Die Geschütze und Granaten hört der 14-jährige Aleksej Agapin vom Haus seiner Familie in Wosdwyschenka aus seit vier Jahren. Draußen auf dem Feldweg rattern Panzer und schweres Gerät zwischen ihren Positionen an der Front hin und her. Der Junge weiß auch schon, wie Kugeln sich anhören, die an ihm vorbeizischen. In dem Haus gibt es keinen Strom mehr, kein Gas, kein fließendes Wasser – alles Folgen des Kriegs hier im Osten der Ukraine, wo der Winter zweistellige Minusgrade bedeutet. Das Holz für ein wärmendes Feuer sammeln sie im Wald.

Aleksej ist eines von 200.000 Kindern, die nach Unicef-Schätzungen entlang der Kontaktlinie zwischen der ukrainischen Armee und den vermeintlichen Separatisten der Donezker Volksrepublik leben. Schon vorher war die Region arm, der Krieg hat die Lage nur schlimmer gemacht. Aleksejs Eltern können nicht mehr arbeiten: Sein Vater wurde in den Neunzigern schwer verletzt, als eine Kohlemine zusammenbrach, seine Mutter leidet unter einer Hautkrankheit. Beide sind außerdem Alkoholiker, ein allzu verbreitetes Problem in dieser düsteren Gegend. Damit etwas zu essen auf den Tisch kommt, stellen Aleksej und seine Geschwister Fallen für Hasen auf und fangen Fische in einem nahen Weiher.

Der 14-jährige Aleksej Agapin hält eine Taube als Haustier, seine Finger sind verstümmelt von einem Granatzünder. © Ashley Gilbertson / VII for UNICEF

Auf dem Weg zu dem Teich fand Aleksej vor zwei Jahren einen Gegenstand, der von einem der vorbeifahrenden Militärkonvois gefallen sein musste. Erst dachte er, es sei ein Stift – bis er in seiner Hand explodierte. "Ich habe mich erschreckt und es tat weh", erzählt er. "Als ich runterschaute, sah ich, dass meine Finger von der Hand herabhingen. Mein ganzes Leben hat sich verändert: Ich kann kein Holz hacken, es ist schwer, die Angelschnur festzumachen oder die Fallen aufzustellen, um Tiere zu fangen. Manchmal ärgere ich mich, und ich rege mich so lange auf, bis ich weinen muss."

Das ist Europa heute.

Die Kontaktlinie, festgelegt vom Minsker Friedensabkommen, trennt die Kämpfer beider Seiten durch eine Pufferzone. Es ist zugleich die neue Grenze zwischen Europa und Russland. Die Waffenruhen und andere Vereinbarungen, die europäische Diplomaten zwischen den Kriegsparteien vermittelt haben, werden täglich gebrochen – und es gibt keine Anzeichen dafür, dass der längste europäische Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg bald abflauen würde.

"Die Kinder hier haben alles gesehen"

"Am Anfang wurde sehr viel geschossen und wir hatten große Angst", sagt die 13-jährige Anja Esaulowa, "aber jetzt schießen sie weniger und ich habe keine Angst mehr. Natürlich ist es nicht normal, aber es ist so viel besser, als es gewesen ist."

Anjas Haus wurde von zwei Granaten getroffen. Die erste tötete ihre Großmutter und zerstörte das Dach. Als die Decke wieder repariert war und die Familie gerade wieder einziehen wollte, zerstörte eine zweite Granate die Mauern des Hauses. Heute lebt Anja mit ihren Schwestern und der Mutter im Haus ihrer Großmutter. Der letzte Militärposten, bevor man wieder auf dem Gebiet ist, das die ukrainische Regierung kontrolliert, ist nur 300 Meter die Straße runter.

"Die Kinder hier haben alles gesehen, dazu gehören auch Grad-Raketen", sagt Olha Mykolajiwna, eine Lehrerin in Awdijiwka. "Unsere Schüler können die verschiedenen Waffen unterscheiden. Sie können anhand des Klangs sagen, womit gerade geschossen wird." In vielen Schulen ist der Unterricht auf zwei Stunden am Tag reduziert worden, und das auch nur an drei Tagen der Woche, weil zu wenige Schüler überhaupt noch teilnehmen und die Familien Angst haben, ihre Kinder könnten verletzt werden. Wenn der Beschuss besonders schwer ist, können auch die Busse nicht fahren, um sie zur Schule zu bringen.

