Golfen & Geniessen Unsere Nummer eins
Wolfgang Scheuer ist der Präsident des Deutschen Golf Verbandes – was treibt den obersten Golfer des Landes?
Herr Scheuer, wie wird man Präsident
des DGV?
Als ich in den siebziger Jahren anfing, Golf
zu spielen, unterhielten sich Leute stundenlang
über Golfregeln und argumentierten:
Der hat das gesagt, und der hat das gesagt.
Mein Kommentar dazu: Habt ihr überhaupt
schon ins Regelbuch geschaut? Das Resultat
war Kopfschütteln und bei mir Auslöser,
mich mit Golfregeln genauer zu beschäftigen
und insbesondere auch Artikel in Fachzeitschriften
zu veröffentlichen. Zudem ergaben
sich Ende der Achtziger bei vielen Clubs Probleme
mit der Gemeinnützigkeit. Kaum jemand
hatte davon eine wirkliche Ahnung. Als
Steuerrechtler habe ich dann zu den Problemen
Seminare gehalten. Das fi el dem damaligen
Präsidenten Jan Brügelmann auf, und er fragte mich: „Wollen Sie nicht Mitglied im
Präsidium werden?“ Als Regelbeauftragter
kam ich nicht zum Zug. Aber ein Jahr später
wurde ich Präsident.
Hatten Sie vorher Wünsche geäußert?
Als ich das Amt vor zwölf Jahren übernahm,
habe ich darauf bestanden, auch aus der Präsidiumsarbeit
ein Teamwork zu machen und
meine Präsidiumskollegen an der Arbeit
zu beteiligen. Mein Vorgänger, Jan Brügelmann,
hat praktisch noch alles allein gemacht.
Er war der DGV. Aber das waren auch
ganz andere Zeiten.
Herr Scheuer, wie erklären Sie einem
Nichtgolfer Ihre Golfleidenschaft?
Es gibt viele rationale Erklärungen. Ich weiß aber, dass ich den Nichtgolfer damit nicht
erreiche, wenn er nicht selbst Golf erlebt hat.
Es ist wie in Goethes Faust: „Wenn ihr‘s nicht
fühlt, ihr werdet‘s nicht erjagen.“ Und um
es zu fühlen, muss man selbst einmal einen
Schläger in die Hand nehmen.
In welchem Alter haben Sie mit dem
Golfspiel begonnen?
Leider viel zu spät. Golf war für mich als
Tennisspieler nichts Ernsthaftes. Mein
sportliches Wertesystem wurde in einem berühmten
Tenniscamp in Spanien total erschüttert,
als ein damals weltbekannter Tennistrainer
mir sagte: „Heut Nachmittag gehe
ich zum Golfen. Tennis ist mein Beruf, Golf
spiele ich zum Vergnügen.“ Da hat‘s bei mir
Klick gemacht. Mit Ende 30 habe ich dann
angefangen, Golf zu spielen.
Was hat sich seitdem getan?
Golf hat sich sehr verändert. War es bis in die
achtziger Jahre noch ein Sport für wenige,
ist Golf nun auf dem besten Wege, ein Sport
für viele zu werden. Ich bin froh, dass wir das
negative Image mehr und mehr abbauen und
den Sport, das Spiel auch für Kinder und
Jugendliche attraktiver machen können. Mit
jetzt über 500 000 Club-Golfspielern, das
ist eine Verdoppelung in den vergangenen
zehn Jahren, sind wir unserem Ziel ein wesentliches
Stück näher gekommen.
Welche Vorteile bietet die Mitgliedschaft
in einem DGV-Club?
Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Man
kann jederzeit allein oder auch mit einem
Partner spielen. Beim Tennis versuchte ich
immer, jemanden zu finden, der besser war.
Im Golf fällt das wegen des Handicapsystems weg. Darüber hinaus bietet die Clubmitgliedschaft
auch formal viele Vorteile: Ergebnis-
und Handicapführung, Intranet- und
Mygolf-Service, Turnieranmeldung, bundesweite
Wettspiele, Datenabfragen und vieles
mehr.
Ihr Produkt Mitgliedschaft hat in den
vergangenen Jahren Konkurrenz erhalten.
Es gibt mehr und mehr Leute, die weniger Wert aufs Clubleben legen. Sie wollen spielen,
sich mit Freunden treffen und danach
höchstens noch ein Bier trinken. Sie haben
mit der Clubgemeinschaft nichts am Hut.
Wir vom Verband müssen auch dem Rechnung
tragen und entsprechende Angebote
entwickeln.
Der Verband feiert nächstes Jahr sein
100-jähriges Bestehen. Außer Bernhard
Langer hat es kein Deutscher
zu internationalem Ruhm gebracht.
Woran liegt das?
Es sind immer Persönlichkeit, Mentalität
und Disziplin des Einzelnen, die zählen.
