Es ist Freitagnachmittag, als in Saal 337 des Landgerichtes Hamburg elf Justizbeamte in Stellung gehen. Sie reihen sich am Rande des Saales auf, breitbeinig, mit Handschellen und entschlossenen Gesichtern. Gleich wird das Urteil zu einem der brutalsten Verbrechen verkündet, das es seit Langem in Hamburg gab. Fünf Täter hatten eine 84-jährige Rentnerin 2014 in ihrer Wohnung in Wilhelmsburg überfallen, gefoltert und ermordet. Einer der Täter ist bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden, ein weiterer ist unbekannt geblieben. Nun geht es um das Strafmaß für drei weitere Angeklagte, darunter eine junge Frau, die bis zum Schluss ihre Unschuld beteuert hatte. Die Vorsitzende Richterin der Großen Strafkammer 2 verkündet das Urteil: lebenslang wegen Mordes für den Anführer, zwölf Jahre wegen Raubes mit Todesfolge für einen Angeklagten, elfeinhalb Jahre für die Frau.

Dann geht es los. Mehr als 60 Angehörige der Familie der Angeklagten schreien und hämmern gegen die Trennscheibe, bis diese kurz vorm Bersten ist. Eine Frau bricht ohnmächtig zusammen, ein Sanitäter muss gerufen werden. Vorne schreit die Angeklagte Angelika S., 24 Jahre, laut auf und presst sich verzweifelt an ihre Anwältin. Die verlangt, dass die Verhandlung abgebrochen wird, die Richterin verliert angesichts des Chaos kurz die Fassung. Sie brüllt. "Mir ist schon klar, dass Ihre Mandantin emotional berührt ist", ruft sie ins Mikrofon. "Aber wenn man weint, ist man nicht verhandlungsunfähig." Sie setzt die Urteilsbegründung über den Lärm hinweg fort.

Zwischen alldem sitzen still die Angehörigen der ermordeten alten Frau. Sie weinen. Zwischen all dem Lärm beachtet sie niemand.

Brutal geknebelt

Edith D. sei in einer Art arbeitsteiligem Zusammenwirken ermordet worden, hatte die Richterin zuvor festgestellt. Den Plan, sie auszurauben, habe einer der Täter schon seit Monaten gehabt. Er wohnte ganz in der Nähe in Wilhelmsburg und beobachtete die alte Frau, wenn sie mit ihrem Gehwagen einkaufen ging, immer gut gekleidet, gerne mit etwas Schmuck zurechtgemacht. Mehrfach sollen die Täter versucht haben, unter einem Vorwand in ihre Wohnung zu kommen. Am 17. Juni 2014 dann stand die Balkontür in der Hochparterrewohnung auf, und die Bande zog los. Angelika S. soll vorne an der Wohnungstür geklingelt und um ein Glas Wasser gebeten haben, um Edith D. abzulenken. Zeitgleich stieg ein anderer Täter über den Balkon in die Wohnung ein. Die Täter drängten die Frau in ihre Wohnung, schlugen und knebelten sie brutal mit einem Putzlappen. Zusätzlich zogen sie ihr eine Decke um den Hals. Sie schleiften die Seniorin ins Bad und bedeckten sie mit einer Wolldecke, um ihr zerschundenes Gesicht nicht sehen zu müssen, wie die Richterin sagt. "Scheiße, scheiße, schnell raus", habe Angelika S. gerufen, als sie sah, dass Edith D. tot war. Die Bande flüchtete mit Geld und Schmuck im Wert von mehreren Tausend Euro.

Die Richterin sagt, die Täter seien extra eingebrochen, als Edith D. zu Hause war, um die Pin-Nummer ihrer Kontokarte und das Versteck eines Tresorschlüssels aus ihr herauszupressen.

Sohn will in Revision gehen

Es sind lange Gefängnisstrafen, zu denen die Täter verurteilt worden sind. Für die Angehörigen von Edith D. sind sie nicht lange genug. Als alles vorüber ist, stehen der erwachsene Sohn und die Tochter vor dem Saal, beide schon in den Sechzigern. Seit zwei Jahren haben sie den Prozess verfolgt. An fast jedem der über 100 Verhandlungstage waren sie im Gerichtssaal, vor sich ein gerahmtes Bild ihrer Mutter. Sie wollen, dass die Täter alle lebenslang ins Gefängnis kommen. Vorher, sagen sie, könnten sie nicht zur Ruhe kommen. "Wir Angehörigen haben lebenslänglich", sagt Bernd D. "Die Täter kommen nach ein paar Jahren raus und fangen ein neues Leben an." Er kündigt an, in Revision zu gehen.

Der Fall hat alle Beteiligten an ihre Belastungsgrenzen gebracht. Die Polizisten, die damals am Tatort waren. Die Richter, die sich die Fotos der gefolterten alten Dame anschauen mussten. Nachdem sie kurz die Kontrolle verloren hat, versucht die Vorsitzende, das Urteil der Kammer sachlich und nüchtern zu begründen. Anders als der Vorsitzende Richter der Strafkammer, der vergangenen September den Hauptangeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt hatte. "Es gibt Straftaten, bei denen selbst Richter einer Schwurgerichtskammer eine Gänsehaut bekommen", hatte er seine Erschütterung damals beschrieben. "Vor uns tat sich hier ein menschlicher Abgrund auf, der fassungslos macht."