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Als es in der 16. Minute knallte, johlen einige Zuschauer im Stade de France. Es knallt öfter mal in Fußballstadien, meist sind es Böller oder Raketen. Laut, aber harmlos, nichts Ungewöhnliches. Auch die Spieler zucken kaum, Frankreich hatte den Ball, es ging weiter. Obwohl die Erschütterung sehr stark gewesen sein muss, das Stadion hatte leicht vibriert. Selbst als ein paar Minuten später noch eine Detonation zu hören ist, denkt niemand daran, dass soeben der schwarze Freitag von Paris begonnen hat.

Mehr als 120 Tote an sechs verschiedenen Anschlagsorten. Auch vor dem Stadion sind Menschen gestorben. Einige Medien berichten, es habe sich um Selbstmordattentäter gehandelt. Andere, dass die Attentäter erfolglos versucht haben, in die Arena zu gelangen.

Von all dem ahnen die 78.000 Zuschauer im größten Stadion des Landes nichts. Hier, im Vorort St. Denis, wo Frankreich 1998 Weltmeister wurde und das Land so stolz war auf seine Multikulti-Truppe. Auf den Tribünen gibt es zwar ein paar fragende Gesichter, aber Ernst nimmt die Geräusche kaum jemand. Einige fragen auf Twitter, was das denn war. Andere machen Witze über zu viel gegessene Bohnensuppe. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich niemand das Unerklärliche vorstellen kann.

Paris - Frankreich erklärt Ausnahmezustand Frankreichs Präsident François Hollande erklärte am Freitagabend den Ausnahmezustand, nachdem bei Explosionen und Schießereien etwa 120 Menschen ums Leben kamen. Bilder von der Evakuierung des Stade de France

Erst nach und nach erreichen erste Informationen das Innere des Stadions. Anfangs heißt es, es habe eine Explosion in einer Bar in der Nähe der Arena gegeben und eine Schießerei in einer Kneipe in der Innenstadt. Dann, dass Frankreichs Präsident François Hollande in Sicherheit gebracht wurde, der sich mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier das Spiel angeschaut hatte. Hier und da laufen Sicherheitsleute hektisch umher. Die Informationen kommen vor allem über Twitter.

Und es wird immer schlimmer: Eine Geiselnahme bei einem Konzert, wahrscheinlich Selbstmordattentäter vorm Stadion und immer mehr Opfer. Mit jeder Spielminute steigt die Zahl der Toten. Aber während Paris brennt, wird ein Fußballspiel zu Ende gespielt.

Das mag pietätlos klingen, aber wahrscheinlich ist es die richtige Entscheidung. Viele Zuschauer wissen immer noch nicht, was passiert ist. Eine entsprechende Durchsage oder ein Spielabbruch hätte eine Massenpanik auslösen können. Zumal keiner weiß, ob es um das Stadion herum sicher ist. Und so entsteht diese surreale Situation: Torjubel, Bleu-Blanc-Rouge-Fahnen, mit Stolz geschwenkt sowie La-Ola-Wellen, während ein paar Kilometer entfernt Menschen erschossen werden.

Heute wird auch der Fußball angegriffen

Über dem Stadion kreisen zu dem Zeitpunkt Hubschrauber. Die Journalisten schauen nur noch auf ihre Handys. Erst nach und nach, gegen Ende des Spiels, scheinen die Zuschauer verstanden zu haben, dass etwas passiert ist. Es wird leiser im Stadion. Wer Bescheid weiß, guckt schon längst nicht mehr auf den Rasen. Dem ist es egal, dass Deutschland am Ende 0:2 verliert, dass Mario Gómez ein paar Chancen vergibt, dass die Deutschen mit einer Dreierkette gespielt und erstmals ihre neue Trikots vorgeführt haben.

Langsam setzt sich der Gedanke fest: Heute wird zum ersten Mal auch der Fußball angegriffen. Der Bundestrainer Joachim Löw wird später sagen: Er habe bei dem Knall sofort an die Bombendrohung gedacht, die früher am Tag im Mannschaftshotel eingegangen war. "Ich konnte mir in etwa ausmalen, was das sein wird." Am Vormittag hatte die Nationalmannschaft ihr Teamhotel verlassen müssen. Sie ging hinüber ins berühmte Tennisstadion von Roland Garros, wo sie ein paar Selfies machte. Nach ein paar Stunden kehrte sie zurück. Es wirkte wie Routine.

In St. Denis werden Mitte der zweiten Hälfte die Stadiontore geschlossen. Niemand darf mehr hinein, niemand heraus. Wer auf dem Stadionvorplatz steht, so heißt es, wird angewiesen, wieder ins Stadion zu laufen. Etwa eine Viertelstunde vor dem Abpfiff werden die Tore wieder geöffnet. Einige Zuschauer, die etwas mitbekamen, gehen zügig nach Hause.