Infekte Liebes Antibiotikum!
Ich habe mehrmals im Jahr eine schlimme Blasenentzündungen, gegen die mein Arzt mir grundsätzlich dasselbe verschreibt: ein Antibiotikum. Muss ich das denn wirklich jedes Mal nehmen? Gibt es nicht auch sanftere Methoden?
Es zieht, es brennt, es drängt: Wenn die Blase drückt, obwohl sie leer ist, steckt dahinter fast immer eine Blasenentzündung. Jede zehnte Frau leidet mindestens einmal jährlich unter einer solchen Infektion. Vor allem junge Frauen sind betroffen, etwa viermal so häufig wie Männer.
Schuld daran sind in der Regel Bakterien, die im menschlichen Körper zu Hause sind: Mikroben wie Escherichia coli oder Enterokokken besiedeln den Darm jedes Gesunden. In der Blase dagegen haben sie nichts verloren, das harnableitende System ist keimfrei. Da Enddarm und Harnröhre aber gerade bei Frauen gefährlich nahe beeinander liegen, werden die Bazillen schnell einmal verschleppt: Beim Sex (oft durch Kondome und Diaphragmen) oder auch durch eine falsche Wischtechnik. Auch ein veränderter Hormonstatus oder eine gestörte Abwehr begünstigen eine Entzündung.
Haben sich die Bakterien erst einmal verirrt, breiten sie sich auf fremden Terrain nahezu explosionsartig aus, und verursachen die bekannten, äußerst unangenehmen Beschwerden. Schnell in den Griff bekommt man die dann tatsächlich nur mit Antibiotika, weshalb manch ein Arzt sich sogar die Untersuchung spart, und gleich zum Rezeptblock greift.
Oft zitierter Grund: Eine unbehandelte Zystitis kann zu einer schweren Niereninfektion oder gar Nierenbeckenvereiterung, mit Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerz, Übelkeit oder Erbrechen führen – und damit ist dann keinesfalls mehr zu spáßen. Symptome, die auf eine Beteiligung der Niere hinweisen, machen den Einsatz von Antibiotika deshalb unumgänglich.
Brennen beim Wasserlassen, starker Harndrang, Schmerzen im Unterbauch, Blut im Urin: Harnwegsinfekte sind meist harmlos, aber extrem schmerzhaft. Es gibt aber auch Patienten mit typischen Beschwerden, die keine Erreger im Urin haben und umgekehrt: Der routinemäßig durchgeführte Urintest ist positiv, der Patient merkt jedoch gar nichts von seinem Harnwegsinfekt.
Als Erreger komplizierter Infektionen kommen auch an Keime wie Clamydien-, Mykoplasmen- oder Tuberkulosebakterien, Pilze oder Parasiten in Betracht. Viren als Auslöser sind selten.
Harnwegentzündungen ohne Erregernachweis finden sich oft bei Schwangeren, nach operativen Eingriffen, Bestrahlungen, Allergien, Tumoren sowie nach begonnener Antibiotikatherapie. Harnwegsinfekte ohne Beschwerden müssen nur bei Schwangeren oder Patienten mit Organtransplantation behandelt werden - in allen anderen Fällen sollte der Arzt zunächst klären, woher das Ziehen und Brennen stattdessen kommt!
Die Diagnose des unkomplizierten Harnwegsinfekts ist schnell gestellt: Frischer Urin wird mittels Teststreifen und Mikroskop auf weiße und rote Blutkörperchen, Bakterien und deren Stoffwechselprodukt Nitrit untersucht. Wenn schon häufiger Harnwegsinfektionen aufgetreten sind, wird zusätzlich eine Bakterienkultur angelegt, um den genauen Erreger und seine Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Antibiotika zu ermitteln.
Außerdem beurteilt der Arzt mit dem Ultraschall den Zustand der Nieren, der Blase und bei Männern der Prostata und sucht nach Ursachen, die eine Keimbesiedlung begünstigen. Das sind beispielsweise Fehlbildungen der Harnwege, Steinleiden, entzündliche Einengungen der Harnröhre, Prostatavergrößerungen und -tumoren oder eine Phimose, das heißt die Einengung der Penisvorhaut. Außerdem muss er abklären, ob Grunderkrankungen wie ein Diabetes mellitus oder eine Schwangerschaft vorliegen oder der Patient zu wenig trinkt, zu wenig Urin ausscheidet und somit Entzündungen Vorschub leistet.
Hat der Arzt Bakterien im Urin nachgewiesen, verschreibt er das Antibiotikum Trimethroprim für drei bis fünf Tage, häufig auch in Verbindung mit Sulfamethoxazol. Zudem muss die Patientin mindestens zwei Liter pro Tag Wasser oder Tee trinken. Für spezielle Nieren- und Blasentees konnte keine verbesserte Wirksamkeit nachgewiesen werden. Bei stechenden Schmerzen helfen krampflösende Medikamenten wie Butylscopolamin oder das Schmerzmedikament Paracetamol.
Bei häufig wiederkehrenden Infekten oder einer Nierenbeckenentzündung werden oft Antibiotika wie Cotrimoxazol, Ofloxacin oder Ciprofloxacin über sieben bis 14 Tage verschrieben.
Wichtig ist, das Medikament nicht zu früher abzusetzen, denn sonst bilden die Bakterien Resistenzen, werden also widerstandfähig. Bei chronischer Nierenbeckenentzündung sollten regelmäßige Kontrollen und eventuell sogar eine Langzeitprophylaxe durchgeführt werde
n. Vorbeugen kann man dem Harnwegsinfekt durch ausreichend Flüssigkeit und mithilfe einiger Tipps, die zwar nicht wissenschaftlich belegt sind, aber dennoch oft helfen: Zum Beispiel, die Schmerzen mit Wärme zu lindern und Unterkühlung zu meiden, um einem Infekt vorzubeugen. Auch haben viele Patienten gute Erfahrungen gemacht mit pflanzlichen Extrakten wie zum Beispiel Bärentrauben-, Birken und Brennnesselblätter, Moos- und Preiselbeeren sowie Schachtelhalm.
Zudem scheint Akupunktur ein Wiederauftreten von Infekten zu verhindern. Seit August 2004 gibt es auch eine Art Impfung gegen das ständig wiederkehrende Leid: Ähnlich wie das seit Jahren auf dem Markt verfügbare Uro-Vaxom ist Strovac eine Mischung inaktivierter Keime verschiedene Stämme von Escherichia coli , die dreimal im Abstand von ein bis zwei Wochen in den Muskel gespritzt und nach einem Jahr aufgefrischt wird. Die Bakterienreste sollen immunkompetente Zellen zu einer verstärkten Reaktion anregen.
Nach Meinung der Experten steht ein aussagefähiger Beweis über den Nutzen dieser beider Präparate jedoch bis heute aus, so dass die teure, als IGeL-Leistung angepriesene Bakterienmischungen nicht zu empfehlen sind. Lediglich bei Patientinnen, deren Immunabwehr stark geschwächt ist oder die keine Antibiotika nehmen dürfen, kann eine Prophylaxe mit Uro-Vaxom oder Strovac ausprobiert werden.
- Datum 17.01.2007 - 04:46 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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