ErnährungMüll für die Nieren

Angeblich soll sich Eiweiß auch als Abfall im menschlichen Körper festsetzen. Essen wir denn zu viel Eiweiß, und falls dem so ist, gibt es dabei gutes und schlechtes Eiweiß? Was ist zum Beispiel mit Eiweiß-Shakes? von Beate Wagner

Warum müssen wir überhaupt Eiweiß essen? Vielen fallen da zuerst die Muskeln ein, und das ist natürlich nicht ganz falsch: Muskeln bestehen fast ausschließlich aus Eiweiß - wenn man das Wasser unberücksichtigt lässt. Dasselbe gilt allerdings für den ganzen Körper.

Proteine, meistens Eiweiße genannt, sind der wichtigste Baustoff allen Lebens. Sie geben Zellen nicht nur Struktur, sondern regulieren als Enzyme auch fast alle biochemischen Reaktionen lebender Organismen - bei Mensch, Tier und Pflanze gleichermaßen. Proteine dienen aber auch als winzige Packesel, die wichtige Stoffe zum Gewebe bringen. Der rote Blutfarbstoff Hämoglobin ist zum Beispiel ein solcher Lastenträger, er schafft den Sauerstoff von der Lunge zu den Organen. Und das ist noch nicht alles: Als Antikörper wehren Proteine sogar fremde Erreger ab, als Hormone beeinflussen sie den Stoffwechsel. Nicht zuletzt liefern sie dem Körper, wenn seine Zuckerreserven erschöpft sind, auch noch Energie.

So unterschiedlich die Funktionen der Eiweiße sind, ihr Aufbau folgt immer demselben Prinzip: Alle Proteine bestehen aus einer Kette von Aminosäuren. Kurze Ketten mit wenigen Aminosäuren heißen Peptide, ab 100 Aminosäuren spricht man von Proteinen. Besonders große Eiweiße bestehen aus bis zu 2000 solcher Bausteinchen. Obwohl in der Natur mehrere hundert Aminosäuren existieren, nutzt der Mensch aber nur ein Set von 20. Elf - die nicht-essenziellen - können wir selbst herstellen. Die übrigen neun müssen wir mit der Nahrung aufnehmen. Sie heißen essenzielle Aminosäuren.

Die meisten essenziellen Aminosäuren finden sich in Fleisch, Fisch, Milch, Eiern oder Käse. Tierisches Eiweiß trägt also effizienter zum Aufbau körpereigener Proteine bei als pflanzliches. Leider isst man das Eiweiß in der Regel zusammen mit den anderen Nährstoffen des Lebensmittels, also vor allem dem Fett. Deshalb haben pflanzliche Eiweißträger ihre Vorteile. Sie enthalten zwar weniger essenzielle Aminosäuren, dafür aber auch weniger gesättigte Fettsäuren, Cholesterin und Purine. Von „gutem“ oder „schlechtem“ Eiweiß zu sprechen, ist deshalb Unsinn. Den größten Nutzen zieht unser Körper aus freundlichem Miteinander von Tier und Pflanze auf dem Teller.

Insbesondere eine Mär ist übrigens, dass Milcheiweiß besonders ungesund und schwer verdaulich sei. Das Gegenteil ist der Fall, weil Milch eben alle essenziellen Aminosäuren liefert, und noch dazu hilft, pflanzliches Eiweiß besser zu verdauen. Kritisch kann Milch höchstens wegen des Milchzuckers werden: Manchen fehlt ein wichtiges Darmenzym, und die so genannte Laktose kann dann nicht verdaut werden. Das bereitet vor allem Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall.

Aber zurück zum Eiweißmüll: Der Begriff ist auch von der Alzheimerschen Krankheit bekannt, bei der sich Proteine im Gehirn der Kranken ablagern, als so genannte Plaques, und Nervenzellen töten. Mit dem Eiweiß, das wir essen, hat dieser Müll allerdings nichts zu tun. Das Steak kann noch so dick und der Eiweißdrink noch so konzentriert sein, zu Eiweißmüll im Kopf führen sie nicht.

Wer zu viel Eiweiß konsumiert, belastet dafür aber seine Nieren. Der Körper baut die Aminosäuren von Proteinen zu Harnstoff ab, und dieser wird überwiegend über die Nieren ausgeschieden. Bei einem Überangebot an Eiweiß schafft es das Organ oft nicht mehr, das Abbauprodukt aus dem Blut zu filtern und mit dem Urin abzutransportieren. Im schlimmsten Fall kann das sogar zu einer Niereninsuffizienz und damit zu einer Vergiftung führen. Sie kann die Blutbildung stören, und eine Entzündung des Gehirns zur Folge haben, die mit Persönlichkeitsveränderungen, Schlafstörungen, Erregtheitszuständen und eventuell sogar Koma einhergeht.

