Die Syrer von Cottbus haben eingeladen, und Dietrich Hallmann ist gern gekommen. Es ist ja seine Stadt. So steht er, 80 Jahre alt, den großen Körper auf einen langen schwarzen Regenschirm gestützt, an diesem Samstagvormittag auf dem Altmarkt in der Innenstadt. Hallmann demonstriert mit tausend anderen für ein "Leben ohne Hass", so das Motto der Kundgebung. Um ihn herum schieben Eltern Kinderwagen oder fotografieren ihren Nachwuchs mit Luftballons in der Hand, die die Syrer aufpusten und verteilen. Dazwischen einige Studenten und Ältere, die Fahnen von Parteien schwenken: Grüne, SPD, verschiedene Linke. Hallmann sagt, er sei heute hier, "damit der Ruf der Stadt nicht weiter versaut wird".

Der Ruf der Stadt hat gelitten in den vergangenen Wochen. In der Silvesternacht verletzten mehrere Unbekannte die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Vor dem Einkaufszentrum Blechen Carré verwundete ein junger Syrer einen deutschen Jugendlichen mit einem Messer, drei andere sollen ein Ehepaar mit einem Messer bedroht haben. Dazu kommen mehrere weitere bestätigte und unbestätigte kleinere Zwischenfälle, bei denen mal Syrer angefangen haben sollen, mal Deutsche.

Nicht alle Teilnehmer der "Leben ohne Hass"-Demo waren sich einig über ihre Ziele. © Stefanie Loos für ZEIT ONLINE

Dieser Samstag soll den Ruf nun also retten. Aber so einfach ist es nicht. Nicht in Cottbus, und nicht, wenn es um Flüchtlinge geht. Denn es gibt heute noch eine zweite Demo. Die ist doppelt so groß, und auch hier ist man der Meinung, dass man Cottbus retten muss. Nur anders.

200 Meter von Hallmann und den anderen entfernt treffen sich ein paar Stunden später alle, die eher dem rechten Verein "Zukunft Heimat" nahe stehen. "Schützt endlich unsere Grenzen vor dem illegalen Übertritt Fremder! Stellt endlich die Rechtsordnung wieder her!", heißt es im Demoaufruf. Und: "Ganz Deutschland schaut jetzt auf Cottbus!"

Das ist vielleicht übertrieben. In Cottbus aber trifft man an diesem Morgen in der Innenstadt kaum jemanden, der nicht zumindest darüber nachgedacht hat, zu einer der beiden Demos zu gehen. Und fragt man sie, auf welcher Seite sie dann mitlaufen würden, reagieren sie mit einem empörten "Was denken Sie denn?" oder "Ist doch klar?!" Nichts mit dem Thema zu tun haben, das geht in Cottbus nicht mehr.

Mitorganisator von "Leben ohne Hass", Mohammed Nour Aldosh © Stefanie Loos für ZEIT ONLINE

Ist die Stadt also geteilt, in genau zwei Lager? Wenn man den Demonstranten zuhört, wird klar: Ganz so einfach ist es nicht. Zum Beispiel sind sich auf der "Leben ohne Hass"-Demo nicht alle einig, worum es eigentlich geht. Die Rednerin vom Bündnis "Cottbus Nazifrei" ruft dazu auf, man solle doch nachher noch hinüber gehen zur anderen Demo, um da zu "stören". Da schaut Mohammed Nour Aldosh irritiert. "Ich will nicht stören, keinen Streit anfangen", sagt er. "Deswegen sind wir doch hier." Er trägt eine weiße Weste, auf der "Ordner" steht. Aldosh ist einer der Syrer, die die Demo initiiert haben.

"Wir wollen heute die Stimmung beruhigen und zeigen, dass nicht alle Syrer gleich sind", sagt Mohammed, während er eine Peace-Fahne ausrollt. "Vor allem denen, die Angst haben." Ein paar Böse gebe es leider überall. Dass Flüchtlingsgegner am selben Tag nur 200 Meter von ihnen entfernt auch demonstrieren, findet Mohammed okay. "Das ist Demokratie und gut so", sagt er.

Auch Dietrich Hallmann hat noch etwas zu sagen. Er glaubt, die Wut vieler Cottbusser auf die Ausländer habe mit den eigenen Wendeerfahrungen zu tun. "Viele hatten das Gefühl, sie wurden überrollt", sagt er. "Wir haben uns anpassen müssen ohne viel Anleitung." Deshalb hätten jetzt viele kein Verständnis, wenn das bei den Flüchtlingen nicht immer gelänge.