Der 18-Jährige Peter Petersen brauchte 1941 ein Kanu. Unbedingt. Und einen Kofferplattenspieler. Der Sohn eines Zigarrenladenbesitzers in der Silbersackstraße auf St. Pauli entdeckte Anfang der 1940er-Jahre seine Liebe zum Swing, jener Musik, die unter der Diktatur des Nationalsozialismus als "entartete" Musik galt. Zusammen mit einer Handvoll Freunde begann die Suche nach Schellackplatten von Louis Armstrong, Jack Hylton und seinem Idol Teddy Staufer. An die ursprüngliche Bezugsquelle der kostbaren Tonträger kann sich der heute 91-Jährige gar nicht mehr erinnern.

Während viele Altersgenossen im Gleichschritt marschierten und in den staatlichen Jugendorganisationen Hitlerjungend (HJ) und Bund Deutscher Mädels (BDM) indoktriniert werden sollten, erzog Petersens Vater seinen Sohn zu Mut und einem eigenen Willen. Der Zigarrenhändler selbst leistete leisen Widerstand, immer am Rand der damaligen Legalität. So hing im elterlichen Laden zwar ein Führerbild, jedoch eines, das den Führer nicht wirklich erfreut hätte. Anstatt eines martialischen Porträts schmückte ein Illustriertenfoto die Ladenwand, das einen sich im Korbstuhl fläzenden Hitler im knappen Dinnerjacket zeigte. Diese Art subtilen Widerstands übernahm der Sohn für sein eigenes, "merkwürdiges" Leben, wie er sagt. Eine besonders intensive, wenn auch relativ kurze Episode dieses Lebens bildete sein Dasein als Swing-Boy.

Die Bewegung der Swing-Jugend entwickelte sich in den 1930ern überwiegend in deutschen Großstädten und betrieb in unterschiedlichen Facetten Abgrenzung und Opposition gegen das Nazi-Regime. Die Begeisterung für Swing-Musik und die anglophile Haltung spiegelte sich auch im Aussehen der Jugendlichen wider. Neben maßgeschneiderten Nadelstreifen-Zweireihern, Kotletten und längerem Deckhaar, gehörten Hut und Regenschirm zu den Erkennungsmerkmalen. "Wir wollten ja als Engländer gelten!", so Petersen heute. Swing-Girls trugen Make-up, Dauerwelle, figurbetonte Röcke oder auch Matrosenhosen wie Marlene Dietrich.

Swing-Tanzen war offiziell verboten

Zurück zum Kanu. Das hatte der junge Petersen mittlerweile für die hohe Summe von 30 Reichsmark erworben und sogar einen Liegeplatz am Goldbekufer ergattert. In dieser Zeit gab es für ihn nichts Schöneres als sich an einem Sonntag mit dem Kanu fernab von Ufer und Konventionen mit Hunderten anderer Kanus und Gleichgesinnten samt Kofferplattenspielern auf  dem Stadtparksee treiben zu lassen. Ein Stück Freiheit – die SA fuhr nicht Kanu. Und ein wenig Swing fiel zwischen den Melodien von Rudolf Schock oder Zarah Leander nicht sonderlich auf.

In einer kurzen Zeitepoche zwischen 1940 und 1941 fühlte sich die Swing-Clique magisch von einem Tanzcafé gegenüber der U-Bahnstation St. Pauli angezogen, dort wo heute in zweckmäßigen Bauten mit Eventgastronomie Horden von Junggesellen abgefüllt werden: Das Café Heinze, ein Bau in Art-Déco-Stil mit einer Milchglastanzfläche, die leuchtete, wenn die Kapelle spielte. Auch wenn sich auf der Reeperbahn Varieté an Varieté mit Namen wie Liliput 1, Liliput 2 oder Onkel Hugo reihten, gehörte das Café Heinze zusammen mit dem damaligen Alsterpavillon zu den wenigen Lokalitäten, die monatlich wechselnde internationale Kapellen engagierten. Acht bis zehnmal besuchte Petersen das Tanzcafé in dieser Zeit, und das durch die Hintertür. Mehr Besuche konnten sich die Freunde nicht leisten und durch die Vordertür wären sie vom "gold-bekordelten" Concierge aufgehalten worden.

Swing-Tanzen war bereits seit Ende der 1930er-Jahre verboten. Offiziell. Die Kapelle um den Schweizer Bandleader Teddy Stauffer spielte dennoch Swing im Café Heinze. Der Schlagzeuger saß erhöht mit Blick auf die Eingangshalle. Erblickte er die Braunhemden der SA, spielte er einen Trommelwirbel und schon konnte nach unverdächtigen Walzerklängen im Lokal getanzt werden.

Razzien wurden vor allem im Alsterpavillion durchgeführt. Das erfuhr auch Petersen eines Abends. Der schwedische Kapellmeister Arne Hülphers, dessen Musik der Reichsmusikkammer schon länger ein Dorn im Auge war, gab an diesem Abend ein Konzert. Petersen und seine Freunde wurden brüllend aufgefordert, mit in das Gestapo-Hauptquartier an der Stadthausbrücke zu kommen. Man ließ sie dort endlos lang Stehen und Warten, bis sie nach  Aufnahme der Personalien wieder entlassen wurden.