Berichte über Sexpartys in Haiti und im Tschad bringen die britische Hilfsorganisation Oxfam zunehmend in Erklärungsnot. In beiden Fällen wird der Nichtregierungsorganisation (NGO) vorgeworfen, die Ereignisse vertuscht zu haben. Die britische Ministerin für internationale Zusammenarbeit, Penny Mordaunt, sagte im Sender BBC, die Regierung könne ihre Zuwendungen streichen, wenn Oxfam und andere Hilfsorganisationen die Schutzvorkehrungen gegen solche Vorfälle nicht ordentlich umsetzten. Mordaunt kündigte ein Treffen mit Verantwortlichen der Organisation für Montag an. Im vergangenen Fiskaljahr erhielt die NGO mit Sitz in Oxford von der britischen Regierung Medienberichten zufolge fast 32 Millionen Pfund (etwa 36 Millionen Euro).

Oxfam teilte mit, man nehme die Anschuldigungen sehr ernst und prüfe die Vorwürfe gründlich. Das britische Wochenblatt The Observer hatte berichtet, im Tschad seien im Jahr 2006 wiederholt mutmaßliche Prostituierte in das Haus des Oxfam-Teams eingeladen worden. Ein leitender Mitarbeiter sei damals wegen seines Verhaltens entlassen worden.

"Sie luden die Frauen zu den Partys ein. Wir wussten, dass das nicht nur Freundinnen waren", zitiert das Blatt einen Ex-Mitarbeiter. "Sie (Oxfam) leisten großartige Arbeit, aber das ist ein sektorweites Problem." Oxfam wollte die Vorwürfe zum Tschad am Sonntag weder bestätigen noch dementieren.

Partys im Haus Oxfams

Schon am Freitag hatte die Zeitung The Times berichtet, Oxfam-Mitarbeiter hätten während ihres Einsatzes nach dem schweren Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 Sexpartys mit Prostituierten veranstaltet. Dem Artikel zufolge, der sich auf einen internen Oxfam-Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2011 berief, sollen die Partys in einer von Oxfam angemieteten Villa stattgefunden haben. 

Prostituierte seien aber laut Oxfam nicht aus Oxfam-Mitteln bezahlt worden. Aufgrund der besonderen Situation nach dem Erdbeben in Haiti sei "die örtliche Polizei auch nicht eingeschaltet" worden. Dass minderjährige Prostituierte engagiert wurden, sei "nicht bewiesen". Oxfam entließ nach eigenen Angaben wegen des Skandals vier der beschuldigten Mitarbeiter. Zwei weitere Oxfam-Angestellte kamen ihrer Entlassung durch Kündigung zuvor.

Die britische Ministerin Mordaunt sagte in der BBC, sie erwarte eine umfassende Zusammenarbeit von Oxfam mit den Behörden. Die Organisation habe in Bezug auf die "moralische Führung" versagt. Oxfam-Leiter Mark Goldring sagte, er sei "tief beschämt" vom Verhalten des Oxfam-Teams in Haiti. Die Vorfälle seien inakzeptabel und ein gravierender Verstoß gegen den Verhaltenskodex von Oxfam. Der Skandal sei aber nicht vertuscht worden.

Die als Kontrollinstanz für die NGOs fungierende Wohltätigkeitskommission gab an, von Oxfam im August 2011 einen Bericht erhalten zu haben. Darin war demnach die Rede von "unangemessenem sexuellem Verhalten, Einschüchterung und Belästigung". Dagegen seien "Missbrauch" von Oxfam-Nutznießern oder "mögliche sexuelle Vergehen gegen Minderjährige" nicht erwähnt worden. Hätte sie seinerzeit über "alle Einzelheiten" verfügt, die jetzt durch die Presse aufgedeckt worden seien, hätte sie sich anders verhalten, erklärte die Kommission am Samstag.