Dieser Artikel ist Teil des loginpflichtigen Angebots der ZEIT. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Manche behaupten, mit jeder neuen Medienwelle der "Sexismus-Bekämpfung" sei viel gewonnen. Andere behaupten das Gegenteil. Die neueste hocherregte Debatte, die seit September 2017 angeblich ein Schweigen oder ein weiteres Tabu "gebrochen" hat, ist wie ihre Vorgängerinnen binnen weniger Wochen an schwerer Überhitzung erkrankt, da fiebrig alles durcheinander- und in einen Topf geworfen wird, aus welchem dann ein Brei aus Halbwahrheiten, Anschuldigungen, Moral und eigennützigen Interessen ans Volk verteilt wird. Das Volk erträgt es aber nicht, täglich darüber belehrt zu werden, dass es zu 49 Prozent aus (mindestens) potenziellen Verbrechern und zu 51 Prozent aus arglosen Opfern bestehe, für die eine kleine, aber alleswissende Avantgarde durch lautestmögliches Geschrei immerzu "das Schweigen brechen" müsse.

Die Sprechschau

Ausgangspunkt für Hinweise mag die Fernseh-Sprechschau Anne Will sein, die sich am 12. November 2017 in wirren Schleifen um das Thema "Sexismus" legte. Die als Gast geladene Schauspieler-Agentin Heike-Melba Fendel formulierte den mit Abstand intelligentesten Gedanken des Abends: Wolle man über Sexismus sprechen, müsse man zunächst über Sex sprechen, also über männliche und weibliche Selbst- und Fremdbilder. Man müsse sich vom Stereotyp lösen, immer nur über "Taten" zu sprechen, ohne zu fragen, wie, warum und woraus sich diese Bedeutung überhaupt ergebe.

Mit diesem Ansatz hatte sie in der Runde der zum bedingungslosen "Tabubruch" Entschlossenen schon in Minute 2 verloren. Die Leitung der Sendung übernahm daher zum frühestmöglichen Zeitpunkt Frau Ursula Schele, gelernte Pädagogin, Geschäftsführerin des "PETZE Instituts für Gewaltprävention eGmbH" und Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Frauennotrufe (bff. e. V.); die Moderatorin Will beschränkte sich von da an aufs tendenziöse Stichwortgeben ("Melden sich jetzt mehr Frauen im Nachgang zu der jetzigen Debatte? Hat es was frei gekämpft für die Frauen ?").

Die Tribunalvorsitzende Schele behandelte die lampenfiebergeplagte Fendel mit demonstrativer Herablassung und erfreute sich bei der Vollstreckung ihrer Missachtung allseitig wohlwollender Unterstützung. Selbst die Regie half ein bisschen mit und zeigte in Großaufnahme die jeweilige Grimasse, die Schele zu den Fendelschen Äußerungen schnitt: ungläubig kopfschüttelnd, höhnisch auflachend, auffordernd in die Runde blickend – siegesgewiss. Selten sah man das Antlitz aggressiven Mobbings so unverblümt. Und Scheles Mut zum Nachtreten wuchs mit der Schwäche ihrer Gegnerin: "Machen Sie 'ne Pause", sprach sie zu Fendel, als diese hustend bat, ausreden zu dürfen. Selbst dafür kriegte sie noch Lacher.

Man könnte diese Sendung als eine unter zahllos belanglosen Quatschrunden abtun und vergessen, aber es war mehr: Es war ein Beispiel der total aus dem Ruder gelaufenen öffentlichen Diskussionskultur zum Thema Sexismus. Die Entertainerin Verona Pooth verbreitete sich unter dem Beifall des greisen Ex-Innenministers Gerhart Baum über die Würde der Frau. Die Journalistin Laura Himmelreich – deren Karriere sich emporschwang, als ihr nach einem Jahr Grübeln einfiel, man müsse Deutschland vor Rainer Brüderle schützen – durfte mit glänzenden Augen ein weiteres Mal die kleine Geschichte ihres beruflichen Höhepunkts erzählen. Den hierzu passenden nachträglichen Meilenstein lieferte die ARD, die sich tags darauf allen Ernstes öffentlich für die Schreckenstat entschuldigte, die Unterschenkel der aufwendig gestalteten Frau Pooth in Großaufnahme gezeigt, also genau das getan zu haben, was das arme Opfer der Kamerafahrt sich erhofft haben dürfte.

