Parasiten Im Zeckenland
Der Klimawandel soll uns ein dauerhaftes Holzbockproblem bescheren – und das Risiko für gefährliche Infektionen erhöhen, die von den kleinen Blutsaugern übertragen werden. Stimmt das? Muss ich jetzt nach jedem Zeckenbiss zum Arzt gehen? Was kann der überhaupt machen?
Flipflops an die Füße, Decke und Buch in die Tasche - und raus ins Grüne: Ziemlich früh macht sich in diesem Jahr die Wärme in Deutschland breit, aber leider hat nicht nur der Mensch was davon. Auch Insekten vermehren sich jetzt auffällig schnell, und insbesondere Zecken ( Ixodes ricinus ) gibt es in diesem Frühling tatsächlich so viele wie selten zuvor.
Wer jetzt am Waldesrand oder auf blühenden Wiesen unterwegs war, sollte seinen Körper deshalb besonders gründlich nach den winzigen schwarzen Tierchen absuchen. Zwischen fünf und 20 Prozent von ihnen sind mit Bakterien oder Viren infiziert und können zur Gefahr für den Menschen werden. Und je mehr Zecken es gibt, desto höher ist naturgemäß die Wahrscheinlichkeit, gebissen und auch infiziert zu werden.
Zecken gehören zu den Spinnentierchen. Sie leben im Unterholz, im Gras und auf Sträuchern und halten sich mit ihren Krallen an vorbeistreifenden Tieren und Menschen fest, um sich mit Blut voll zu saugen. Eigentlich ist der Biss harmlos solange die Zecke frei von Viren und Bakterien ist. Vor allem zwei Krankheiten werden von infizierten Holzböcken übertragen: die von Viren verursachte Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und die bakteriell bedingte Borreliose.
FSME wird durch ein Flavivirus verursacht, knapp 550 Menschen erkrankten im vergangenen Jahr in Deutschland. Die Krankheit beginnt mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, ähnlich einer Sommergrippe. In etwa jedem Zehnten Patienten befällt das Virus schließlich aber auch das zentrale Nervensystem, und führt zu einer Hirnhautentzündung (Meningitis), in schweren Fällen sogar zu einer Entzündung des Gehirns selbst (Enzephalitis) und die bringt oft langwierige oder bleibende neuropsychologischen Schäden mit sich.
Zum Glück sind solche schwerwiegenden Komplikationen vermeidbar, denn gegen das FSME-Virus kann man sich impfen lassen, und zwar bei jedem Hausarzt. Die Immunisierung ist dreistufig, das heißt, nach der ersten Spritze muss einige Wochen später eine zweite gegeben werden, und ein Monate darauf eine dritte. Der Schutz setzt erst nach dem zweiten Piks ein, es ist daher wichtig, die Prozedur rechtzeitig zu beginnen und auch von Anfang bis Ende durchzuziehen. Ungeimpfte können sich nach einem Zeckenstich zwar eine sogenannte passive Immunisierung geben lassen, ihre Wirksamkeit ist allerdings sehr schwach.
Es mag an der aufwendigen Impfprozedur liegen oder einfach am fehlenden Bewusstsein für das Risiko: Die Zahl der Infizierten steigt, die Impfrate gegen FSME liegt bundesweit zurzeit nur um zwölf Prozent. Das Risiko für eine FSME ist je nach Region allerdings auch unterschiedlich hoch, das Virus wird bisher fast ausschließlich von Zecken in Süddeutschland übertragen. Wer sich dauerhaft oder für längere Zeit in einem Risikogebiet aufhält, bekommt die Impfung in der Regel auch von seiner Krankenkasse bezahlt.
Nicht nur in Süddeutschland, sondern in der ganzen Republik übertragen Zecken die Erreger vom Komplex Borrelia burgdorferi sensu lato . Die Borreliose ist mit etwa 60.000 jährlich Neuinfizierten die häufigste durch Zecken übertragene Infektion in Deutschland. Wie für die FSME gilt aber: Nicht jede Zecke überträgt die gefürchteten Mikroben, nicht jeder Zeckenbiss bedeutet gleich Borreliose. Es stecken sich nur etwa drei Prozent der Zeckenopfer an und nur etwa jeder Hundertste der Infizierten erkrankt. Das hat zwei Gründe: Zum einen trägt nur jede fünfte Zecke die Erreger überhaupt in sich. Zum anderen benötigen die Bakterien bis zu zwei Tage, um von der Zecke in den Wirt zu wandern.
