ZEIT ONLINE: Herr Krause, Sie sind Landarzt in Hainewalde, einem Dorf in Sachsen. Vor zwei Monaten sind Sie darüber hinaus bekannt geworden, weil Sie einen Ofen vor die Kassenärztliche Vereinigung in Dresden geschoben und gedroht haben, Ihre Zulassung als Arzt zu verbrennen, um gegen die Bedingungen in Ihrer Branche zu protestieren. Gibt es Ihre Praxis überhaupt noch?

Günter Krause: Auf meinem Ofen habe ich bisher nur Gulasch gekocht. Sie erreichen mich in meinem Sprechzimmer. Ich bin noch immer im Dienst. Heute sind meine Patienten schon weg, jetzt sitze ich hier noch über Papierkram. Heute war ein eher ruhiger Tag. Insgesamt 34 Patienten waren in der Praxis, viel Husten, das geht gerade herum. Hausbesuche habe ich heute ausnahmsweise verschoben, um mich nach der Sprechstunde, um die Aufarbeitung der jüngsten Ereignisse zu kümmern. Ich war nämlich am Mittwochabend zum Gespräch im Dresdner Sozialministerium.

ZEIT ONLINE: Es gab viele Reaktionen auf Ihre Branddrohung, von der Kassenärztlichen Vereinigung, aus der Politik. Man zeigte Verständnis, bot Gespräche an. Also haben sich diese Versprechen erfüllt?

Krause: Ich hatte bei diesem Termin Kollegen dabei, alles Landärzte, alle so frustriert wie ich. Einen Orthopäden aus Bautzen, einen Nervenarzt aus Chemnitz, und zwei weitere Hausärzte aus meiner Nachbarschaft. Mit uns am Tisch saßen die Staatssekretärin aus dem sächsischen Sozialministerium, ihre Referentin, zwei Vertreter von der Kassenärztlichen Vereinigung, zwei Vertreter von Krankenkassen und zwei Leute von der Prüfstelle für Regresse. Es wurde ja versprochen, dass sich alle Beteiligten endlich mal zusammensetzten, um über die Probleme, die sich im Gesundheitswesen gestaut haben, zu reden. Also, ja, miteinander reden, das hat sich erfüllt. Das haben wir zwei Stunden lang getan.

ZEIT ONLINE: Welche Wünsche oder Forderungen hatten Sie mitgebracht?

Krause: Uns war schon klar, dass für uns nicht sofort neue Gesetze gemacht würden, wir nicht das Gesundheitssystem revolutionieren würden. Ich kann als einzelner Arzt keine Lösung für Probleme bringen, an denen sich so viele Beteiligte seit Jahrzehnten abarbeiten. Ich kann aber Probleme nennen, die garantiert nicht nur mich betreffen und unsere Arbeit stark beeinträchtigen. Dazu gehört, dass unsere Schichten sehr lang sind, weil immer mehr Ärztenachwuchs auf dem Land fehlt. Wie kann man also neue Leute gewinnen, die dann auch wirklich dauerhaft in den Dörfern bleiben, um die medizinische Versorgung zu erleichtern? Sind die Budgets für Allgemeinärzte in der Provinz, die oft viele ältere Patienten versorgen müssen, angemessen? Was kann man beim Umgang mit Regresszahlungen verbessern? Die drohen uns nach drei, vier Jahren, so lange ziehen sich die Prüfungen unserer Abrechnungen teilweise hin. Und kann man die Bürokratie insgesamt abbauen? Es fällt für uns jeden Tag viel Arbeitszeit an, nur um die Dokumentationen zu erledigen. Diese Stunden fehlen bei den Patienten.

ZEIT ONLINE: Sind Sie nach dem Runden Tisch optimistisch?

Krause: Es lief alles freundlich ab, fair, diplomatisch. Wir wurden sehr gelobt, es wurde immer wieder betont, dass wir unsere Arbeit ganz toll machten. Aber uns wurde auch gesagt, dass die Vertreter der Kassen und der Politik eben oft nicht so können, wie sie wollen würden. Dass auf Landesebene schon viel bewegt worden, aber manches eben auch Sache der Bundespolitik sei. Es wurde auf die ärztliche Selbstverwaltung verwiesen, die Probleme wurden also an uns zurückgegeben. Und es wurde erklärt, dass alles ja auch gar nicht so schlimm sei, wie wir es darstellten. Insgesamt wirkte es auf mich, als würde man diese Geschichte am liebsten schnell abhaken. Ich hatte vorher nicht viel erwartet, war aber überrascht, dass es offenbar sehr verschiedene Wahrnehmungen der Realität gibt.

ZEIT ONLINE: Zur Realität in Sachsen gehört, dass 200 Hausärzte fehlen. Diese Zahl hat das sächsische Sozialministerium gerade erst veröffentlicht. Vor allem in ländlichen Regionen, auch in anderen Teilen Deutschlands, droht eine Unterversorgung. Es gibt inzwischen aber auch etliche Maßnahmen, mit denen man versucht, neue Mediziner auf die Dörfer zu holen, etwa Stipendienprogramme und Hilfe bei der Praxiseinrichtung. Was halten Sie davon?

Krause: Das wurde bei unserem Gespräch auch immer wieder erwähnt, all die tollen Programme, die es schon gibt. Ich glaube erst mal nicht, dass es an medizinischem Nachwuchs mangelt. Die Hörsäle der Mediziner sind voll. Als ich vor einigen Jahren studiert habe, ist allerdings ein Drittel meiner Kommilitonen ins Ausland gegangen, das nächste Drittel in die Forschung, nur das letzte Drittel kam beim Patienten an. Auf dem Dorf sind die wenigsten gelandet. Das Problem ist also: Wie kriegt man die Leute dahin, wo man sie braucht? Ich denke nicht mit süßlichen Werbefilmen übers Landleben. Auch nicht unbedingt, indem man ihnen die Ausbildung finanziert gegen das Versprechen, aufs Land zu kommen. Ist man hart im Nehmen, macht man das vielleicht ein paar Jahre mit. Aber dann landet man schnell bei den Problemen, mit denen wir uns im Alltag herumschlagen.

ZEIT ONLINE: Es gibt Kollegen, die arbeiten gern als Landarzt und finden, Sie übertreiben.

Krause: Das hat mir noch niemand direkt gesagt. Aber ich lese immer mal Geschichten von Landärzten, die überglücklich sind und nichts zu meckern haben. Kann ja sein. Bei mir ist es eben anders. Mir ist die Zeit einfach zu schade, die ich hier jeden Tag am Schreibtisch sitze, um stundenlang zu begründen, warum ich welchem Patienten welche Pille aufgeschrieben habe, oder warum ich diesen Patienten noch zur Physiotherapie schicke. In diesen Stunden könnte ich im Wald spazieren oder mit meinen Kindern spielen.