Das Mädchen ist spurlos verschwunden. 14 Jahre war Nicole alt, als sie im Februar von vier Männern vergewaltigt und mit Gegenständen malträtiert wurde. Sie wäre fast ums Leben gekommen, denn nach der Gruppenvergewaltigung hatten die Täter sie auf ein Laken gepackt, in einen Hinterhof geschleift und dort bei eisiger Kälte einfach liegen gelassen. Nun ist sie weg. Aus der betreuten Jugendwohnung, in der sie im Februar noch wohnte, ist sie ausgezogen. Niemand weiß, wo sie heute lebt.

Wie kann so etwas passieren?

Die Täter und ihre Angehörigen geben sich nur wenig beeindruckt von der Tat und ihren Folgen. Landgericht Hamburg, Saal 337. Viele Bekannte sind zum Urteil gekommen. Die Stimmung ist super. Seit Monaten sitzen die vier Täter in Untersuchungshaft. Nun kommen drei von ihnen frei. Die Angehörigen jubeln, als der Vorsitzende Richter das Urteil verkündet, einer beruhigt sich erst wieder, als das Gericht ihm mit Saalverweis droht.

Die Anklage lautete auf schweren sexuellen Missbrauch einer widerstandsunfähigen Person, gefährliche Körperverletzung und noch einiges mehr. Das klang nach vielen Jahren Haft. Doch drei der Täter sind selbst erst zwischen 14 und 17 Jahre alt. Da gilt Jugendstrafrecht mit ganz eigenen Regeln. Jugendliche Straftäter dürfen nicht bestraft, sondern sollen erzogen werden. Also kommen die drei in Therapieeinrichtungen irgendwo außerhalb von Hamburg. Außerdem haben sie den sexuellen Missbrauch gestanden. "Die Strafen mögen einem Teil der Öffentlichkeit milde erscheinen", sagt der vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung. "Daran aber hat sich die Kammer nicht zu orientieren."

Nur der älteste Täter kommt ins Gefängnis. Bosco P. ist 21 Jahre alt und damit erwachsen. Er hat sich bis zuletzt uneinsichtig gezeigt. Im Prozess hatte er behauptet, die 14-jährige Nicole hätte freiwillig mit ihm Sex gehabt. An jenem Abend, in der Erdgeschosswohnung in Harburg, hätten sie zusammen Wodka und Bier getrunken. Nicole sei dann erst mit dem 16-jährigen Alexander K. ins Schlafzimmer gegangen, dann mit ihm.

Der Missbrauch wurde gefilmt

Doch Nicole hatte 1,9 Promille Alkohol im Blut, als ein Nachbar sie in dem Hinterhof fand, gerade noch rechtzeitig, sonst wäre sie erfroren. Und es gibt sogar Videos von der furchtbaren Nacht. Die Täter hatten Spaß daran, zu filmen, wie sie Nicole später noch mit Gegenständen malträtierten. Auf den Videos ist zu sehen, wie das Mädchen im eigenen Erbrochenen liegt, vollkommen weggetreten, und die Männer sich reihum an ihr vergehen.

Den Filmjob hatte eine Freundin von Nicole übernommen. Lisa, 15 Jahre alt, hatte Nicole an jenem Abend mit zu ihren Bekannten genommen. Sie schaute zu, wie die Freundin sich betrank, half ihr auch nicht, als sie besinnungslos auf dem Bett im Schlafzimmer lag, die Jungen nacheinander zu ihr gingen und die Tür schlossen. Als sie anfingen, verschiedene Gegenstände in Nicole einzuführen, zückte Lisa sogar ihr Handy. Sie bekommt dafür ein Jahr Jugendstrafe auf Bewährung. "Sie war für Nicole verantwortlich, weil sie sie zu fremden Leuten mitgenommen hatte", so das Gericht. Mit den Videos habe sie ihre Freundin besonders herabgewürdigt: "Sie stellte sich damit auf die Seite der Jungs."

Wie Sieger im Gerichtssaal

Die Angeklagten hatten zum Prozessauftakt Ende August für erneutes Entsetzen gesorgt. Sie waren wie Sieger in den Saal eingezogen, hatten vor den Zuschauern gepost und Faxen gemacht. Beim Urteil geben sie sich etwas kleinlauter. Nur Bosco P. nicht. Als alles vorüber ist, steht er auf. Er dreht sich zu den Zuschauern um, reckt die Arme in die Höhe. Er ruft etwas auf Serbisch zu seiner Familie im Zuschauerraum. Dann macht er Gesten. Er deutet auch eine Sexbewegung an und grinst. Die Show ist erst vorbei, als ein Justizbeamter ihn in die Haft abführt.