Fenster und Türen sind mit Pressspan vernagelt, den Zugang zum kleinen Innenhof versperren Gestrüpp, überwucherte Möbelreste und ein meterhohes Eisentor. Dahinter verbirgt sich die Schilleroper, Deutschlands letzter Zirkusbau. Ein mit Graffiti übersätes Ufo, das hier vor ein paar Jahrzehnten vergessen wurde. Während in der Nachbarschaft die Neue Flora am Fließband Musicals produziert, während das ehemalige Flora-Theater und heutige autonome Zentrum Rote Flora Pflastersteine fliegen lässt, verrottet nebenan das 1889 errichtete Zirkusgebäude – auf lukrativem Baugrund zwischen Schanzenviertel und St. Pauli.

Als der Zirkus zur Jahrhundertwende gebaut wurde, fasste der Rundbau neben einer Manege und 1.200 Zuschauerplätzen auch Artistenwohnungen und Elefantenställe. Nachdem sich der Zirkusbetrieb nicht rentierte wurde das Gebäude zum Theater umgebaut, ehe in den zwanziger Jahren Stücke von Bertolt Brecht und Helene Weil auf dem Spielplan standen und ein gewisser Hans Albers in den dreißiger Jahren zum Theater-Ensemble gehörte. Franz Lehár dirigierte hier noch kurz bevor der Theaterbetrieb mit Beginn des zweiten Weltkrieges für immer eingestellt wurde. 

Nach dem Krieg durchlief das ehemalige Theater Stationen als Hotel für Arbeitsmigranten, als Notunterkunft, die von der Stadt Hamburg angemietet wurde, und als Lagerhalle. Dabei verwahrloste der Bau. Zwar wurde der Theaterbetrieb vor 75 Jahren eingestellt, doch das Spiel um die Schiller-Oper seit dem Zweiten Weltkrieg erinnert an ein Drama in unzähligen Akten.  

 "Toll, aufregend, abgefuckt"

Im Rahmen einer Zwangsversteigerung ging das Gebäude in den fünfziger Jahren an Kurt Ehrhardt, dessen Nachfahren heute die Erbengemeinschaft stellen. Über eine langfristige kulturelle Nutzung und eine Sanierung konnten sich die Erben mit der Stadt nicht einigen. Eine kulturelle Zwischennutzung gelang immerhin um die Jahrtausendwende, als Nils Rose und Christoper Vanja das Foyergebäude für ihren Schilleroper Club mieteten. Der ehemalige Manegen-Trakt war indes schon damals einsturzgefährdet. 

In dieser Phase organisierte auch der Hamburger Independent-Verlag Minimal Trash Art seine Lesereihe Transit im Schilleroper Club. "2003 fand die erste Lesung statt. Es war toll, aufregend, abgefuckt und vollgestellt mit Sperrmüll, der mit Panzerband geflickt war. Und das alles an einem verstecktem Ort unweit der Schanze", erinnern sich die Verlagsgründer Jan Billhardt und Melanie Reiling:  "Ein fast konspirativer Ort, der nur von einem schummrigen, verrauchten, gelben Lampenschirmlicht beleuchtet werden konnte." Der Hamburger Literat Benjamin Maack verbrannte hier 2004 nach einer Lesung seinen eigenen Gedichtband, um Spiegeleier für das Publikum zu braten. Auch trat die "1 Mann Heimelektronikband" Neoangin des deutschen Pop-Art-Künstlers und Musikers Jim Avignon in der rund 150 Zuschauer fassenden Location auf und viele andere namhafte Elektro- und Jazzmusiker.

Als die beiden Clubbetreiber Rose und Vanja nach dreieinhalb Jahren gesundheitlich und finanziell an ihre Grenzen kamen, suchten sie einen neuen Betreiber, der schnell gefunden war. Doch die Eigentümer der Schilleroper entschieden sich gegen eine Weiternutzung, sodass der Club mit einer letzten Party im Jahr 2006 für immer schloss. Heute, mit einem gewissen zeitlichen Abstand und einer Spur Sarkasmus, spricht sich Nils Rose für die Verwahrlosung des Komplexes aus. "Hamburg würde eine Ruine in Bestlage gut stehen. Davon gibt es zu wenig!"