Was für ein Andrang. Am 16. April 1929 strömen Menschen aus ganz Norddeutschland in den großen Saal von Circus Busch am Hamburger Millerntor hinein. Hunderte, Tausende kaufen sich ein Ticket für eine Reichsmark, in Zeiten wirtschaftlicher Not keine kleine Summe. "Juden ist der Zutritt verboten", hat der Veranstalter festgelegt: Die NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, präsentiert einen ihrer führenden Männer als Redner.

Die Faschisten sind im Aufwind. Die Mitgliederzahl steigt, aus der rechtsradikalen Sekte des arbeitslosen Kunstmalers Adolf Hitler, der 1923 vergeblich gegen die Weimarer Republik putschte, ist eine Massenpartei geworden. Nun tritt Joseph Goebbels ans Mikrofon. Berlins Gauleiter, klein von Gestalt, aber ein begabter Propagandist. Vor 5.000 Zuhörern schreit er: "Wir werden die Sklavenketten brechen!"

Hitler und seine Anhänger sehen sich als Sklaven der Republik. Sie träumen vom Führerstaat, von einem "Dritten Reich". Die Nationalsozialisten in Hamburg sollen helfen, einen faschistischen Staat aufzubauen. Doch das Bild, dass die NSDAP an der Elbe abgibt, kann die Führungsriege der Rechtsradikalen nur entsetzen: zerstritten, pleite, politisch bedeutungslos. Hamburg gilt immer noch als rote Festung: Die SPD ist hier so stark wie fast nirgendwo sonst im Reich, auch die KPD erhält bei den Wahlen meist recht gute Ergebnisse. Und die NSDAP? Noch weit weg von der Macht.

Kaufmann will Macht und Geld

Auch deswegen ist Goebbels nach Hamburg gekommen. Nach seinem Auftritt beschäftigt er sich mit dem Chaos in Hamburg. Er trifft einen alten Bekannten, den er aus seiner Zeit im Gau Rheinland-Nord kennt: Den 28-jährigen Karl Kaufmann. Dieser war noch vor wenigen Jahren Goebbels Vorgesetzter. Doch dann hat 1928 ein hässlicher Streit innerhalb des Gaus zur Absetzung Kaufmanns geführt. Nun gibt Hitler ihm eine neue Chance. Kaufmann soll Hamburg übernehmen als neuer Gauleiter.

"Er bekommt einen schönen Stall auszumisten", schreibt Goebbels in sein Tagebuch, "ich fürchte, dass es ihm nicht gelingen wird." Tatsächlich muss Kaufmann um die Macht in der Partei kämpfen. Am 2. Mai 1929 ruft Kaufmann die NSDAP-Mitglieder zur Vollversammlung zusammen. "Überwindet alle inneren Reibereien", fordert er. "Ich werde mich bemühen, den Gau Hamburg vorwärts zu bringen."

Kaufmann ist ehrgeizig und gierig – nach Macht und Geld. Er wird schon bald die Stadt regieren, die Geschichte Hamburgs für gut zwölf Jahre lang prägen, er wird gnadenlos gegen Gegner und Minderheiten vorgehen, er wird für seine Verbrechen nie belangt werden und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg versuchen, die Politik zu bestimmen. Doch zunächst einmal muss er seine inneren Feinde ausschalten. Denn in der NSDAP und in der SA im Norden entsteht eine Opposition gegen ihn.

Am 24. Juni 1929 schreibt Kaufmann an Hitler. Er klagt darin über die Zustände, die in Hamburg herrschen: Es gebe hier Widerstände gegen ihn – und gegen Hitler. Kaufmann lädt seinen "Führer" nach Hamburg ein. Es dauert aber noch Monate, bis Hitler an die Elbe kommt. 1930 tritt er gemeinsam mit Kaufmann auf. Jetzt ist die NSDAP keine unbedeutende Partei mehr. Nun gewinnen die Nationalsozialisten die ersten Landtage und schließlich auch die Mehrheit im Reichstag für sich. Im Januar 1933 ernennt der greise Präsident von Hindenburg schließlich Hitler zum Kanzler. Kurz darauf errichten die Faschisten eine Diktatur. Auch in Hamburg.