Mit Rundgängen sollen eine Frau und zwei Männer von der Polizei und dem Ordnungsamt die Sicherheit erhöhen. Im Plausch nebeneinander, der Mann vom Ordnungsamt in der Mitte, laufen sie durch den Mittelgang des Blechen Carré, des großen Einkaufszentrums mitten in Cottbus. Vorbei an Bubble Tea One, Gelato Artista und an den bunten Leuchtreklamen der Modeketten. Am hinteren Ausgang, wo sich eine Currywurstbude an einen Glühweinstand schmiegt, tritt die Gruppe nach draußen in die Kälte, biegt rechts ab und läuft an den Straßenbahngleisen zurück zum Haupteingang. Dann beginnt die nächste Runde.

Ihnen folgen die aufmerksamen Blicke älterer Damen und Herren, die auf Bänken Runde um Runde der Sicherheitskräfte verfolgen. "Dass es so weit kommen musste hier in Cottbus", sagt einer kopfschüttelnd.

So weit ist es also gekommen in Cottbus, südliches Brandenburg, nicht weit von der polnischen Grenze. Aber wie hat es begonnen?

Die Rentner und viele andere, mit denen man in Cottbus spricht, antworten: Es begann mit den Flüchtlingen und damit, dass diese sich angeblich nicht benehmen. Vergangene Woche verletzte ein syrischer Jugendlicher vor dem Blechen Carré einen Deutschen mit einem Messer. Ein anderer soll ein Ehepaar am Eingang ebenfalls mit einem Messer bedroht haben. Im vergangenen Jahr sprach die Stadt über den Prozess gegen einen Flüchtling, der eine Rentnerin überfallen und getötet haben soll.

"Subjektive Sicherheit" soll erhöht werden

Der brandenburgische Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) und der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) reagierten. Am vergangenen Freitag beschlossen sie, bis auf Weiteres Polizei und Ordnungsamt in Uniform und in Zivil in mehreren Gruppen rund um das Einkaufszentrum patrouillieren zu lassen. So werde die "subjektive Sicherheit erhöht", heißt es zur Begründung von der Polizei. Am Vorplatz der Stadthalle sollen die Überwachungskameras fest installiert bleiben.

Der Platz ist der zweite Schauplatz des Konfliktes, oder besser gesagt: der Konflikte. Hier kommt es immer wieder zu Prügeleien, zuletzt vor allem zwischen Flüchtlingen und "einheimischen Trinkern", wie der rbb sie nennt. Früher waren es Nazis und Punks, die sich hier betranken und dann miteinander anlegten. Zeitweise hatte die Stadt Alkohol auf dem Platz verboten.

Der Vorplatz der Stadthalle Cottbus © Michael Stürzenhofecker für ZEIT ONLINE

Überhaupt, früher. So beginnt die andere Antwort auf die Frage, wie es in Cottbus so weit kommen konnte. Demnach hatte die Stadt schon viel länger ein Problem, das erst durch die Flüchtlinge richtig sichtbar wird. Mit Rechtsextremismus, aber auch mit dem, was harmloser ist und davor kommt: Vorbehalten gegenüber Fremden. 

Im August 1992 belagerten Neonazis ein Asylbewerberheim, erst nach drei Nächten konnte die Polizei die Lage beruhigen. Im Oktober 2015 "überrannten" Nazis und Anwohner die Polizei, als diese sie davon abhalten wollte, ein Willkommensfest für Flüchtlinge zu stören, berichteten die Potsdamer Neuesten Nachrichten.

Hochgradig gewaltorientiert

Bei der Bundestagswahl holte die AfD hier die meisten Zweitstimmen. Rechte Bündnisse haben die Stadt als neuen Schwerpunkt für Aktionen ausgemacht, und sie haben Zulauf. Aus dem nahen Ostsachsen tauchen immer wieder rechte Kader in Cottbus auf. Der brandenburgische Verfassungsschutz und das Innenministerium warnten bereits ausdrücklich vor der rechtsextremen Szene in der Region, die "hochgradig gewaltorientiert" sei.

Was das konkret heißt, weiß Bahador Azizi. Der junge Afghane sitzt ein paar Straßenbahnhaltestellen vom Einkaufszentrum entfernt im Süden der Stadt vor einem Matheheft und einem Wörterbuch. An Silvester attackierten mehrere junge Männer ihn und zwei seiner Freunde auf dem Heimweg. Sie schrien die jungen Afghanen an. Azizi und seine Freunde verstanden nicht genau, was sie sagten. Sie hörten "Ausländer" und "Haut ab". Dann schlugen sie Azizi ins Gesicht, sein Kiefer barst. Einer seiner Freunde bekam eine Flasche ab, sie rannten.