ZEIT ONLINE: Bald verkleiden sich wieder Menschen in ganz Deutschland, unter anderem als "Indianer", "lustiger Afrikaner" oder "Chinese". Woher kommt die Faszination für diese längst überholten Klischees?

Noa K. Ha: Es ist die Faszination für das vermeintlich Andere, das Fremde und Exotische, das viele Europäer seit der Kolonialzeit suchen. Dass diese Anderen gar nicht so anders waren, sondern auch Menschen mit Familien und Alltag, das spielte keine große Rolle. Man brauchte das Andere, um sich selbst davon zu distanzieren und über die Anderen zu erhöhen. Man projizierte Fantasien auf sie, machte sich lustig über sie. Dieses Muster besteht bis heute fort.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, dass man das Andere "brauchte". Inwiefern war das denn eine Notwendigkeit?

Ha: Im Kolonialismus wurde ein verzerrtes Wissen über die Anderen generiert, um die Europäer darüber zu informieren, wer die Unterworfenen eigentlich sind. Wer fundamental anders ist als ich selbst, den muss ich ja nicht behandeln wie meinesgleichen. Im Kolonialismus wurden nicht nur Territorien erobert und Menschen unterworfen, er ging immer auch mit kultureller Deutungsmacht einher. Die Kolonialherren bestimmten, wer und wie die Anderen sind oder zu sein haben, um sie von sich selbst zu distanzieren. In den Kostümen spiegelt sich dieser Anspruch bis heute wider.

ZEIT ONLINE: Dabei geht es gerade beim Karneval doch auch darum, zu überspitzen, Tabus zu brechen und Verhältnisse umzukehren?

Ha: Ja, das stimmt. Aber die Frage ist, ob mit Chinesen- oder Afrikaner-Kostümen ein Tabu gebrochen wird, oder ob gewisse Klischees mit einer langen Tradition unhinterfragt weitergeführt werden. Was viele ausblenden, ist, dass die Geschichte der ethnisierenden Verkleidungen mit kolonialem Raub und Plünderungen verknüpft ist. Die ethnologischen Museen in Europa sind voll von Artefakten, die den ursprünglichen Eigentümern zum Teil gewaltsam entrissen wurden. Auf viele dieser Artefakte nehmen Karnevalskostüme Bezug. Sie sind nicht unschuldig.

ZEIT ONLINE: Und doch fühlen sich viele Menschen persönlich angegriffen, wenn sie auf die problematische Geschichte hingewiesen werden. Wie erklären Sie sich das?

Ha: Die meisten Menschen sind hier mit dem Verständnis aufgewachsen, alles für sich beanspruchen zu können – auch das kulturelle Wissen der ehemals Kolonialisierten. Davon zeugen die Ausstellungen in den ethnologischen Museen bis heute, und die vielen Fragen der Provenienz und Restitution, die noch nicht beantwortet sind.

Aber warum glauben wir, dass wir uns mit den Kleidern der Anderen kostümieren können, ohne zum Beispiel deren spirituellen Kontext zu kennen? Was wissen wir beispielsweise über den Kopfschmuck indigener Menschen Nordamerikas? Sehr wenig. Und dennoch taucht der Federschmuck immer wieder und unhinterfragt in populärkulturellen Kontexten auf.