Vier Jahre Krieg verlangen den Menschen, die hier leben, viel ab – vor allem aber den Kindern. Aktuelle Statistiken des UN-Kinderhilfswerks Unicef, das mit Unterstützung der deutschen Regierung hier Hilfe leistet, gehen davon aus, dass durch den Konflikt 3,4 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind – zum größten Teil Frauen und Kinder. 40.000 Familien verloren demnach ihre Unterkunft, weil ihre Häuser zerstört wurden. Mehr als 700 Schulen und andere Bildungseinrichtungen wurden bei Kämpfen beschädigt, und mehr als 700.000 Schulkinder wie Lehrer zeigen gehäuft Symptome psychischer Schäden bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen.

Solche schockierenden Statistiken gehören zu jedem Konflikt. Sie bedeuten auch, dass hier eine neue Generation heranwächst, die nichts anderes kennt. "Ich erinnere mich nur ganz wenig daran, wie es vor dem Krieg war … Ich erinnere mich an den Sommer und wie ich mit meinen Freunden durch den warmen Regen gerannt bin", sagt der neunjährige Wadim Ignatenko aus Awdijiwka.

Wadim Ignatenko (9) vor dem schwer getroffenen Haus in Awdijiwka, in dem seine Familie lebte: "Ich erinnere mich nur ganz wenig daran, wie es vor dem Krieg war." © Ashley Gilbertson / VII for UNICEF

Als Wadim sechs Jahre alt war, wurde er von einem Granatsplitter getroffen, als er mit seinem Bruder draußen spielte. Ein Jahr später, während er darauf wartete, dass seine Großmutter von der Arbeit auf einem Bauernhof wiederkommt, wurde er von einem vorbeifahrenden Militärtransporter erfasst. Sein Bein war gebrochen und er hatte schwere Verletzungen am Kopf. Wegen der bunten Fassade nennen sie den Wohnkomplex, in dem seine Familie lebte, auch "das Malbuch" – als das Gebäude zum militärischen Ziel wurde, mussten sie es verlassen. An Tagen, an denen nur wenig geschossen wird – nur drei oder vier Explosionen in der Nähe, jede Stunde –, kann Wadim zur Schule gehen. Wenn die Kämpfe heftiger sind, sollte er eigentlich Schutz in einem Bunker suchen – aber er hat keinen, in den er gehen könnte.

Entlang der Kontaktlinie besetzen Soldaten und Milizen Häuser und öffentliche Gebäude, die Heime von Familien werden zu Gefechtsposten. Nur einen Steinwurf von der lokalen Schule entfernt werden Granaten abgeschossen. Nachts kriechen die Kinder unter ihre Decken, während Scharfschützen aus leer stehenden Häusern in ihrer Straße feuern.

"Diese Kinder leben an der Frontlinie eines Schlachtfelds. Man kann nicht sagen, Granaten könnten die Häuser dieser Kinder treffen – Granaten werden die Häuser dieser Kinder treffen", sagt Oksana Dejnega, 42, Schuldirektorin in Awdijiwka. "Wenn ich den Konflikt und was er für die Kinder bedeutet in einem Wort beschreiben sollte: Horror."

"Was auch immer sie tun, am Ende töten sie Menschen"

Wenn Zivilisten getötet oder verwundet werden, werden ihre traurigen Geschichten von den russischen wie den ukrainischen Medien ausgeschlachtet, sie werden zur Waffe. Das ist die andere Front, an der im Internet parteiische Medien und eine Armee von Trollen kämpfen. Fake News sind in Europa und den USA ein großes Thema geworden, doch hier ist das Phänomen niemandem neu. Nationalistische Verzerrungen und schlichte Lügen gehören hier seit Sowjetzeiten zum Alltag. Wir nennen es Fake News, hier nennen sie es beim Namen: Propaganda.

"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit", schrieb einst der griechische Tragödiendichter Aischylos, doch die bleibenden Opfer sind die Zivilisten. Für die Kinder, die hier gefangen sind, weil ihre Familien aus Armut nicht in einen sicheren Teil des Landes gehen können, ist es egal, wer den Abzug drückt oder die Granate abfeuert.

Wadim kann die Kriegsparteien benennen, die zu unterschiedlichen Zeiten seine Heimatstadt Awdijiwka besetzt haben – aber er versteht nicht, warum die Männer kämpfen. Er weiß nur, dass er Angst hat. "Was auch immer sie tun", sagt er, "am Ende töten sie Menschen."

Aus dem Englischen übersetzt von Carsten Luther

Auf dem Weg zur Schule: Julija (14) und Katja Morhun (12) aus dem ukrainischen Torezk © Ashley Gilbertson / VII for UNICEF