Jodversorgung Das böse Element

Ich habe komischen Hautausschlag und Koliken, obwohl ich sonst eigentlich gesund bin. Ich vermute, dass die Symptome von dem Jod kommen, das überall zugesetzt wird. Habe ich eine Vergiftung?

Wie viel brauchen wir wirklich? Warum werden Speisesalz und Tierfutter so großzügig damit angereichert? Könnte man nicht auch ohne leben? Wenn es um Jod geht, läuten bei vielen Menschen die Alarmglocken - allerdings nicht immer aus demselben Grund. Deutschland galt jahrelang als Mangelzone für das Spurenelement. Vor allem industrienahe Experten beklagen deshalb noch heute die unzureichende Jodzufuhr der Bevölkerung. Kritiker aber warnen immer häufiger vor einer Jodschwemme, der die Bevölkerung angeblich hilflos ausgeliefert ist und die sie krank machen soll.

Beides ist übertrieben.

Jod ist wichtig, um Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) aufzubauen. Ohne diese körpereigenen Schilddrüsenhormone können Wachstum, Knochenbildung, Gehirnentwicklung und Energiestoffwechsel nicht ungestört ablaufen. Eine gewisse Menge Jod ist also unverzichtbar. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Kinder bis zehn Jahre etwa 100 bis 140 Mikrogramm (µg) des Spurenelements pro Tag, Jugendliche und Erwachsene sollen 180 bis 200 µg Jod am Tag zu sich nehmen. Schwangere und Stillende brauchen sogar noch mehr Jod: 230 bis 260 µg täglich lautet die Empfehlung der DGE, und bereits das ist eine Menge, die sich nur mithilfe zusätzlicher Jodtabletten erreichen lässt.

Wer über längere Zeit hinweg kaum Jod zu sich nimmt, dem geht es buchstäblich an den Kragen: Normalerweise liegt die Schilddrüse unscheinbar unterhalb des Kehlkopfes und produziert fleißig Hormone. Bekommt sie nicht genug Jod, versucht sie die Unterversorgung auszugleichen, indem sie wächst. Es entsteht der so genannte Kropf oder, wie Mediziner sagen, die Jodmangelstruma. Sie geht oft mit Druckgefühl und Schluckbeschwerden einher. Zwar spielen genetische Faktoren, Hormonstörungen und Umwelteinflüsse bei der Entstehung von Schilddrüsenvergrößerungen ebenso eine Rolle. Die häufigste Ursache ist jedoch Jodmangel.

Wie aber kommt man an eine ausreichende Menge Jod? Natürlich mit der Nahrung. Besonders reichhaltig ist das Spurenelement in Seefisch, Meeresfrüchten und Algen enthalten. Deutschlands Böden – und die von ihnen geernteten Pflanzen – enthalten hingegen zu wenig Jod, um uns ausreichend mit dem Nährstoff zu versorgen. Seit rund zwanzig Jahren wird mit Jod angereichertes Speisesalz daher verstärkt in Privathaushalten und der Nahrungsmittelindustrie eingesetzt. Mittlerweile kochen und backen 80 Prozent aller Deutschen zu Hause mit Jodsalz. Außerdem nehmen wir das chemische Element zunehmend mit Milch, Käse, Fleisch und Eiern auf, denn auch Futtermittel werden mittlerweile großzügig damit angereichert.

Obwohl sich die Jodaufnahme mittlerweile um ein Vielfaches verbessert hat, erinnern die Schilddrüsen von etwa jedem dritten Erwachsenen noch an Zeiten des Jodmangels: Sie sind vergrößert oder knotig verändert. Unter Kindern und Jugendlichen sind die Erfolge der jüngsten Jodpolitik hingegen längst sichtbar: Neugeborenen-Kröpfe sind heute eine Seltenheit, Schulkinder haben weitgehend gesunde Schilddrüsen und die Zahl der Jodmangelstrumen unter den 18- bis 30-Jährigen ist seit 1994 deutlich zurückgegangen.