Im allgemeinen Medienrausch der – weithin unzulässigen – Verdachtsberichterstattung fällt so etwas aber nicht weiter auf. Seit Monaten präsentieren sämtliche Medien Verdächtigungen und Beschuldigungen mal mehr, mal weniger bekannter Personen, die von den Regeln und Verboten der presserechtlichen Verdachtsberichterstattung schwerlich getragen sind. Dabei wächst der Enthüllungsmut, je weiter entfernt die je zu Vernichtenden sind: Zur Beweislage betreffend jahrzehntelang zurückliegende angebliche Belästigungen durch Schauspieler oder Fernsehansager aus Kalifornien hat jede(r) deutsche RedakteurIn eine öffentliche Meinung, und die feministische Kampfpresse kann gar nicht oft genug wiederholen, dass weder Verfahrenseinstellungen noch Freisprüche an den Vorwürfen und dem "dringenden Tatverdacht" etwas ändern können. Bei deutschen Medienmächtigen und Opfern an Potsdamer Badeseen ist das angstvolle Schweigen so tief, dass selbst über die Verfahrenseinstellung nicht mehr berichtet wird. Sogar der Bild-Autorin Schwarzer aus Köln, die Herrn Kachelmann seine rechtskräftige Freisprechung bis heute nicht verzeihen mag, verschlägt es da mitsamt ihren gnadenlos investigativen Schwestern bei stern und sonst wo glatt die Sprache.

Gewalt ohne Gewalt

Zurück zu Anne Will: Jenseits des mäandernden Pooth-Geredes, des Himmelreichschen Augengeklappers und der suggestiven Bemühtheit der Moderatorin wurde auch anderes verhandelt, allerdings unter der Hand, verborgen und verdreht.

Über den Gedanken von Fendel, man müsse über Sexualität reden, wolle man über Sexismus reden, konnte Frau Schele nur bestürzt den Kopf schütteln: Sexismus habe doch nichts mit Sexualität zu tun! "Das Wesentliche am Sexismus und an der sexuellen Gewalt ist, dass sie definitiv nur mit Gewalt zu tun hat. Sie benutzt, sie instrumentalisiert den Faktor Sexualität, um eben genau diese Wirkung zu zeigen." Am Sinn dieser Sätze kann man ernsthaft zweifeln, darauf kommt es aber nicht an. Wichtig ist allein, dass das Zauberwort "Gewalt" vorkam. Und sogleich rief Gerhart Baum von seinem Sitzplatz: "Gewalt kann auch durch Worte!" Baum war zehn Jahre lang Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, dann Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium und von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. Er kennt sich aus mit Gewalt und sollte eigentlich wissen, was er redet. Doch hier beginnt die Sphäre einer Sprach- und Gedankenverwirrung, die an Unklarheit und Verdrehung schwer zu überbieten ist. Die Unklarheit wird von den Protagonisten hingenommen, die Verdrehung ist beabsichtigt. Denn hier wird Sprache nicht benutzt, um Sinn zu vermitteln und Tatsachen zu beschreiben – sondern um zu vernebeln und zu verdunkeln.

Es gibt im Strafrecht eine recht genaue Definition von "Gewalt". Dies ist erforderlich, weil zahlreiche Straftatbestände dieses Merkmal enthalten und man daher unterscheiden muss, ob eine Rechtsgutsverletzung mit Gewalt oder ohne Gewalt erfolgt ist. "Raub" zum Beispiel ist das Wegnehmen einer fremden beweglichen Sache mit Gewalt (Paragraf 249 Strafgesetzbuch). Ohne Gewalt heißt dasselbe Wegnehmen "Diebstahl" (Paragraf 242 Strafgesetzbuch). Raub wird deutlich härter bestraft als Diebstahl, denn beim Raub wird zusätzlich zur Verletzung des Rechtsguts "Eigentum" vor allem die physische Gewalthandlung und die damit verbundene Verletzungsgefahr geahndet. Niemand würde behaupten, es sei ihm einerlei, ob ihm der Geldbeutel mit oder ohne Gewalt weggenommen wird. Und niemand meint, es sei eigentlich kein Unterschied, ob man zusammengeschlagen oder nur damit bedroht wird.

Gewalt gegen Personen ist das Entfalten physischer Kraft durch den Täter und das Einwirken dieser Kraft auf den Körper des Opfers. Der Kern dieser Begriffsbestimmung ist seit Jahrhunderten gleich und jedermann geläufig. Es ist keine "juristische Spitzfindigkeit", zwischen Gewalt und Nichtgewalt zu unterscheiden, sondern eine Selbstverständlichkeit des Alltags.