Auch wenn manche Diäten also das Eiweiß als beste Nahrungsquelle preisen, weil sein Energiewert niedrig und das Sättigungsgefühl groß ist: Man sollte trotzdem nicht zu viel Eiweiß essen. Die empfohlene Mischkost für körperlich Aktive enthält rund 50 bis 60 Prozent Kohlehydrate, 30 Prozent Fett, und nur 10 bis 15 Prozent Eiweiß. In Gramm ausgedrückt heißt das: Ein Erwachsener sollte laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) täglich nicht mehr als 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen. Das entspricht etwa einem Becher Joghurt á 150 g und einem Glas Milch á 200g oder 3-4 Esslöffel Quark und 2-3 Scheiben Käse.

Tatsächlich liegt der Verzehr von Proteinen in Deutschland mit durchschnittlich 1,2 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht aber schon fast doppelt so hoch wie nötig. Das wird zwar nicht unmittelbar zum kollektiven Kollaps führen, trotzdem sollte man deshalb mit Eiweiß und insbesondere mit den weit verbreiteten Powerriegeln und Muskelshakes sehr vorsichtig umgehen. Selbst Kraftsportler oder Bodybuilder brauchen diese Eiweißbomben nicht, denn die ausgewogene Mischkost enthält auch für intensiv Trainierende schon genug Protein. Und sogar für den Muskelaufbau übersteigt der Proteinbedarf niemals 1,5 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht. Die einzigen, die vom Verkauf teurer Proteinkonzentrate profitieren, sind die Hersteller - und manche Fitnessstudios, die bereits bis zu einem Drittel ihres Umsatzes mit solchen Drinks und Riegeln erwirtschaften. Wer dennoch nicht auf Eiweißgetränke, Riesensteaks oder dergleichen verzichten will, sollte wenigstens darauf achten, nie mehr als täglich 2 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht aufzunehmen und mindestens zwei Liter Wasser dazu zu trinken. Die Niere dankt. Beate Wagner

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Leserkommentare
  1. 1. PISA

    "In Gramm ausgedrückt heißt das: Ein Erwachsener sollte laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) täglich nicht mehr als 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen. Das entspricht etwa einem Becher Joghurt á 150 g und einem Glas Milch á 200g oder 3-4 Esslöffel Quark und 2-3 Scheiben Käse."

    150g Joghurt enthalten 6,5g Eiweiss, 200g Milch enthalten 6,8g Eiweiss, macht zusammen 13,3g. Das Körpergewicht eines Erwachsenen beträgt somit ca. 13,3/0,8=16,7kg. Das erscheint mir reichlich wenig.

    • wpaul
    • 31. Oktober 2006 23:51 Uhr

    Der Artikel enthält sehr viel gutes entsprechend den Richtlinien der Mehrheit der Ernährungsforscher. Er hat aber leider eine schwere Eiweißschlagseite. Nicht nur der schon mitgeteilte Rechenfehler bei der Eiweißmenge!
    Bei der Niere wird einfach Ursache und Wirkung verwechselt. Nur die sehr stark geschädigte Niere hat Probleme mit der Ausscheidung "harnpflichtiger Substanzen" aber auch mit dem Überschuß an Kalium bei vegetarischer Kost. Und Purine sind Abbauprodukte des Zellkerns, also ebenso in Pflanzenzellen wie in tierischen. Also der "Eiweißmüll" selbst schädigt die Niere in keiner Weise, das ist ein gelegentlich geäußertes Märchen, für das es keinerlei wissenschaftliche Belege gibt. Natürlich wurde auch das untersucht. Ich will nur kurz erwähnen, dass die gesunde Niere täglich über 150 Liter Blutplasma filtert, das ist für sie kein Problem. Wesentlich höherer Eiweißkonsum - wie es beim vorzivilisatorischen Menschen normal war - führt eher zu einer Hypertrophie, das ist eine gesunde Organvergrößerung, der Niere, ähnlich wie ein trainierter Muskel dicker ist als ein untrainierter. Wie sonst könnte man eine gesunde Niere spenden, also es schafft auch die eine verbliebende ohne Probleme! (wenn sie gesund ist). Nierenschädigungen entstehen nicht durch Eiweiß sondern durch Infektion (Pyelonephritis), sowie Stoffwechselerkrankung (Diabetes) und Arteriosklerose, um die häufugsten Ursachen zu nennen.
    Unsere "zivilisatorischen" größten Ernährungsfehler, die den Stoffwechsel überlasten und zu Lebensverkürzung führen sind die überschüssigen Kalorien, das heißt mehr Kalorien als der Organismus benötigt und hier sind leider (bei Überschuß!) die Kohlenhydrate am schädlichsten.
    Die falsche Eiweißwarnung ist besonders fatal bei der älteren Bevölkerung, bei der bereits die 0,8 g / kgKg zur Osteoporose führt und auch beim Abnehmen, denn gerade hier droht ein Eiweißabbau mit allen Nachteilen.
    Dr. med. Bayerl

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