Die beste und billigste Methode, sich vor Infektionen durch Zecken zu schützen, ist noch immer: Vorsicht ohne Panik. Tragen Sie lange Kleidung und picknicken Sie nicht in hohem Gras. Auch Hautlotionen können vorübergehen vor Zeckenbissen schützen. Sollte es dennoch zu einer Blutmahlzeit kommen, muss der Holzbock möglichst bald mit einer normalen oder Spezial-Pinzette aus der Haut gezogen werden. Jawohl, gezogen! Nicht drehen, und noch wichtiger: Versuchen Sie nicht, das Tier mit Kleber, Öl oder anderen Mitteln zu betäuben, und quetschen Sie den Zeckenkörper nicht, da der potenziell infizierte Darminhalt der Zecke sonst erst recht ins Blut gedrückt wird.
Entdeckt und entfernt man die kleinen Blut saugenden Tierchen früh und vollständig, ist eine Borreliose unwahrscheinlich und der Arztbesuch nicht unbedingt notwendig. Halten sich die Zecken jedoch beispielsweise in der Leiste versteckt, saugen sie bis zu 72 Stunden lang Blut und eine Ansteckung wird wahrscheinlicher. Treten dann auch noch Symptome wie grippeähnliche Beschwerden, Gelenkschmerzen, Sehstörungen oder Lähmungen auf, sollte man einen Arzt aufsuchen. Er kann sowohl auf FSME als auch auf Borrelien testen und verschreibt gegebenenfalls wirksame Antibiotika wie Doxycyclin, Amoxycillin oder Cephalosporine der III. Generation.
Unbehandelt verläuft die Krankheit in drei Stadien, die jedoch nicht immer in derselben Reihenfolge beobachtet werden. Wenige Tage nach dem Biss verändert sich bei etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten die Haut rund um die Einstichstelle rötlich, bei etwa der Hälfte tritt die sogenannte Wanderröte (Erythema migrans) auf, das heißt, die Rötungen treten auch an anderen Stellen des Körpers auf. Noch Tage bis Wochen nach der Ansteckung kommt es zu Müdigkeit, Unwohlsein, Gliederschmerzen sowie Gelenk- und Muskelschmerzen, leichtem Fieber oder Nachtschweiß.
Die gefürchteten Lähmungen und Nervenausfälle treten erst Monate später auf, wenn es auch zu Entzündungen des Gehirns und der Gelenke sowie Beschwerden am Herzen kommen kann. Ohne Therapie mündet die Borreliose schließlich in einem chronischen Verlauf, der die Nerven, das Gehirn, Rückenmark, die Haut und die Gelenke betrifft.
Ein Problem, das sich mit der Zunahme von Borreliosefällen in Deutschland ergeben hat, ist aber auch die wachsende Zahl von Screening-Tests, die zwar den Herstellern Geld, den Patienten jedoch hauptsächlich Verunsicherung einbringen. Denn je nach Region, Freizeitaktivität oder Beruf lassen sich bei fast jedem dritten Gesunden Borreliose-Antikörper nachweisen, obwohl gar keine Erkrankung vorliegt. Labor- oder mikrobiologische Tests sind deshalb nur angezeigt, wenn es spezifische Symptome wie zum Beispiel eine entzündliche Rötung der Haut gibt. Unspezifische Beschwerden sagen auch in Kombination mit einem positiven Antikörpernachweis kaum mehr aus als ein bloßer Zeckenbiss ohne Beschwerden.
