Der Schabbat beginnt in einer ehemaligen Turnhalle. Hier, in dem Saal mit Linoleumfußboden, wenige Meter von den Hamburger Messehallen entfernt, versammeln sich am Freitagabend rund 35 Mitglieder der Liberalen Jüdischen Gemeinde. Die kraftvolle Stimme der Vorbeterin dringt durch den hohen Saal. Sie arbeitet auch als Opernsängerin. Der junge Rabbiner studiert noch, nur einmal im Monat kommt er nach Hamburg, um den Gottesdienst zu leiten. Einen ständigen Rabbiner kann sich die Gemeinde nicht leisten. Statt aus Büchern lesen sie hier die Gebete von Fotokopien ab, die stecken in transparenten Plastikheftern.

108 Jüdische Gemeinden gibt es in Deutschland. Der Großteil, die Orthodoxen, hält sich streng an das jüdische Gesetz. Für sie ist Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist. Wer "nur" einen jüdischen Vater hat, ist es nicht. Die Liberale Gemeinde in Hamburg, eine von rund 20 in Deutschland, will niemanden ausschließen, auch nicht sogenannte Vaterjuden. Das ist ein Problem, denn die liberalen Juden hängen am Geldhahn der Orthodoxen Gemeinde.

"Wir können es nicht leiden, wenn uns andere vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben und was das Judentum ist", sagt Wolfgang Georgy. Seit 2008 ist er Teil der Liberalen Gemeinde, heute sitzt der 65-Jährige im Vorstand. "Zu uns darf jeder kommen." Geschlecht, Religion und Sexualität spielen keine Rolle, hier beten alle nebeneinander: junge Frauen in bunten Turnschuhen, Männer mit Kippa auf dem Kopf, Juden, Menschen, die es werden wollen, und Vaterjuden. Auch Muslime und Christen sind willkommen. Gebetet wird auf Hebräisch, aber auch auf Deutsch und Russisch. In einer orthodoxen Gemeinde ist das nicht erlaubt.

Eine eigene Synagoge hat die Gemeinde nicht

"Für die orthodoxe Gemeinde gelten viele von uns nicht als Juden", sagt Georgy. Der Streit um das richtige Judentum ist auch ein Streit um Mitgliederzahlen und um Geld. Er ist der Grund, warum die Jüdische Gemeinde für ihre Gottesdienste mal in das Bezirksamt St. Pauli ausweichen muss, mal in die ehemalige Turnhalle. Eine eigene Synagoge haben sie nicht. Die frühere Sporthalle ist heute ein jüdisches Kulturzentrum mit Lärchenholzvertäfelung und Glasfronten. Sehr schick, sagen einige Gemeindemitglieder. Ein schlimmer Ort, sagen andere, Juden wurden von hier früher in die Konzentrationslager deportiert.

"Es ist schwierig", sagt Georgys Ehefrau Ellen, die seit 2006 zur Gemeinde gehört. "Wir müssen uns gegen die Orthodoxe Gemeinde behaupten." Über einen Vertrag erhalten die Jüdischen Gemeinden in Deutschland Geld vom Staat. 875.000 Euro zahlt der Hamburger Senat jedes Jahr an die Orthodoxe, die hat laut Zentralrat rund 2.500 Mitglieder und behält den Großteil. Ein weiterer Vertrag bestimmt, wie viel sie an die Liberale Gemeinde weitergeben muss. "Das ist in etwa so, als würde man dem Papst eine Million geben und ihm dann sagen, er müsse den Protestanten einen Teil davon abgeben", sagt Wolfgang Georgy. Der Anteil richtet sich nach den Mitgliederzahlen, 460 zählt die Liberale Gemeinde nach eigenen Angaben, dazu gehört auch ein nicht-jüdischer Freundeskreis.