Darauf haben wir nur bedingt Einfluss. Was wir als Verband bieten können, sind in erster
Linie Rahmenbedingungen. Darüber hinaus
fördern wir aber auch den Spitzensport im
Einzelnen. Außerdem müssen wir die Basis
stärken. Schlagwort: Ohne Breitensport kein
Spitzensport. Wir wollen viele Kinder zum
Golf bringen, etwa mit dem VW Mini Cup
und dem Projekt Abschlag Schule. Parallel
dazu sind die Clubs und die Eltern gefordert.
Können wir noch mal auf das Phänomen
Langer zurückkommen?
Katarina Witt sagte vor kurzem in einem Interview,
als sie auf die Krise im Eiskunstlauf
angesprochen wurde: „Kinder haben heute nur drei Stunden Zeit fürs Training, nicht die
sechs, die nötig wären.“ Das Gleiche gilt für
Golf. Mit zwölf Jahren neben der Schule nur
Golf zu spielen, dazu ist keiner bereit, aber
das ist auch wohl nicht zu empfehlen, jedenfalls
nicht von einem Verband, der auch eine
Verantwortung für die Zukunft von Kindern
und Jugendlichen hat. Daher sind wir zum
Thema Duales System gefordert, das heißt,
wir suchen Möglichkeiten für die Parallelität
von Schule, Ausbildung, Studium und Sport.
Dieses setzt dann natürlich einen besonderen
Einsatz in der für Golf verbleibenden Zeit
voraus. Und da habe ich gewisse Bedenken,
wie weit dazu die Bereitschaft besteht.
Aber im Übrigen, trotz dieser Probleme: Ganz schwarz ist das Loch nach Bernhard
Langer auch nicht. Wir haben einige durchaus
hoffnungsvolle Talente, die aber eben wie
Bernhard Langer noch an sich arbeiten und
sich quälen müssen. Qualität hat etwas mit
diesem Quälen zu tun.
Seit kurzem kooperieren Sie als Dachverband
des Amateurgolfs mit der
Golfl ehrervereinigung PGA. Ein Modell,
das sich zum Beispiel in Schweden
schon lange und erfolgreich bewährt.
Wir, DGV und PGA, wollen gemeinsam den
Übergang vom Spitzenamateur zum Tourspieler
erleichtern. Daher betreuen wir jetzt
gemeinsam das Golf Team Germany. Dort
werden ausgewählte Spieler in den ersten
Profi jahren gefördert und unterstützt. Darüber
hinaus gibt es aber schon seit über zwölf
Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der
PGA in der Trainerausbildung. Als weiteres
aktuelles Beispiel der Zusammenarbeit ist die
DGV-Platzreife zu nennen. Dieses Projekt,
das wir in diesem Jahr einführen, wurde gemeinsam
mit der PGA of Germany entwickelt
und konzipiert.
Wie begegnen Sie Betreibergesellschaften,
die Ihnen Ihre Monopolstellung
streitig machen wollen?
Wir erleben derzeit wegen des divergierenden
Golfmarktes auch auf der Angebotsseite, also
bei Clubs und Betreibern, eine Segmentierung.
Betreibergesellschaften sind Unternehmen,
die Rendite für ihr eingesetztes Kapital
erzielen wollen. Das ist zum Teil etwas ganz
anderes als das, was der klassische Golfclub
will. Aber auch immer mehr klassische Clubs
sehen sich vor die Herausforderung gestellt,
optimal haushalten zu müssen. Entsprechend
vielseitige Angebote entwickeln sich.
Jeder fühlt sich dem Golfsport verpfl ichtet,
auch wenn jeder unterschiedliche Interessen,
Ziele und Verpfl ichtungen hat. Allerdings
wehre ich mich gegen den negativ besetzten
Begriff Monopolstellung des Deutschen Golf
Verbandes. Natürlich haben wir Rechte, die
ein anderer Verband nicht haben kann. Die
Statuten des Europäischen Golf Verbands
vergeben zum Beispiel nur einmal pro Nation
Handicapführung, Course-Rating und
Regelhoheit. Diese Sonderstellung tragen wir
mit Verantwortung.
Ihre Tochter VcG (Vereinigung clubfreier
Golfspieler, Anm. d. Red.) hatte
mit der Aktion „Play golf – start living“
großen Erfolg. Auch weil die Clubkarte
nur 220 Euro kostet. Doch die rund
18 000 Mitglieder sind in manchen
Clubs nicht gern gesehen, weil die
Gegenseitigkeit in Form einer eigenen Golfanlage nicht gegeben ist. Nicht
selten werden VcGler deswegen mit
überhöhten Greenfees abgeschreckt.
Über 85 Prozent der Golfanlagen akzeptieren
die VcG-Karte, und nicht alle verlangen
erhöhte Greenfee-Gebühren. Sie sehen
die Chance, den Gast als Mitglied zu werben.
