Viele Menschen glauben, sie seien "verpilzt" und deshalb schwer krank. Pilze sollen für Magen-Darm-Probleme wie Verstopfung oder Blähungen und sogar für Akne, Migräne, anhaltende Müdigkeit, Gelenkbeschwerden, Depression, sexuelle Probleme und Herzbeschwerden verantwortlich sein. Nicht nur die Ratgeberecken der Buchhandlungen sind deshalb zum Bersten mit einschlägigem Material gefüllt, seit Jahren sind so genannte Darmpilze immer wieder Gesprächsstoff - unter Laien, aber auch unter Experten. Der Pilzbewuchs hat auch schon einen Namen: „Hefepilz-Überempfindlichkeitssyndrom“ oder auch „Candida-Hypersensitivitäts-Syndrom. “ © Amélie Putzar für ZEIT online

Es geht also nicht um Schimmelpilze, sondern um Hefen, genau genommen um die Hefe Candida albicans . 80 Prozent der gesunden Bevölkerung tragen sie im Darm. Außerdem ist Candida auch auf der Haut zu finden. Schon während der Geburt oder im Säuglingsalter gelangt die Hefe deshalb in den Verdauungstrakt und kann danach im Stuhl nachgewiesen werden. Viele Ärzte, Heilpraktiker und andere vermeintliche Pilzexperten missverstehen diesen natürlichen Befund jedoch als einen krankhaften Prozess und deuten die Besiedelung des Darms fälschlicherweise als Infektion, die unbedingt behandelt werden muss.

Bis heute fehlt jedoch jeglicher wissenschaftliche Beweis, dass eine Besiedelung des Darms mit Hefepilzen auch nur eine der vielen genannten Erkrankungen wirklich auslöst. Zu diesem Schluss kommen Fachleute, die am Robert-Koch-Institut fast 200 wissenschaftliche Veröffentlichungen ausgewertet haben.

Die Pilze sind demnach nur für Menschen gefährlich, deren Abwehr beispielsweise durch Leukämie, HIV-Infektion oder eine Chemotherapie extrem geschwächt ist oder in denen das Immunsystem nach einer Organtransplantation mit Arzneimitteln außer Gefecht gesetzt werden musste. Dann wandern die Keime vom Darm über die Blutbahn in die Organe und können dort ganz erheblichen Schaden anrichten. In Deutschland sterben jährlich mehrere tausend Menschen an solchen schweren Mykosen.

Für Menschen ohne schwere Immunschwäche gilt dies jedoch nicht. Zwar entzündet der Pilz auch gerne mal die Haut vor allem in feuchten Regionen, zum Beispiel ist der so genannte Soor im Windelbereich von Babys eine Pilzinfektion. Auch Frauen haben häufiger kleine Candida-Infektionen im Genitalbereich, weil dessen schützendes Hautmilieu hormonellen Schwankungen ausgesetzt ist. Im Unterschied zu einer systemischen Mykose bei Immungeschwächten bleiben solche Entzündungsreaktionen aber immer lokal auf eine bestimmte Region wie beispielsweise Finger- und Fußnägel oder die Schleimhäute begrenzt und sind gut mit Anti-Pilz-Medikamenten zu behandeln.

Für Gesunde gibt es also keinen Grund, wegen eines bloßen Pilznachweises im Stuhl mit einer Anti-Pilz-Therapie zu starten. Es gibt weder Grenzwerte, die anzeigen, wie viel Hefen in Stuhl auf einen krankhaften Prozess hinweisen würden, noch ist es überhaupt möglich, den Darm komplett und anhaltend von Hefen zu befreien.

Vielmehr ist fragwürdig, ob die verschiedenen Behandlungsangebote wie die Anti-Pilz-Diät, die auf ein Aushungern der Pilze im Darm abzielen, oder reinigende Darmspülungen oder Darmsanierungen dem Körper nicht eher schaden als nützen. Beate Wagner