Mit Vorsicht sind insbesondere der Borrelien-Lymphozyten-Transformationstest (LTT) oder der Visual Contrast Sensitivity Test (VCS) zu genießen. Der LTT soll nachweisen, wie bestimmte weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten, auf das Bakterium reagieren, und wird vor allem zur Therapiekontrolle angepriesen. Mehrere Untersuchungen ergaben jedoch, dass er weder die Diagnose noch eine Behandlung verbessert. Der Visual Contrast Sensitivity Test (VCS) grenzt gar an Scharlatanerie. Er stützt sich auf die Hypothese, dass Borrelien ein fettliebendes (lipophiles) Toxin produzieren. Dieses Toxin bindet sich angeblich an den Augennerv, beeinträchtigt dessen Funktion und kann über einen Sehtest gemessen werden. Beide Tests kosten den Patienten Geld - 100 Euro und mehr sind wegen der häufig empfohlenen Kontrollen keine Seltenheit.
Eine aktuelle und sehr detaillierte Karte der Risikogebiete ür FSME (als .pdf, zur Verfügung gestellt vom Robert-Koch-Institut) finden Sie hier
- Datum 13.05.2007 - 09:58 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Der Artikel ist lobenswert, da er nicht in die übliche Panikmacherei verfällt, die bei diesem Thema mittlerweile üblich ist. Den Autoren sei dennoch ein interessanter Artikel aus unserem südlichen Nachbarland Österreich zu diesem Thema empfohlen:
http://derstandard.at/?ur...
Beste Grüße
Herbert
Dass nur jeder 100. mit Borreliose Infizierte daran erkrankt halte ich fuer stark untertrieben. Wie bei der Syphilis koennen erste und temporaere Symptome nicht auffallen oder nicht richtig diagnostiziert werden. Die Infektion verlaeuft dann schleichend und laesst sich spaeter nicht gut zuordnen. Ich kenne selbst mehrere Faelle in denen die spaeten Borreliosesymptome allen moeglichen Erkrankungen zugeordnet wurden, und die nach Erkennung der Borreliose (oft nach Jahren, sogar Jahrzehnten) und nach oder mit Antibiose wieder laufen oder arbeiten koennen.
Einer der bekanntesten "Mainstream" Borreliose-Experten (dh er glaubt u.a. nicht an seronegative Borreliose oder Langzeitantibiose..), Dieter Hassler schreibt ausdruecklich dass in mehreren Studien keine "Spontanheilungen" beobachtet wurden, sondern ALLE beobachteten Personen die Antikoerper aufwiesen auch im Laufe der Zeit (bis 8 Jahre) symptomatisch wurden.
Die Veroeffentlichung ist hier zu lesen
http://www.dieterhassler....
Dies wuerde wohl einen grossen Unterschied machen, wenn von 60.000 Neuinfektionen im Jahr ausgegangen wird!
Ich persoenlich glaube zumindest dass nur 1% aller Infizierten erkrankt voellig aus der Luft gegriffen ist. Ich selbst habe auch erfahren dass die Latenzeit lang sein kann, ich hatte 96 die ersten Symptome, serologisch eine relativ frische (IgM & IgG) Infektion und wurde zu kurz/unterdosiert behandelt. Danach hatte ich fast 4 Jahre nur minimale bis keine Symptome bis wieder ein neuer Schub kam.
Panikmache hilft niemand, aber Verharmlosung in die andere Richtung genausowenig. Das wichtigste ist immernoch Aufklaerung ueber Symptome etc fuer Patienten sowie Aerzte. Hier in England werden schlicht und einfach so wenig Borreliosen diagnostiziert weil die meisten Aerzte weder eine Zecke noch ein EM kennen (und von Borreliose nie gehoert haben oder sie nur da vermuten wo Rehe am Strassenrand grasen..) wenn einem Spezialisten fuer Infektionskrankheiten an Grosskrankenkaeusern zB erzaehlen dass es keine "deer ticks" (Ixodes scapularis) in der Umgebung gaebe, und man sich daher nicht mit Borreliose infizieren koennte, (obwohl der Hauptuebertraeger in Europa Ixodes ricinus & ubiquitaer ist) dann kann man wohl schon mit Recht vermuten dass der Grossteil der Borreliosen hier uebersehen wird.
Ich kenne schon mehrere Personen vom englischen Militaer die mit EM zu mehreren Aerzten gegangen sind, und erst in Deutschland die Diagnose Borreliose bekamen. Hier haette man sie wohl nur unter Golfkriegssyndrom oder Chronisches Muedigkeitssyndrom eingeordnet, vielen Dank & auf Wiedersehen...
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