Eine kleine Gruppe kritischer Verbraucher zeigt sich von diesen medizinischen Erfolgen wenig beeindruckt. Sie sehen in der Jodprophylaxe eine Zwangsmedikation und ziehen gegen die Anreicherung von Lebens- und Futtermitteln ins Feld, weil sie Folgeerkrankungen für Menschen mit Schilddrüsenüberfunktion oder Jodallergie fürchten.

Tatsächlich ist eine Überdosierung des wichtigen Mikronährstoffs in der Theorie möglich: Wer längerfristig etwa das fünffache der empfohlenen Tagesdosis Jod zu sich nimmt, muss mit Vergiftungserscheinungen rechnen. Magen-Darm-Beschwerden, Hautausschläge und in Extremfällen Schockzustände sind die Folge. Mehrere Gramm Jod - also das zigtausendfache der DGE-Empfehlungen - können schließlich sogar tödlich sein.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält die Angst vor einer Überdosis indes für völlig unangebracht: Wer gesund ist und eine tägliche Höchstmengen von 500 µg nicht überschreitet, dem drohen weder „Vergiftungen“ noch Schilddrüsen-, oder andere Folgeerkrankungen. Die erlaubte Höchstmenge von Jod in den von der Lebensmittelindustrie hergestellten Produkten liegt ohnehin bei 15 bis 25 Milligramm pro Kilogramm Salz. Selbst wer zehn Gramm Jodsalz am Tag verzehrt, und das ist weit mehr Kochsalz als empfohlen, nimmt maximal 250 Mikrogramm Jod auf, eine Überdosierung auf diesem Weg ist praktisch ausgeschlossen.

Selbst für Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen reichen die in Lebensmitteln enthaltenen Mengen Jod laut BfR nicht aus, um Folgeerkrankungen auszulösen. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Mit der asiatischen, vor allem der japanischen Küche findet man in Deutschland immer häufiger Algenprodukte auf den Speisekarten der Restaurants und auch in der häuslichen Küche. Bestimmte Algensorten können jedoch mehrere Gramm Jod pro Kilogramm Trockengewicht enthalten. Menschen mit guter Jodversorgung vertragen diese Lebensmittel meist problemlos, bei unterversorgten Patienten mit knotigen Veränderungen der Schilddrüse aber können plötzliche hohe Dosen Jod aus einer Algenmahlzeit ein akutes Wachstum der Knoten - und folglich eine akute Schilddrüsenüberfunktion auslösen.

Die verbesserte Jodversorgung der deutschen Bevölkerung senkt das Risiko für solche Nebenwirkungen aber deutlich. Zudem steckt gerade in den beliebten Norialgen von Sushirollen vergleichsweise wenig Jod, so dass auch hier keine Gefahr in Verzug ist. Wer in Deutschland unter Bauchschmerzen und Hautausschlag leidet, wird gemeinsam mit seinem Arzt nach einer anderen Ursache als dem Salzstreuer oder dem Sushibento fahnden müssen.

Alle bisherigen Gesundheitsfragen finden Sie hier »

Mehr zu Gesundheit, Ernährung und Forschung »

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrte Damen und Herren.
    Als autoimmun Schilddrüsenerkrankte (Hashimoto) fühle ich mich von diesem Beitrag verhöhnt.

    Vor meiner Schwangerschaft bin ich durchaus kerngesund gewesen - auch ohne Jodsalz.
    Während der Schwangerschaft nahm ich die verordneten Jodtabletten ein mit folgeschweren Ergebnis:

    Noch während der Schwangerschaft stiegen meine Schilddrüsenwerte sprunghaft an, es bestand Gefahr für die Schwangerschaft und ich musste stationär behandelt werden, bis das Kind sicher geholt werden konnte.
    Nach der Geburt entwickelte sich eine thyreotoxische Krise, welche intensivpflichtig behandelt werden musste.

