Oscar Pistorius mit seiner Freundin Reeva Steenkamp am 26. Januar 2013 in Johannesburg. © Waldo Swiegers/AFP/Getty Images

Die Handschellen haben sie ihm erspart. Im Gänsemarsch verlassen Oscar Pistorius und zwei Polizisten in Zivil sein Haus in Silverlakes am Stadtrand der Hauptstadt Pretoria. Der Leichtathlet trägt eine hellgraue Jogginghose und eine silbrig glänzende Sportjacke, die Kapuze ins Gesicht gezogen, den Kopf gesenkt. Man erkennt den Schatten eines Drei-Tage-Barts. Und die Anspannung.

Es sieht aus, als wenn Pistorius frieren würde, so tief hat der 26-Jährige die Hände in den Taschen vor seinem Bauch vergraben. Doch es ist Sommer in Pretoria, die Polizisten tragen schon am Morgen nur Hemd und T-Shirt.

Es war vier Uhr nachts, als in der Wache am Donnerstag der Notruf einging. Nachbarn hatten in der von einer drei Meter hohen Mauer und bewaffneten Wachmännern geschützten Wohnanlage Silverwoods Country Estate Schreie und Schüsse gehört.

Auf den ersten Blick ein Routinefall: Südafrikas Verbrechensrate gehört zu den höchsten der Welt, die Zeitungen berichten nur noch bei ganz besonderen Grausamkeiten oder wenn Prominente oder Touristen betroffen sind. Das Land lebt längst mit der Gewalt. 

 Pistorius war der erste Athlet mit zwei Prothesen bei Olympia

Erst als die Beamten am Tatort eintreffen, bemerken sie, dass dieser Fall alles andere als gewöhnlich ist: Das Haus, in dem die Schüsse gefallen sind, gehört Südafrikas bekanntestem Sportler. Oscar Pistorius hatte die Welt vorher schon mit außergewöhnlichen Nachrichten versorgt. Als erster Athlet mit zwei Prothesen nahm er 2012 in London an den Olympischen Spielen teil.

Pistorius ist ein Idol, ein Mutmacher, wie kein anderer zeigt er, dass ein Behinderter das Gleiche leisten kann wie ein Nicht-Behinderter. Er bekam den Spitznamen: "Schnellster Mann auf keinen Beinen".

Das Magazin Time nahm in die Liste der weltweit 100 einflussreichsten Menschen auf. Doch all das zählt Donnerstagfrüh nicht. Eine andere Seite droht zum Vorschein zu kommen, eine dunkle, und sie könnte das strahlende Vorbild Pistorius ganz überschatten.

Die Polizei wirft Pistorius vor, seine vier Jahre ältere Freundin Reeva Steenkamp erschossen zu haben. Es war eine noch frische Liebe zwischen dem Sportler und dem Model, nachdem sich Pistorius kürzlich von einer Marketingstudentin getrennt hatte.

Hielt er seine Freundin für einen Einbrecher?

Auch Steenkamp genoss eine gewisse Prominenz in Südafrika, im vergangenen Jahr war die studierte Juristin auf dem Cover des Männermagazins FHM abgebildet, und am Sonnabend will der südafrikanische Fernsehsender SABC die erste Folge einer Art Dschungelcamp ausstrahlen, an dem auch Steenkamp teilgenommen hatte. Alle Versuche, Steenkamp noch am Tatort zu reanimieren, scheitern.

Nun überschlagen sich in Südafrika die Gerüchte. Die für gewöhnlich gut unterrichtete afrikaanssprachige Johannesburger Tageszeitung Beeld meldet, Pistorius habe die Frau mit den langen blonden Haaren offenbar für einen Einbrecher gehalten und viermal in Kopf und Hand geschossen.