Im Hamburg überprüfen Rechtsmediziner routinemäßig das tatsächliche Alter von Flüchtlingen. Geht es nach Klaus Püschel, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, sollte dies künftig bundesweit geschehen. Das sagte er im Interview mit der ZEIT.  

"Wenn es Widersprüche zwischen der Einschätzung der Behörden und den Angaben der Person gibt, dann bekommt sie die Möglichkeit, mit einer Untersuchung zu beweisen, dass sie jünger ist", sagte Püschel. Er verstehe nicht, dass das nicht deutschlandweit einheitlich gehandhabt werde. Die standardisierten Untersuchungsverfahren seien nicht aufwendig. Er verstehe auch nicht, warum Behörden nicht häufiger Angaben überprüften, die falsch sein könnten.

Püschel, dessen rechtsmedizinisches Institut derartige Altersbestimmungen durchführt, sagte weiter, er könne "unzählige Beispiele" nennen, in denen Flüchtlinge der Lüge überführt wurden. In der Vergangenheit seien ungefähr drei Viertel der untersuchten Personen viel älter gewesen, als sie behaupteten. In den letzten zwölf Monaten sei es noch ungefähr die Hälfte gewesen. "Es kann also sein, dass unsere Untersuchungen zumindest in Hamburg zu Klärung und Wahrheit beigetragen haben."

Mit Blick auf ein Foto des jungen Afghanen, der im Verdacht eines Tötungsdelikts steht, sagte Püschel: "Anhand des Fotos ist diese Person für mich deutlich älter als 15 Jahre. Ich schätze den jungen Mann sogar auf deutlich über 20 Jahre." Der Mann hatte in Kandel in Rheinland-Pfalz eine 15-jährige Schülerin erstochen. Er behauptet, 15 Jahre alt zu sein; es bestehen allerdings Zweifel an seiner Minderjährigkeit. Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte daraufhin bundeseinheitliche Verfahren zur Altersfeststellung von mutmaßlich minderjährigen Asylbewerbern gefordert. Im Saarland müssten sich Flüchtlinge im Zweifel einer Prüfung anhand der Handknochen unterziehen, sagte die CDU-Politikerin. Bei 35 Prozent dieser Fälle sei festgestellt worden, dass es sich um Volljährige und nicht um Jugendliche handelte.

Bundesärztekammer: "Eingriff in das Menschenwohl"

Die CSU-Bundestagsabgeordneten wollen auf ihrer am Donnerstag beginnenden Klausurtagung die Forderung beschließen, bei allen angeblich minderjährigen Flüchtlingen das Alter festzustellen."Ich bin der Auffassung, dass wir zukünftig bei allen angeblich minderjährigen Flüchtlingen, bei denen konkrete Zweifel an der Minderjährigkeit bestehen, bereits bei der Einreise eine verpflichtende medizinische Altersfeststellung benötigen", sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Stephan Mayer (CSU).

Die Bundesärztekammer lehnt ärztliche Untersuchungen zur Altersfeststellung von Asylbewerbern ab. Wenn man das bei jedem Flüchtling täte, wäre das ein Eingriff in das Menschenwohl, sagte Verbandspräsident Frank Ulrich Montgomery der Süddeutschen Zeitung. Nach den Regeln des Strahlenschutzes sei eine Altersfeststellung nur im Rahmen eines Strafprozesses zulässig. Auch der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) geht der Vorschlag zu weit. Es sei ausreichend, dass Jugendämter nur im Zweifelsfall oder auf Antrag der Betroffenen die Möglichkeit haben, eine ärztliche Untersuchung zu veranlassen.