Psyche Die verfehlte Furcht

Vor wenigen Jahren schien die Depression in Mode zu sein, heute sind es die Angststörungen. Angeblich soll es sogar eine "Santaclausophobie" geben, eine krankhafte Angst vor dem Weihnachtsmann. Das klingt lächerlich. Sind Angststörungen überhaupt so verbreitet? Handelt es sich dabei nicht um eine erfundene Krankheit?

Das Gefühl der Angst kennt jeder. Es ist eine natürliche Schutzreaktion vor Gefahren oder unbekannten Situationen. Empfindet man jedoch plötzlich aus dem Nichts, in ungefährlichen alltäglichen Situationen oder vor völlig harmlosen Gegenständen unangemessen starke Ängste, wird der natürliche Reflex zur Krankheit. Angststörungen sind keineswegs erfunden oder eine Bagatelle, im Gegenteil. Unerkannt oder ohne Therapie verlaufen sie oft chronisch und bilden damit das Fundament einer endlosen Leidenskarriere.

Etwa 10 bis 15 Prozent der Deutschen –- also mehrere Millionen Menschen hierzulande –- sind manifest angstkrank, darunter etwa doppelt so viele Frauen wie Männer. Erste Anzeichen für eine Angsterkrankung treten meist relativ früh auf, im Alter zwischen zehn und 40 Jahren. Psychologen unterscheiden zwischen Panikattacken, Phobien und generalisierter Angst, wobei die Übergänge nicht selten fließend sind.

Panikattacken treten meist aus heiterem Himmel auf, sie haben keinen erkennbaren Auslöser und treffen den Erkrankten oft in völlig entspannten Situationen , zum Beispiel während eines Einkaufsbummels oder abends im Bett. Das Herz der Betroffenen beginnt dann abrupt zu rasen, ihre Arme kribbeln, sie fangen an zu zittern, haben das Gefühl zu ersticken, leiden unter massiven Schweißausbrüchen, denken, sie müssten schier ausflippen oder gar sterben –- erste Panikanfälle werden oft als Herzinfarkt oder Schlaganfall fehl interpretiert. Der panische Zustand kann von fünf Minuten bis zu einer halben Stunde andauern und tritt mit der Zeit immer häufiger auf.

Eine Phobie ähnelt der Panikattacke zwar in seiner Symptomatik, ist aber auf ganz bestimmte, völlig ungefährliche Situationen, Plätze oder Dinge festgelegt: Die einen fürchten hohe Brücken, andere geraten beim Anblick einer Spinne in Panik. Manche ängstigen sich vor öffentlichen Plätzen, Menschen, engen Räumen, Blut – oder sogar vor der Angst an sich. Und so absurd es klingt: Es gibt auch Menschen, die sich auf krankhafte Weise vor dem Weihnachtsmann fürchten. Phobiker wissen in der Regel, dass ihre Angst unangemessen ist, können sie aber nicht kontrollieren. Die meisten entwickeln deshalb eine Vermeidungsstrategie: Sie umgehen den Auslöser ihrer Ängste, und je nach dessen Charakter kann dieses Verhalten wiederum zwanghafte Formen annehmen, wenn die Betroffenene sich zum Beispiel allen sozialen Kontakten verweigern, das Haus nicht mehr verlassen, oder aus purer Angst vor Krankheitskeimen eine völlig übertriebene Hygiene betreiben.

Bei weitem nicht so drastisch in ihrer Form ist die generalisierte Angst. Die Betroffenen erleiden keine zeitlich begrenzten Attacken, sie haben auch keine Angst vor einer bestimmten Situation, sondern eine dauerhafte, unbegründete und übertriebene Angst vor ganz alltäglichen Dingen. Entsprechend machen diese Menschen sich permanent Sorgen: Um die Existenz, wenn die Waschmaschine kaputt ist, um das Leben der Tochter, wenn diese einen Schnupfen hat, um den Job, wenn der Chef einmal nicht grüßt. Die Grübelei über diese Sorgen nimmt einen großen Teil des täglichen Lebens ein, ohne dass sie jemals zu einer Lösung der vermeintlichen Probleme führen würde. Schlaf–- und Ruhelosigkeit, schnelles Ermüden, Konzentrationsschwächen und eine hohe Reizbarkeit sind häufige Symptome einer generalisierten Angst.

Die Ursachen der Angststörungen sind wissenschaftlich umstritten und im Detail leider noch unklar. Von psychischen, sozialen bis hin zu biologischen Hintergründen werden viele Modelle diskutiert. Für die Panikattacke und auch die generalisierte Störung hat man Veränderungen im Zusammenspiel verschiedener Botenstoffe des Gehirns beobachtet. Auch eine Beteiligung genetischer Faktoren gilt als sicher. Es wird jedoch nicht die Angst selbst vererbt, sondern die Bereitschaft, mit Angst auf Ereignisse zu reagieren. Wichtig ist deshalb auch die Umgebung. Wenn Eltern an jeder Ecke eine Gefahr wittern, übernehmen oft auch die Kinder das übervorsichtige Verhalten. Lernen sie nie, mit ihren Ängsten umzugehen, kann das einer generalisierten Angststörung den Boden bereiten.