    Im späteren Verlauf zeigte sich, dass meine SD nachhaltigen Schaden erlitten hatte und sich scheinbar eine Hashimoto Thyreoiditis entwickelt hat.

    Seitdem schrumpft meine SD unaufhaltsam und produziert nicht mehr genügend SD-Hormone und ich bin auf die tägliche Substitution von SD-Hormonen angewisen.

    Diese lassen sich aber niemals so angepasst substituieren, wie der Körper dies sonst übernehmen würde.
    Aufgrund dessen hat sich meine Lebensqualität erheblich verschlechtert, da sich jeweils Unterfunktion und Überfunktion die Klinke in die Hand geben.

    Jod triggert den autoimmunen Zerstörungsprozess meiner SD und die Symptome nehmen vermehrt zu.
    Insofern bin ich natürlich begeistert über die Zwangsjodierung in Deutschland, durch die ich mich entrechtet fühle - von der körperlichen Unversehrtheit, die mir per Gesetz zugesichert wird ganz zu schweigen.

    Einen Grossteil meiner Lebensmittel muss ich aus dem Ausland beziehen. Essen gehen mit Freunden? Vergessen sie es! Für mich als Hashimotoerkrankte ist das Jod zuviel und es rächt sich spätestens am nächsten Tag.

    Aber nicht wie so süffisant beschrieben mit Pickelchen oder Ausschlag.
    Zittern, Tachycardien, Schweissausbrüche, Diarrhoe, bis hin zu pecanginösen Beschwerden ist alles vertreten.

    Und ich bin kein Einzelfall. Und so müssen tagtäglich tausende Menschen unter der Zwangsjodierung leiden, weil man es den Deutschen nicht zutraut sich selbst um ihre Jodzufuhr zu kümmern?

    Die koronare Herzkrankheit nimmt weiterhin stetig zu in Deutschland und verursacht dem Kassensystem horrende Kosten - warum also nicht auch eine Zwangsversorgung mit ß-Blockern? Senken wir das Risiko von Apoplexie in Deutschland doch auch gleich mit - Aspirin für Kühe und Schweine frei Haus!

    Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen - nur so kann ich den Artikel von Ihnen verstehen als Betroffene!

    Rehbehn, Dockweiler

  2. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellt folgendes fest:

    'Deutschland gilt nach wie vor als Jodmangelgebiet, auch wenn sich die Jodversorgung in den letzten Jahren deutlich verbessert hat (D-A-CH, 2000). Nur bei 1,3 Prozent aller Untersuchten ist von einer ausreichenden Jodzufuhr (optimal 180-200 μg/Tag, maximal bis zu 300 μg/Tag) auszugehen. In Deutschland herrscht nach den Kriterien der WHO bevölkerungsweit ein Jodmangel Grad I (Manz et al., 1998). Im Gegensatz zu anderen Ländern mit ausreichender Jodversorgung, wie z. B. der Schweiz oder den USA, sind jodmangelbedingte Schilddrüsenkrankheiten in Deutschland immer noch ein gesundheitliches Problem.'

    siehe http://www.bfr.bund.de/cm...

    Der Autor schwafelt, wie in es der Zeit so oft vorkommt, wieder einmal am Thema vorbei.

  3. Der Autor schreibt nicht nur am Thema vorbei sondern glänzt auch durch qualifiziertes Halbwissen.

    Während die Anzahl der Jodmangelstrumen zurückgeht nehmen die Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse drastisch zu. Inzwischen haben 10 Prozent der Bevölkerung eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Hashimoto Thyreoiditis). Als Auslöser wird u.a. die Zwangsjodierung diskutiert. Kompetente Mediziner warnen bei Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse (Hashimoto-Thyreoiditis u. Morbus Basedow) ausdrücklich vor zusätzlichem Jodkonsum (z.B. durch Jodsalz). Jod verschlimmert in diesen Fällen den Autoimmunprozess. Als Betroffener könnte ich dem Autor gerne schildern, wie sich eine kleine Portion Jodsalz auswirkt. Das ist weder lustig noch harmlos! Da kann das Bundesamt für Risikobewertung tausendmal erklären, dass tägliche Höchstmengen von bis zu 500mcg ungefährlich sind.

