Wer an der Elbchaussee entlanggeht, in Blankenese durch die Villenviertel spaziert oder in einer Barkasse auf der Außenalster an den prächtigen Bürgerhäusern vorbeifährt, sieht, das Hamburg eine reiche Stadt ist. Allein 42.000 Millionäre leben in der alten Hansestadt. Nirgendwo in Deutschland ist die Millionärsdichte höher. Knapp 1.000 Hamburger verdienen mehr als eine Million Euro pro Jahr. Und sogar elf Milliardäre sind bekannt, die Hamburg als Hauptwohnsitz nennen, hier geboren wurden oder ihre Unternehmen von hier lenken. Jeder achte Hamburger gilt als reich.

Doch die Zentren des Reichtums wie der Stadtteil Nienstedten, wo das Jahresdurchschnittseinkommen bei rekordverdächtigen 170.000 Euro liegt, trennen nur wenige Kilometer von Vierteln, in denen die weniger gut Betuchten leben: Auf der Elbinsel Veddel etwa verdienen die Einwohner im Durchschnitt lediglich 15.000 Euro pro Jahr, ein Elftel weniger als einige Kilometer die Elbe hinauf in Nienstedten. Als Millionärshauptstadt könnte sich Hamburg kaum glaubhaft vermarkten. Wofür steht Hamburg, das Arme und Reiche so dicht beieinander auf seinem Stadtgebiet vereint?

Arm, aber sexy, so charakterisierte Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, einst seine Stadt. Von Hamburgs Erstem Bürgermeister sind ähnlich markante Sprüche über Hamburg nicht bekannt. Olaf Scholz liegen solche Floskeln nicht. Der Politiker, von Freund und Feind "Scholzomat" genannt, hält es eher mit Fakten. Zahlen aus dem jüngst erschienenen Sozialbericht etwa: Das Durchschnittseinkommen von Familien mit zwei Kindern stieg von 2.770 Euro im Jahr 2000 auf 4.110 Euro im Jahr 2010, errechneten die Statistiker. 28 Prozent der Einwohner zählen zu den "Besserverdienenden". Das Nettoeinkommen aller Hamburger Haushalte lag 2010 bei 2.960 Euro und damit immerhin 200 Euro über dem Bundesdurchschnitt. Für die 215.000 Hamburger, rund 13 Prozent der Bevölkerung, die als reich gelten, sind solche Zahlen wohl eher Peanuts.

Armut ist leichter zu definieren als Reichtum

Scholz hätte es aber auch schwerer, für die Hansestadt einprägsame Worte zu finden. Reich und sexy, passt nicht zum hanseatischen Understatement, wohlhabend und nobel käme – wenn überhaupt – bei manchem Gutbetuchten in Klein Flottbek an, wo die Polo-Plätze der Elbvororte liegen, oder in Pöseldorf, wo einige feine Segelclubs ihre Quartiere haben.

Nur: Wer durch die Hochhaus-Trabantenviertel Mümmelmannsberg oder Osdorfer Born geht, käme nicht auf die Idee, Hamburg als reiche Stadt zu feiern. Dort leben immerhin auch 179.900 Hartz-IV-Empfänger. 46.000 Kinder gelten als armutsgefährdet. Von Armut betroffen sind vor allem Hamburger mit Migrationshintergrund. 28 Prozent der Armen, immerhin 114.000 Menschen, haben Eltern, die aus dem Ausland stammen. Und auch die Hamburger Tafeln, die Essen an Bedürftige ausgeben, erleben großen Andrang: Mehr als 30.000 Menschen versorgen sich mit den kostenlosen Lebensmitteln der Tafeln. Die Zahl steigt jedes Jahr. Wer Kunde bei der Tafel sein will, muss nachweisen, dass er deren Hilfe wirklich nötig hat: Eine Hartz-IV-Bescheinigung dient beispielsweise als Beleg.

Armut ist jedoch leichter zu definieren als Reichtum. Viele Menschen, die der Statistik nach als reich gelten, sortieren sich in Umfragen selber als Mittelschicht ein. Der Reichtum mancher Familie besteht vor allem aus einem großen Haus mit üppigem Grundstück in bester Wohnlage. Ihr Vermögen ist gebunden – sie fahren keinen Porsche und essen nicht jedes Wochenende auf Hamburgs Luxus-Außenstelle Sylt Hummer oder Austern.

Bei den 500 Deutschen, die das Manager Magazin in seiner Liste der reichsten Deutschlands führt, ist das anders. Unter ihnen finden sich zahlreiche Hamburger – auch unter den Superreichen. Zu Letzteren zählen das Manager Magazin beispielsweise Michael und Alexander Otto, Erben des Versandhaus-Gründers. Mit einem geschätzten Gesamtvermögen von 8,6 Milliarden Euro liegen die Ottos auf Platz 1 der reichsten Hanseaten. Sie verstecken ihren Reichtum nicht und fallen immer wieder als großzügige Spender auf.