Der Orkan Friederike hat in ganz Deutschland für starke Beeinträchtigungen im Straßen-, Flug- und Zugverkehr gesorgt. Während an den Flughäfen Köln/Bonn, Düsseldorf und Berlin auf mehreren innerdeutschen Strecken zeitweise Flüge ausfielen, hat die Deutsche Bahn den Fernverkehr bundesweit eingestellt. Nach Angaben einer Sprecherin blieben Züge in den Abfahrtsbahnhöfen stehen oder wurden in Bahnhöfen unterwegs gestoppt. Ihr zufolge dürfte der Stopp den gesamten restlichen Tag andauern. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt steht zudem der Regionalverkehr still. Wenn Sie gerade unterwegs sind, lesen Sie hier unsere Hinweise für Reisende.

Deutliche Einschränkungen soll es auch noch am Freitag geben. Betroffene Strecken müssten erst mit Hubschraubern abgeflogen werden, um mögliche Schäden zu sichten, sagte ein Bahnsprecher. Dann müsse eine Lok ohne Fahrgäste die Strecke abfahren, bis klar sei, dass die Gleise nutzbar sind. Erste Reparaturtrupps sind bereits im Einsatz, um Oberleitungen zu reparieren und Bäume von Gleisen zu räumen. Die Bahn bat die Kunden, Reisen – wenn möglich – zu verschieben. 

Gutscheine für Hotels und Taxis, Züge zum Aufwärmen

Im Fall des eingestellten Fernverkehrs sprach der Konzern von einer "notwendigen Vorsichtsmaßnahme". Nach Angaben eines Sprechers wäre es "fahrlässig, die Züge irgendwo, wo man noch fahren kann, noch fahren zu lassen – und dann bleiben Hunderte Fahrgäste auf irgendeinem Bahnhof oder schlimmstenfalls auf freier Strecke hängen". Diese Situation müsse man vermeiden und so verhindern, dass Fahrgäste nicht betreut werden können. An den betroffenen Bahnhöfen verstärkte die Bahn ihr Personal. Unter anderem in Köln, Dortmund, Hannover, Kassel, Bremen und Hamburg wurden sogenannte Aufenthaltszüge für Reisende bereitgestellt. An den Informationsschaltern können sich Betroffene über die Ausgabe von Hotel- und Taxigutscheinen informieren.

Windgeschwindigkeiten über Deutschland

Seit dem Morgen war das Sturmtief mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 203 Kilometern pro Stunde über Deutschland und seine Nachbarländer hinweggefegt. Es gab mehrere Verletzte und allein in Deutschland sechs Tote, zwei davon in Nordrhein-Westfalen. Im niederrheinischen Emmerich wurde ein 59-jähriger Mann von einem entwurzelten Baum erschlagen, in Lippstadt im Kreis Soest kam ein 68-Jähriger bei einem Zusammenstoß ums Leben. Der Transporter des Mannes ist bei starken Sturmböen auf einer Kreisstraße umgekippt. Dabei geriet er auf die Gegenfahrbahn, wo ein 40 Tonnen schwerer Lastwagen in das Fahrzeug hineinfuhr.

Sturmtief - Friederike erreicht Westen Deutschlands Mehrere Bundesländer sind von dem Sturmtief betroffen. Die Deutsche Bahn hat unterdessen in Nordrhein-Westfalen den Zugverkehr komplett eingestellt. © Foto: Lisa Forster/dpa

Im thüringischen Bad Salzungen wurde ein Feuerwehrmann von einem Baum erschlagen und ein weiterer schwer verletzt. Ein weiterer Mann verunglückte tödlich, als auf der A 13 in Südbrandenburg sein Lastwagen umkippte. Bei einem weiteren Unfall in Mecklenburg-Vorpommern wurde eine Autofahrerin gegen einen Lastwagen geschleudert und kam dabei ums Leben.

In Köln brachte eine Frau ihr Baby in einem Auto zur Welt. Vater und Mutter waren am Donnerstagnachmittag zur Entbindung auf dem Weg in die Klinik, als eine sturmbedingte Straßensperrung eine rechtzeitige Ankunft verhinderte, berichtete die Feuerwehr.