    Fraglich ist in diesem Zusammenhang, ob es wirklich so sinnvoll ist, die gesamte Bevölkerung mit einem Spurenelement per Zwangsjodierung zu 'versorgen'. Als mündiger Verbraucher würde ich gerne selbst entscheiden, ob ich jodierte Nahrungsmittel zu mir nehme oder nicht. Wie war das noch mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit?

    Zum Thema Jod vertritt Udo Pollmer (Lebensmittelchemiker und Ernährungsexperte) ebenfalls eine andere Meinung: http://www.dradio.de/dkul...

  4. Das BfR PDF ist 5 Jahre alt, die WHO 'Feststellung' dass Deutschland Jodmangelgebiet ist fast 9 Jahre.

    Dafuer gibt es Untersuchungen aus ca. 2006, die beschreiben, dass Jod Autoimmunkrankheiten beguenstigen kann, und man in gut Jodversorgten Gebieten etwa doppelt so haeufig Schilddruesenantikoerper findet, als in Jodmangelgebieten.
    (http://www.diss.fu-berlin...)

    Bereits 1999 wiesen Untersuchungen an Schuelern keinen signifikanten Jodmangel mehr auf:
    (http://www.springerlink.c...)
    Seither wird immer weiter und mehr zwangsjodiert.

    Und der letzte Satz des Autors kann nur als Verhoehnung von Jodempfindlichen und Jodkranken Menschen gedacht sein. Diese wuenschen ihm sicherlich niemals eine Jodempfindlichkeit, denn durch die Zwangsjodierung ist man kaum mehr in der Lage, sich beschwerdefrei zu ernaehren.

    Niemand bestreitet dass Jod lebenswichtig ist, aber wieso soll man das mit dem 'Giesskannenprinzip' auch ueber Menschen ausgiessen, die vielleicht bereits viel Jodhaltiges zu sich nehmen, oder es unvertraeglich finden?

    Mit derselben Begruendung koennte man ja auch Cholesterinsenker zwangsweise verteilen...

    Meine Meinung also: Wer einen durch Untersuchung nachgewiesenen Jodmangel hat kann das Medikament 'Jodetten' oder aehnliches schlucken.
    Aber bitte keine 'Zwangsjodierung' fuer alle.

  5. Arbeiten über den Stoffwechsel und die Versorgungslage mit Jod sind häufig sehr schwer zu beurteilen, weil sie vor dem Hintergrund einer unklaren Selenversorgung durchgeführt wurden.
    Die Speicherung von Jod und der Jodstoffwechsel sind beide selenabhängig. Es ist deshalb äußerst schwierig bis unmöglich die Wirkung von Jodsupplementen abzuschätzen, wenn bei den Versuchspersonen der Status der Selenversorgung nicht erfaßt oder experimentel standardisiert wurde.
    Deutschland ist in weiten Teilen nicht nur ein Jodmangelgebiet, es ist auch ein Selenmangelgebiet, sodaß es relativ wahrscheinlich ist, daß sich die beiden Faktoren beeinflussen.

    Als Maßstab, welche Iod-/Selen-Aufnahmemengen sowohl ausreichend als auch unschädlich sind, kann man die Konzentrationen in Meerwasser bzw. in Meeresfrüchten heranziehen.
    Meerwasser: Iod ca. 0,07 mg/l, Selen ca. 0,001 mg/l; Meeresfrüchte Iod 0,05-0,2 mg/Portion, Selen ca. 0,07 mg/Portion. Deutlich höher würde ich nicht gehen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 5
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service