Der Betreiber des Waffen-Onlineshops Migrantenschreck, Mario Rönsch, ist am Mittwoch in Ungarn verhaftet worden. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte seit mehr als einem Jahr gegen ihn wegen illegalen Waffenhandels in 193 Fällen und suchte ihn mit einem Europäischen Haftbefehl. Rönsch hatte über den Onlineshop mit dem zynischen Namen gefährliche Schreckschusswaffen vertrieben und sie von der ungarischen Hauptstadt Budapest aus an Kunden in Deutschland geliefert.

Die Waffen sind in Ungarn für Erwachsene legal erhältlich. In Deutschland gelten sie jedoch wegen ihrer Bauart als illegale Schusswaffen. Sie verschießen Gummikugeln, mit denen Menschen verletzt und sogar getötet werden können, wie Versuche von Fachleuten ergaben. Unter den Waffen, die Rönsch handelte, waren neben Pistolen und Revolvern auch Schreckschussgewehre, die aussehen wie eine Kalaschnikow, und doppelläufige Flinten.

Migrantenschreck richtete sich gezielt an deutsche Kunden und bewarb die Waffen mit rassistischen Sprüchen gegen Flüchtlinge und andere Ausländer. Dazu verbreitete die Seite Gerüchte über angebliche Gewalttaten, die Flüchtlinge und andere Einwanderer begangen haben sollen.

Rönsch schickte Hunderte der Waffen per Post nach Deutschland. Das belegen Recherchen von ZEIT ONLINE. Wie detaillierte Kundendaten zeigen, die ZEIT ONLINE zugespielt wurden, haben mindestens 198 Besteller aus Deutschland, der Schweiz und Österreich bis Ende Januar 2017 Waffen für mehr als 150.000 Euro bei Migrantenschreck gekauft.

Die Waffenkäufer

An diese Orte wurden seit Mai 2016 Waffen geliefert. Jede Waffe steht für eine Bestellung. Wir zeigen nicht die konkrete Adresse, sondern lediglich den Postleitzahlbereich. Klicken Sie auf eines der Symbole, um weitere Details der einzelnen Bestellungen zu sehen.

Weitere Recherchen zeigten, dass Rönsch sein Geschäft mit der Angst von Budapest aus betrieb. Als ZEIT ONLINE ihn danach fragte, behauptete Rönsch, nichts Unerlaubtes zu tun. Sein Shop sei rechtmäßig und Ungarn seine Wahlheimat.

Die deutschen Behörden sahen das anders. Im Januar 2017 durchsuchte der Zoll in einer landesweiten Aktion die Wohnungen von Käufern und eröffnete mehrere Verfahren gegen sie. Nun ist der Betreiber des Onlineshops selbst das Ziel der Ermittlungen.

Am heutigen Mittwoch durchsuchten deutsche Beamte zusammen mit der ungarischen Polizei zwei Wohnungen in Budapest und Barcs und nahmen den 34-jährigen Rönsch fest. Seine Auslieferung nach Deutschland könne wegen einiger Formalitäten noch etwas dauern, sagte die ermittelnde Staatsanwältin Susann Wettley ZEIT ONLINE. "Aber die Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden ist sehr gut."

Nach dem Bericht von ZEIT ONLINE und anderen Medien war der Onlineshop im Februar 2017 aus dem Internet verschwunden. Jedoch tauchte einige Zeit später ein neuer Shop mit den gleichen Waffen und ähnlichen Hetzsprüchen auf, dieses Mal unter dem Namen Patriotenshop und mit einer russischen Netzadresse. Ob Rönsch auch Urheber dieser Seite ist, ist nicht erkennbar. Die Staatsanwaltschaft erhofft sich Erkenntnisse dazu aus den während der Durchsuchungen sichergestellten Datenträgern.

Erkenntnisse über Anonymousnews?

Rönsch gilt außerdem als Betreiber der Seiten Anonymous.Kollektiv und Anonymousnews, auf denen seit mehreren Jahren volksverhetzende, verschwörungstheoretische und rassistische Texte erschienen und teils noch immer erscheinen. Auch darüber könnten die Ermittlungen Erkenntnisse bringen.

In der Vergangenheit ist schon mehrfach gegen Rönsch ermittelt worden. Unter anderem hat der damalige Bundestagsabgeordnete Volker Beck wegen des Aufrufs zu Straftaten auf Anonymous.Kollektiv Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Weil die Waffen auf Migrantenschreck mit Videos beworben wurden, in denen auf Fotos von Politikern wie Heiko Maas und Joachim Gauck geschossen wird, lief auch eine Anzeige wegen Volksverhetzung.

Rönsch stammt aus Erfurt und bewegte sich dort in der rechten Szene. Öffentlich in Erscheinung trat er 2014 als Redner der sogenannten Montagsmahnwachen. Einen letzten kurzen öffentlichen Auftritt hatte er im November 2015 während einer Demonstration der AfD. Dort interviewte die ZDF-Reporterin Dunja Hayali Besucher der Demo auf dem Domplatz. Im später vom ZDF veröffentlichten Rohmaterial ist ein Mann zu sehen, der sich ins Bild drängt und Verwünschungen gegen Medien in Hayalis Mikro spricht. Es ist Mario Rönsch.

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