leitstelle Erweiterung, andererseits aber auch ein dezenter Fingerzeig auf die Zielgruppe: Es geht vor allem um ältere Menschen. In den vielen kleinen Dörfern jener Region im Hinterland Mecklenburg-Vorpommerns, entfernt von den touristischen Zentren der Ostseeküste, leben vor allem Senioren, seit der Wende ist der Altersdurchschnitt drastisch gestiegen. Die meisten Jugendlichen ziehen spätestens nach dem Schulabschluss fort – und die wenigsten von ihnen kommen nach der Ausbildung zurück. Manche der älteren Dorfbewohner haben nie einen Führerschein besessen, andere trauen sich altersbedingt nicht mehr hinters Steuer und manche haben schlicht kein Geld für ein Auto.   

Sie waren bislang auf Hilfe von Verwandten oder Nachbarn angewiesen, um ihre Orte verlassen zu können, denn funktionierende Nahverkehrsangebote gibt es auf dem Land in der Regel nicht. Über tausend Dörfer und Kleinstsiedlungen gibt es in Mecklenburg-Vorpommern, in mehr als der Hälfte leben weniger als hundert Menschen. Sie alle mit Buslinien im Stunden- oder Zweistundentakt an die nächstgrößere Stadt anzubinden, ist schlicht unbezahlbar. Wessen Dorf nicht an einer Hauptstraße oder einem Bahnhof liegt, der hat in Mecklenburg-Vorpommern in der Regel ein Problem, wenn er öffentliche Verkehrsmittel nutzen soll. Wer es doch tut, muss am Zielort oft stundenlang auf den Bus zurück ins Dorf warten und ist aufgeschmissen, falls er ihn verpasst.

Ilse soll das nun verändern, das ist der Wunsch von Michael Sack (CDU), Bürgermeister des kleinen Städtchens Loitz mit 4.400 Einwohnern. Sack fühlt sich auch für die Bürger im Umland der Stadt verantwortlich. Rings um seine Stadt leben noch einmal 2.000 Personen, verteilt auf rund ein Dutzend Dörfer und Siedlungen mit Namen wie Böken, Sophienhof, Zarnekla oder Groß Zetelvitz. Mit Ilse können sie nun etwas, wovon die meisten Dorfbewohner nur träumen können: Sie können sich per Telefon oder – falls vorhanden – auch mit dem Smartphone einen Bus bestellen, Ilse eben. Die wesentlichen Aspekte der Fahrt, Start, Ziel und Ort, legen sie selbst fest. Eine Fahrt kostet in der Regel zwischen 1,50 und 5 Euro.

Der Loitzer Bürgermeister Michael Sack (CDU) © Gabriel Kords für ZEIT ONLINE

"Der Computer berechnet die idealen Fahrtwege und prüft, ob sich mehrere Fahrten ohne große Umwege zu einer Fahrt zusammenlegen lassen", sagt Dirk Zabel, Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Greifswald. Das Busunternehmen gehört dem gleichnamigen Landkreis, der das Projekt federführend verantwortet. Damit die Ilse-Busse den bisherigen Linienbussen keine Konkurrenz machen, gibt es eine Einschränkung: Wenn eine halbe Stunde vor oder nach dem Wunschtermin ein Linienbus fährt, darf der Ilse-Bus nicht fahren. Doch Zabel sagt: "Das wird wohl nur in den seltensten Fällen passieren."

Zabel war zuerst nicht sonderlich begeistert von der Idee Ilse: "Ich hatte den Verdacht, das ist einfach nur das nächste von sonstwievielen Modellprojekten. Da werden dann Hunderte Seiten Papier beschrieben, am Ende steht irgendein verkopftes Projekt, das nichts kostet und das niemand braucht – und dann wandert alles in die Schublade." Bei Ilse, sagt Zabel, sei es aber anders gewesen: "Der Kreis, die Stadt Loitz, das Bundesverkehrsministerium und noch ein paar andere haben sich zusammengesetzt und als erstes eine Flipchart einfach mit unseren Wünschen beschrieben. Und dann haben wir sie, eines nach dem anderen, umgesetzt."