Als klar gilt: jede Angst konditioniert sich selbst, das heißt, der Körper lernt im Zuge der Erkrankung, auf bedrohlich empfundene Situationen oder Gegenstände mit noch größerer Angst zu reagieren.

Um so wichtiger, dass Angststörungen zeitig erkannt und behandeln werden. Aber nur zwei von fünf Angstkranken suchen professionelle Hilfe auf, die meisten Betroffenen gehen nie zum Arzt, Psychologen oder Psychiater. Wird die Angst aber gar nicht oder erfolglos therapiert, kommen zu der Angst und der damit verbundenen körperlichen Dauerbelastung oft noch weitere seelische Probleme oder Erkrankungen hinzu. Eine Studie aus den USA konnte zeigen: Jeder zweite Sozialphobiker ist partnerlos, jeder Dritte erkrankt an Depressionen, jeder Zehnte wird zum Alkoholiker.

Auch wenn man die Ursachen der Angststörungen nicht genau kennt, lassen sie sich jedoch oft gut behandeln: zum einen psychotherapeutisch, meist mit der Verhaltenstherapie. Zum anderen mit Medikamenten. In der Verhaltenstherapie soll das erlernte falsche Verhalten wieder verlernt werden. Gegen Phobien wie einer krankhaften Höhenangst kann zum Beispiel eine so genannte Expositionstherapie helfen: Therapeut und Patient begeben sich dann gemeinsam auf hohen Häuser oder Brücken. Der Therapeut versucht dem Betroffenen bewusst zu machen, welche Gedanken bei ihm die Angst verstärken und den Teufelskreis in Gang halten.

Die medikamentöse Behandlung sollte, wie bei Depressionen, immer nur begleitend zu einer Psychotherapie erfolgen. Doch leider behandeln –- vor allem Hausärzte - häufig Symptom orientiert:. Das heißt, die Patienten bekommen Beruhigungsmittel/Tranquilizer, oft Benzodiazepine, die unter Umständen auch noch abhängig machen. Viel versprechender und besser durch Studien abgesichert ist der Einsatz von Antidepressiva. Die Erfolgsraten schwanken zwischen 40 und 60 Prozent, abhängig von Schwere und Art der jeweiligen Angsterkrankung.

Das erste und wichtigste jedoch ist, sich seiner Angst überhaupt zu stellen. Wenn sie beginnt, das normale Leben einzuschränken, ist der Weg zum Facharzt, zum Psychologen oder zu einer Beratungsstelle der einzig richtige. Beate Wagner

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Leser-Kommentare
  1. Gutes Artikel.
    Muss aber nur hinzufuegen, dass dieser absurd-komsich klingende Namen 'Santaclausophobia' oder 'Angst vor dem Weihnachtsmann' natuerlich nichts mit dem Weihnachtsmann an sich zu tun hat.
    Schon aber, mit all dasjenige, was dieser fiktive Gestalt symbolisiert, nl.die sgn.'heile Welt', die mit Weihnachten traumhaft beschworen wird.
    Weihnachten ist fuer vielen von uns post-moderne Menschen, die in einem harten, hektischen und einsamen Welt zurechtkommen muessen, zu einer der letzten Bastions des ersehnten Liebes und Seele-Friedens geworden.
    Leider, und darum geht es, sind die heutige Voraussetzungen, um daran teilhaben zu koennen, ziemlich hart.
    Erstens mus man genuegend Wohlstand geniessen, um sich diesen Traumglitzer leisten zu koennen.
    Zweistens muss eine/r gute/r Partner/in und/oder Familie vorhanden sein, mit wem man Weihnachten zusammen geniessen kann.
    Fuer alle diejenigen, die also -in unserem Wohlfahtsgesellschaft- mit Armut zurechtkommen muessen, oder - in unserem auf Zweisamkeit eingerichtete Kultur- keine/n Partner/in finden koennen, ist dies also eine sehr harte Jahreszeit.
    Fuer diejenigen, die sowohl unter Armut als unter Einsamkeit leiden, kann Weihnachten sogar zur reine Hoelle werden.
    Die Sekularisierung, die Weihnachten von ihrer Christlichen Ursprung beraubt hat, macht dieses noch schlimmer, weil den Konsumrausch und Gruppen-Egoismus jetzt nicht mehr durch Christliche Menschenliebe in Schach gehalten wird, und deswegen jetzt sogar auch Leute anderen oder keinen Glaubens daran mitmachen.
    Dass auch die Kommerz diese Chance zum extraverdienen nicht ungenuetzt laesst, war zu erwarten.
    Deswegen ist der ab November schon ueberal anwesende Weihnachtsmann fuer vielen zum Symbol einer jaehrlich wiederkehrende seelische Hoelle geworden.
    Es ist also -ganz einfach- Angst vor der Einsamkeit.
    Und diese Angst ist alles anderes als komisch oder absurd.

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