Es ist gerade hell geworden, als der goldene BMW in den schmalen Weg einbiegt. Er beschleunigt, reißt das Lenkrad rum, trifft mit dem Kotflügel eine Kerze, die fliegt laut scheppernd in die Luft. Reifen quietschen, ein junger Mann stellt sich dem BMW in den Weg: "Spinnst du?" schreit er den Fahrer an. Der junge Mann ist einer von fünf Demonstranten gegen Tierversuche am LPT, dem Laboratory of Pharmacology and Toxicology GmbH & Co. KG in Hamburg-Neugraben. "Das ist Leuschner, der da in dem Auto sitzt", sagt Demonstrantin Janina Jeske, "der rast gern mal auf uns zu. Einmal haben wir ihn deswegen schon angezeigt."

Jost Leuschner ist der Geschäftsführer von LPT, einem der größten Auftragslabore für Tierversuche in Deutschland. In Neugraben, im Hamburger Südwesten, ist die Zentrale des LPT. Hier werden Versuche an Kleintieren durchgeführt. Gut 20 Kilometer südlich, in Neu Wulmstorf-Mienenbüttel im Landkreis Harburg, befindet sich die Außenstelle, in der vor allem Beagle gezüchtet und getestet werden.

Seit vergangenem November stehen Janina Jeske und vier bis fünf andere Demonstranten dreimal pro Woche zum Arbeitsbeginn der Mitarbeiter, zwischen 6 und 8.30 Uhr am Redderweg 8 vor der LPT-Zentrale. "Haben Sie selbst Tiere?", fragt Jeske eine Frau, die vorbeikommt. Mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt läuft die Mitarbeiterin auf die Toreinfahrt zu, vorbei an den Grablichtern und Stofftieren, die Jeske und ihre Mitstreiter aufgestellt haben. Dazwischen Fotos von gequälten Tieren in Käfigen und an Stromkabeln. "Halten Sie Tierversuche für die richtige Methode?" Keine Reaktion. Die meisten Angestellten ignorieren die Protestler. Einmal habe einer den Hitlergruß gezeigt, mehrmals schon seien Autofahrer so eng an den Demonstranten vorbeigefahren, dass sie sich nur knapp retten konnten, erzählt Jeske. Deswegen begleitet ein Polizist seit einigen Wochen die Mahnwachen. Als der goldene BMW an diesem Morgen vorbeirast und die Kerze umfährt, notiert sich der Polizist dessen Nummernschild.

Strikte Geheimhaltung

Was genau im LPT passiert, ist schwer rauszubekommen. Die Mitarbeiter sprechen nicht mit der Presse, Interviewanfragen werden nicht beantwortet. Selbst gegenüber offizieller Seite hält sich LPT äußerst bedeckt: Als vor drei Jahren der Bürgermeister von Mienenbüttel die Beagle-Zucht besuchen wollte, erhielt er keinen Zutritt. Ende März dieses Jahres hat die niedersächsische Landtagsfraktion der Grünen versucht, die Anlage zu besichtigen, bekam aber noch nicht einmal eine Antwort auf ihre Besuchsanfrage.
Bis vor einem knappen Jahr gab die Webseite des Unternehmens detailliert Auskunft über die Versuche. Seit die Proteste von verschiedenen Tierschutzgruppen aber zunehmen, hat LPT die Homepage für Besucher gesperrt. Lesen kann nur noch, wer einen Login besitzt.

Sucht man allerdings in Internetarchiven, findet man die alte Webseite. Dort schmückt sich LPT damit, in den vergangenen knapp 50 Jahren etwa 300 Chemikalien und Medikamente getestet zu haben. Darunter sind pharmazeutische Mittel für Herz-Kreislauf- und Nervensystem, Industrie- und Landwirtschaftschemikalien. Getestet wird, so stand es bis letzten Sommer auf der Webseite, an Mäusen, Ratten, Hamstern, Schweinen, Hasen, Hunden, Affen, Katzen, Meerschweinchen, Fischen und Vögeln. Die Mittel werden den Tieren oral verabreicht, als Infusion, Inhalation oder Injektion in die Bauchhöhle, auf die Haut, in die Vagina, ins Auge, ins Gelenk oder in den After. Insgesamt könne LPT über 10.000 Mäuse, mehr als 1.500 Hunde und bis zu 500 Affen verfügen. 

Die Tierärztin Corina Gericke hat die Räume des LPT zwar nie besichtigt, anhand der Angaben auf der alten Webseite, kann sie aber ahnen, wie im LPT getestet wird. "Dort werden zum Beispiel toxikologische Versuche, also Giftigkeitsprüfungen, durchgeführt. Dabei gibt man Ratten die Substanz in den Magen ein und testet, bei welcher Menge die Tiere sterben. Je nachdem welches Mittel man prüft, bekommen die Tiere Krämpfe, Lähmungen, Durchfall, Bauchschmerzen oder sterben", sagt Gericke. Sie ist Vorsitzende des Vereins Ärzte gegen Tierversuche.

Eines der Mittel, das seit mindestens sieben Jahren im LPT getestet wird, ist Botulinumtoxin, besser bekannt als Botox. Das Frankfurter Pharmaunternehmen Merz lässt jede neue Produktionseinheit am LPT testen. "Damit verstößt LPT eindeutig gegen das Tierschutzgesetz", sagt Corina Gericke. Das Gesetz erlaubt Tierversuche nur dann, wenn es keine andere Testmöglichkeit gibt. Für Botox-Produkte hat eine amerikanische Firma vor zwei Jahren eine tierversuchsfreie Methode entwickelt, die auch behördlich anerkannt ist. Die Firma Merz akzeptiert sie allerdings nicht, erzählt Gericke.