ZEIT ONLINE: Herr Rätz, Sie demonstrieren heute gegen G20 in einem großen Bündnis. Dazu gehört auch das autonome Bündnis "Welcome To Hell", also der schwarze Block, deren Anhänger in der Nacht das Schanzenviertel verwüstet haben. Sie sprechen von einem gemeinsamen "Aktionkonsens" für die Demo, worin besteht der?

Werner Rätz: Wir wollen eine Demonstration, die gemeinsam losläuft und ankommt und während der sich alle Menschen sicher fühlen können, auch Familien mit Kindern.

ZEIT ONLINE: Mit anderen Worten: Sie wollen eine friedliche Demonstration?

Rätz: Wir wollen eine Demonstration, die wir in dieser Weise beschrieben haben.

ZEIT ONLINE: Ist "friedlich" nicht das korrekte Adjektiv für das, was Sie gerade beschrieben haben?

Rätz: Friedlich ist ein vieldeutiger Begriff. Er wird benutzt, um ein bestimmtes Verhalten einzufordern – aber auch, um das eigene Verhalten zu beschreiben. Deshalb haben wir uns darauf verständigt, konkret zu beschreiben, was wir meinen, anstatt so einen unpräzisen Begriff zu benutzen.

ZEIT ONLINE: Jetzt haben Sie mit "Welcome to Hell" ein Bündnis radikaler autonomer Gruppen dabei, denen der Begriff "friedlich" wohl besonders wenig passt. Wieso dürfen die mitmachen?

Rätz: Weil wir in dieser konkreten Demonstration einen gemeinsamen Ausdruck finden. In dieser Breite ist unsere Großdemo ein besonderes Ereignis – in diesem Sinne können da auch gewaltfreie Organisationen und solche, die Militanz nicht ausschließen, punktuell zusammenfinden.

ZEIT ONLINE: Sie treffen sich für ein paar Stunden auf einer Großdemonstration mit Akteuren, von denen Sie wissen, dass einige von ihnen vorher oder nachher militant agieren werden? Das klingt nach einer wenig nachhaltigen Verabredung...

Rätz: Die Zustandsbeschreibung trifft nicht zu. Die autonom geprägte "Welcome-to-Hell"-Demo am Donnerstag ist ausgesprochen aggressionsfrei aufgetreten und war sehr bunt und vielfältig. Als die Polizei die Räumung angefangen hat, haben diese Akteure erkennbar nicht die Auseinandersetzung gesucht.

ZEIT ONLINE: Aber diese Dramaturgie ist doch durchsichtig: Der schwarze Block verkneift sich auf gemeinsamen Demos die offene Militanz – um sich später auf polizeiliche Repression zu berufen und marodierend durch die Straßen zu ziehen. Wäre es nicht an der Zeit zu sagen: Liebe Autonome, bleibt doch heute mal zu Hause und verständigt euch intern darüber, warum Ihr in der Nachbarschaft Geschäfte plündert und Autos anzündet?

Rätz: Sie können sicher sein, dass diese Debatte intern auch geführt wird. Der "Welcome-to-Hell"-Sprecher hat sich von den brennenden Autos in der Nachbarschaft auch distanziert. Aber es nützt überhaupt nichts, wenn wir als Attac sagen: Bleibt zu Hause. Im besten Fall lachen sie uns aus, im schlimmsten Fall sagen sie: Denen zeigen wir es. Jedes Spektrum wird zu so einem Großereignis mobilisieren. Wir haben uns auf diese Großdemo geeinigt, damit es einen Ort gibt, an dem sich alle wohlfühlen. Auch Unbeteiligte sollen einschätzen können, was auf sie zu kommt.

ZEIT ONLINE: Wieso suchen Sie sich einen Bündnispartner, von dem Sie vermuten, dass er sie auslacht, wenn Sie auch über die Demo hinaus auf einen zivilisatorischen Minimalkonsens bestehen, was das Verhalten in dieser Stadt angeht?

Rätz: Wir sind uns über den zivilisatorischen Minimalkonsens einig, wir sind uns auch in der Ablehnung der Vorgänge im Schanzenviertel einig. Wir haben Differenzen, was Militanz und Gewaltfreiheit angeht, und darüber sprechen wir.