Neulich erst wieder. Letzte kleine Runde, so kurz vor Mitternacht, da kommt er, aus dem Dunkel von links. Hüfthoher Boxerrüde, aufröhrend wie eine Harley Davidson, er stürzt sich auf uns, dreht den kleinen Cocker auf den Rücken, steht mit allen vier Beinen über ihm und fletscht die Zähne nur Millimeter über dem weichbelockten Cocker-Hals. HILFE!!! Ein Halter irgendwo im Dunkel? Nö.

Oder letzte Woche: Noch ein Schlenker rüber zur Bank, dort patrouillieren zwei hüfthohe karamellfarbene ungarische Vizslas. Oder, vorletzte Woche: In unserer kleinen Einkaufsstraße sieht man links hinten eine Lady mit Fahrrad einbiegend, auf dem Bürgersteig, was soll's, es ist nicht unser Bürgersteig, wir sind auf der anderen Seite. Falsch gedacht. Ihr struppiger Mischling startet durch, setzt in Riesensätzen über die Straße, springt auf den Rücken des Cockers, mehrfaches herzhaftes Reinbeißen.

Vor Spar liegt ein unangeleinter Terrier auf dem Bürgersteig, wir beschließen, dass der Kaffee vielleicht noch reicht. Kurz vor der Kirche dann dieses Grollen. Man kennt es aus früheren Filmen von Grzimek, da ging es um Löwen und Panther in der Serengeti, die zum tödlichen Sprung ansetzen, bei uns geht es um einen Golden-Retriever-Rüden, der mit freigelegtem Gebiss um die Ecke fegt, wohin, na auf uns.

Natürlich lasse ich die Leine los, damit mein Hund manövrieren kann, er manövriert ausweichend auf einen kleinen Parkplatz, wird dort gejagt von dem großen Rüden, dann trudeln die Hunde in hysterischen Runden über die Straße, wo ich vorsichtshalber den Verkehr anhalte. Jetzt bloß kein Auffahrunfall! Ein Halter irgendwo? Nö.

"Muckilein nein!" piepste das Mädchen

Es ist das zweite Mal in einer Woche, dass ich wie ein Ost-Ampel-Männchen mitten auf der Straße stehe und die Autos zum Stoppen bringe, damit sie nicht in die kämpfenden Hunde rasen. Das andere Mal war immerhin eine Halterin in Sicht, ein kleines Mädchen auf einem Fahrrad, die erst ihr "Muckilein nein!" piepste, als der schwarzer Setter schon über die Fahrbahn setzte. Augenzwinkernder Rückblick des Setters, und weiter!

Es kann überall passieren. In der S-Bahn ist Ausweichen nicht möglich. Es ist üblich geworden, dass Bettler mit ihren Hunden die Waggons durchstreifen, dann klemmt man fest zwischen den Bänken, einmal musste ich meinen Hund hoch in die Luft halten, um zu verhindern, dass sich die Hunde verbissen. 15 Kilo hochgestemmt, kleines Krafttraining, wo ist das Problem? Das Problem ist: Kraft hilft einem nicht weiter, wenn der Hund gerade durchdreht, weil zwei grollende Tölen auf ihn zuschießen, während er dämlicherweise angeleint ist, er setzt auf scharfes Blaffen als vorbeugende Maßnahme, es hilft nicht viel, dass die junge Frau in den abgerissenen Klamotten ihm zuruft: "Aber die tun dir doch nichts!"

Bettler und Obdachlose. Man versteht, dass sie gerne Schutz dabeihaben, gerne große Hunde, möglichst unkastriert. Wäre ich obdachlos, hätte ich mich sicher auch für so was echt Scharfes entschieden und nicht für einen Kraulhund, der sich jedem anschmeichelt. Wir sind beide aufseiten der Obdachlosen, ich aus Gründen eines politisch korrekt schlagenden Herzens, der Cocker aus nasentechnischen Erwägungen sehr zugeneigt – aber dennoch. Teile der Stadt sind unpassierbar.