Brücken und Autobahnen gesperrt

Feuerwehr und Rettungsdienste waren in ganz Deutschland im Dauereinsatz. In vielen Städten wurden Krisenstäbe eingerichtet. Die Behörden riefen Menschen dazu auf, in Gebäuden zu bleiben. Wochenmärkte wurden abgesagt, Parks und Zoos geschlossen. In einigen Bundesländern fiel der Schulunterricht aus oder wurde früher beendet. In der Region Aachen riet die Polizei davon ab, Fahrräder zu benutzen: Radfahrer seien durch die Böen besonders gefährdet und könnten stürzen. Die Stadt Köln sperrte die Domplatte teilweise ab, nachdem bei vergangenen Stürmen immer wieder lose Steine herabgestürzt sind. Am Morgen haben Windböen auf der Domplatte mehrere Menschen erfasst und zu Boden gerissen.

In Nordrhein-Westfalen mussten mehrere Rheinbrücken und Autobahnen wegen umgekippter Lastwagen, Bäumen und umherfliegender Äste gesperrt werden. Praktisch flächendeckend berichteten Polizei und Feuerwehren von umgestürzten Bäumen, umgewehten Verkehrsschildern und durch den Orkan abgedeckten Dächern. Allein die Kölner Feuerwehr meldete bis zum frühen Nachmittag 525 Einsätze, in Duisburg warnte die Stadt mit Sirenen vor der Sturmgefahr.

140.000 Haushalte in Ostdeutschland ohne Strom

Am Nachmittag erreichte die Unwetterfront Ostdeutschland. Rund 140.000 Haushalte waren dort zwischenzeitlich ohne Strom. Der Orkan habe Bäume auf Stromleitungen kippen lassen und Strommasten umgeworfen, teilte die Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) mit. Bis zum Abend war gut die Hälfte der betroffenen Haushalte wieder am Stromnetz angeschlossen. Rund 350 Mitarbeiter arbeiteten daran, auf andere Leitungen umzuschalten, um rasch viele Haushalte wieder anzuschließen.

In Thüringen waren mehrere Autobahnabschnitte aufgrund umgestürzter Lastwagen gesperrt. Betroffen waren unter anderem die A 9 im Bereich Schleiz und die A 4 im Bereich Eisenach. In Pößneck wurde das Dach einer Schule abgerissen, in der sich noch Kinder befanden. Alle Schüler blieben unverletzt. In Mecklenburg-Vorpommern zählte die Polizei mehr als hundert Verkehrsunfälle. Einige Abfahrten der A 14 wurden durch Lastwagen blockiert, die weder vor- noch zurückkamen. Vielerorts gingen dem Sturmtief Schnee- und Regenfälle voraus, die vor allem im Norden Deutschlands für glatte Straßen und damit verbundene weitere Probleme sorgten.

"Ein Orkan der Königsklasse"

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat das Tief inzwischen teilweise vom Orkan zum Sturm heruntergestuft. "Für Nordrhein-Westfalen, den westlichen Teil Niedersachsens, den Nordwesten Hessens und für Rheinland-Pfalz ist die Orkanwarnung aufgehoben worden", sagte DWD-Sprecher Andreas Friedrich. Weitere Aufhebungen würden "Zug um Zug" folgen, während sich das Sturmtief nach Osten verlagert. Allerdings gelte die Orkanwarnung vor allem im Osten Deutschlands wohl noch bis zum späten Abend, sagte Friedrich. Die höchsten Windgeschwindigkeiten seien in den Mittagsstunden auf dem Brocken im Harz gemessen worden, wo der Orkan eine Geschwindigkeit von 203 Kilometern in der Stunde erreichte. "Damit haben wir genau elf Jahre nach Kyrill wieder einen Orkan der Königsklasse", sagte Friedrich.

Auch in den Nachbarländern sorgte der Sturm für Chaos. In den Niederlanden und in Belgien starben zwei Menschen. Auf Gleisen und Straßen ging in dem Land nichts mehr, der Flughafen Schiphol in Amsterdam strich vorübergehend alle Flüge, weil der Wetterdienst die höchste Alarmstufe ausrief. In Belgien starb eine Frau, als ein Baum auf ihr Auto stürzte. In Gent waren am Morgen mehrere Straßen, Brücken und auch der Hafen gesperrt.