Dass andere Clubs mehr verlangen, ist
Teil ihres Hausrechts. Die Begründung liegt
darin, dass sie bei VcG-Spielern das Solidaritätsprinzip
der Einräumung gegenseitiger
Spielmöglichkeiten nicht gewahrt sehen.
Dies war die Grundlage für die Bemessung
der Greenfee-Gebühren für Spieler befreundeter
Clubs. Aber im Gegensatz zu manchen
fiktiven ausländischen Clubs, die nur eine
Briefkastenadresse haben und ihre Einnahmen
nur für ihre eigenen privaten Zwecke
verwenden, fließt bei der VcG alles solidarisch
in den deutschen Golfsport zurück. Zu
nennen wären die Projekte „Play golf – start
living“, das neue Golfi nteressierte an den
Sport und damit auch an die Clubs heranführt
, „Abschlag Schule“, das sich der Förderung
des Golfsports als Teil des Schulsports
verschrieben hat, sowie „Pay and play“, das
den Bau öffentlicher Golfanlagen fördert.
Trotz steigender Mitgliedszahlen veranstalten
Sie seit Jahren keine German
Open mehr. Was ist aus dem traditionsreichen
Turnier geworden?
Ein großes European-Tour-Turnier zu organisieren
ist eine große Herausforderung.
Damit meine ich weniger die organisatorische
als die finanzielle Seite. Für ein solches Turnier
sind Sponsorengelder in Millionenhöhe
nötig. Das Beispiel der bisherigen Linde
German Masters hat uns jüngst gezeigt, dass
es gar nicht so einfach ist, Partner zu finden.
Dieses von Bernhard Langer ins Leben gerufene
und organisierte Turnier wird 2006
nicht stattfi nden. Der Sponsorenvertrag ist
ausgelaufen, und einen Titelsponsor, also
ein einziges Unternehmen als Hauptpartner,
zu gewinnen ist bei der heutigen wirtschaftlichen
Situation schwer. Zwar wird dem Golfmarkt im Allgemeinen viel Sponsoring-
Potenzial zugesprochen, aber das verteilt sich
mit geringeren Etats auf ausgesuchte kleinere
Veranstaltungen. Davon profi tiert allerdings
Golf als Breitensport, wenn man die vielen
Firmenturniere und Turnierserien im Amateursport
betrachtet.
Welche Eigenschaften schätzen Sie bei
einem Mitspieler am meisten?
Die Eigenschaften, die das Wesen des Golfspiels
ausmachen. Fairness, Aufrichtigkeit,
Selbstdisziplin und Taktgefühl.
Welche goldene Regel befolgen Sie,
wenn Sie mit Freunden oder mit Ihrer
Frau spielen?
Ich versuche, nie in das Spiel meiner Mitspieler
hineinzureden. Das entspräche auch
nicht den Golfregeln.
Besprechen und beschließen Sie auf
dem Platz auch Geschäfte?
Ich halte es für ein Märchen, wenn behauptet
wird, dort laufen die großen Geschäfte. Natürlich
spielen Geschäftspartner gemeinsam
Golf. Wenn man vier bis fünf Stunden in
entspannter Atmosphäre zusammen war, ist
es beim nächsten Business-Treffen leichter,
Gespräche zu führen und zu einer Einigung
zu kommen.
Was unterscheidet Golfer vom Rest der
Welt?
An sich nichts. Die Golfer haben nur eine
Erfahrung mehr gemacht. Sie haben die Faszination
des Golfsports kennen gelernt.
Haben Sie ein Lebensmotto?
Ich habe immer versucht, nach dem Prinzip
zu leben: „Weniger brauchen ist besser als
mehr haben.“ Ich gestehe aber, dass ich beim
Golf immer wieder gegen dieses Motto verstoße.
Ich meine immer, ich könnte mir Länge
kaufen, und daher vergeht kein Jahr, in dem
ich nicht einen neuen Driver kaufe …
Der Präsident des DGV
Dr. Wolfgang Scheuer
:
Auffällig unauffällig bekleidet Wolfgang Scheuer, 70, seit zwölf Jahren sein Ehrenamt als Präsident des Deutschen Golf Verbandes in Wiesbaden. Der Fachanwalt für Steuerrecht wird vom Präsidium, vier Ressortgeschäftsführern und 35 Mitarbeitern unterstützt. 658 Golfplätze und über eine halbe Million Golfspieler verzeichnet der DGV. Der leidenschaftliche Handicap-12-Spieler Scheuer startete seine Funktionärslaufbahn 1982 als Schatzmeister beim Bayerischen Golf Verband und wird im April auf dem Verbandstag „mit Sicherheit“ für die letzte Periode seiner Präsidentschaft kandidieren
- Datum
- Quelle ZEIT ONLINE, Inspiration April 2006
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