Sie besuchten mit ihren Mopeds die Jahrmärkte Norddeutschlands, hintendrauf die Mädchen mit toupierten Haaren: "Wir sind rumgehottet und die Leute haben nur mit dem Kopf geschüttelt. Beliebt waren wir nicht, aber das war die Zeit", erinnert sich Klaus Dreeßen. Mit sonorer Stimme spricht Dreeßen von den Anfängen der Hamburger Rockerbewegung.

Das war 1961, als der Übergang von den Halbstarken zu den Rockern noch fließend war. Dreeßen trug Elvis-Tolle, Lederjacke, weiße Mokassins und eine Halskette mit dem Emblem der Mopedmarke Kreidler. Heute ist Dreeßen im Ruhestand. Für ihn, den Rocker der ersten Stunde, war das Rockerleben 1966 schon zu Ende. Vorerst. Er hatte seinen Gesellenbrief erworben und heiratete im Alter von 21 Jahren. Manche seiner früheren Weggefährten wurden später zu Hells Angels.   

Bis zur neunten Klasse besuchte Dreeßen, der in Rockerkreisen noch heute Kreidler genannt wird, die Mittelschule, dann wurden andere Sachen wichtiger: die Musik von Bill Haley und Chuck Berry und Konzerte in der Ernst-Merk-Halle und dem Starclub. Außerdem gründete Dreeßen den nach ihm benannten Kreidler-Club Hamburg-Eilbek.

Dieses Leben drehte sich natürlich auch um die in der Elterngeneration verhasste Rockmusik, um Rebellion und vor allen Dingen um Abgrenzung zu den "Exis", den Existentialisten – zur Not auch mit Körpereinsatz. "Exis" besuchten meist die Oberschule, hörten Jazz und lasen Camus. Mit der Zeit wurde "Exi" jedoch zu einem Sammelbegriff für all jene, die nicht dem Rockermilieu angehörten. "Exis trugen teure Klamotten und fuhren Motorroller. Die hatten zwar auch Mädchen hintendrauf. Nur braver. Wir waren verwegener", so Dreeßen. Auf autobahntauglich frisierten Kreidler-Kleinkrafträdern besuchte die Clique neben den Jahrmärkten auch öfters ein Kino an der Wandsbeker Marktstraße, das ironischerweise den Namen Harmonie trug. "Unsere Clique war harmlos. Aber es gab Leute, die waren damals rustikaler."      

Die wilden Engel von Roger Corman prägten das Rockergefühl

In der zweiten Hälfte der 1960er veränderte sich auch das äußere Bild der Rocker. Einen starken Eindruck auf das Hamburger Rockertum hinterließ 1966 der US-amerikanische Film Die wilden Engel von Roger Corman. Noch vor Easy Rider im Jahr 1969 spielte Peter Fonda das Mitglied einer Motorradgang, die nach Kalifornien fährt, um ein gestohlenes Motorrad zurückzuholen. Dieser Film, die amerikanischen Motorradclubs, der vermeintliche amerikanische Traum und der Drang nach Freiheit abseits von Konventionen und dem bis 1969 noch gültigen Kuppeleiparagrafen prägten auch das Hamburger Rockerbild. Die Haare wuchsen, Kutte und Colors – die Club-Abzeichen –  hielten Einzug. Die Lederkluft kam von Leder-Erdmann, einem Laden auf der Reeperbahn, spitze Motorradstiefel lösten die weißen Mokassins ab. 

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Und nicht nur das Outfit wurde rustikaler: Im Oktober 1966 entschieden sich rund 30 Hamburger Rocker zu einem Kirchgang der etwas anderen Art, der junge Ehemann Dreeßen erfuhr davon nur noch aus der Zeitung. Die sogenannte Hundeketten-Bande verschaffte sich traditionell Respekt durch das Schwingen von Eisenketten. Und so schwangen die Gangmitglieder ihre Ketten auch an diesem Oktobertag im damals sehr modernen Beat-Gottesdienst des jungen Pastors Wolfgang Weißbach in Hamburg-Horn. Trotz des provokanten Amens der Rocker an jedem Satzende und trotz des schiefen Hm-da-da-Chorals, der die Gemeindelieder begleitete, versuchte Weißbach seine Andacht mehr oder weniger friedvoll zu Ende zu bringen.

Die Hundeketten-Bande nebst mitgereisten Rockerfreunden, deren Zahl stetig stieg, kam von nun an regelmäßig. Kloschüsseln und Waschbecken gingen ebenso zu Bruch wie Kirchenmobiliar. In jener Zeit machte Pastor Weißbach erste Bekanntschaft mit Leuten, die sich Pisser-Paul und Schief-Maul oder Kartoffel und Milchreis nannten – Bekanntschaften, die teilweise bis heute anhalten. Zumeist ging den eigenwilligen Namen, die Weißbach später in seinem Buch Rocker, Stiefkinder unserer Gesellschaft aufzeichnete, eine Geschichte voraus. Wie auch bei River, der aus dem Jugendgefängnis Hanöversand schwimmend auf die andere Elbseite geflohen war. Oder beim "Bürgermeister", der sich während eines Kurkonzertes in Cuxhaven auf die Bühne schwang, um sich eben zum Bürgermeister zu ernennen. 

Obwohl es gemeinsam gegen Spießer und Polizei ging, und das zumeist unter starkem Alkoholeinfluss, hatte das Rockertum viele Facetten. Bei der Frage nach der sozialen Herkunft liegt die Antwort scheinbar auf der Hand: Ein großer Teil kam aus zerrütteten Familien, Vater Trinker, tägliche Prügel, Mutter überfordert, Unterkunft in Nachkriegsbaracken. Mädchen, die aus dem geschlossenen Mädchenheim in der Feuerbergstraße abgehauen waren, mischten sich ebenfalls unter die Rocker. Oft als Hilfsarbeiter drangsaliert, suchten die Jugendlichen Respekt und genossen die Erhabenheit über eingeschüchterte U-Bahn-Gäste, Straßenpassanten oder eben über die Kirchenbesucher.