Annika Lasarzik © unbekannt

Guten Morgen,

Wie steht’s eigentlich um Ihre Work-Life-Balance? Alles chillig oder sind Sie voll verpeilt und eiern so rum? Wie, Ihnen gefällt meine Ausdrucksweise nicht? Laut Duden ist die völlig in Ordnung. Das Nachschlagewerk wurde nämlich wieder mal neu gedruckt, gestern ist es in der 27. Auflage erschienen. Und es ist so dick wie noch nie: 5000 Wörter sind diesmal hinzugekommen, darunter politische Begriffe wie Willkommenskultur, Wutbürger, Lügenpresse oder Fake-News – also Spiegelbilder gesellschaftlicher Debatten. Da wären aber auch technische Wörter wie Selfie, Tablet, Emoji, Filterblase und liken – die vor allem widerspiegeln, dass viele Leute gerade sehr viel Zeit im Internet verbringen.

Welches Wort sich nun tatsächlich auf lange Zeit im kollektiven Gedächtnis einbrennen könnte oder doch zur Eintagsfliege wird, darüber ließe sich nun lange streiten.

Der Duden soll eben ein Abbild der Alltagssprache sein. Die wandelt sich ständig und ist für jeden anders. Wie man prokrastiniert, weiß ich zum Beispiel ganz gut. Das Wort "polysportiv" aber habe ich noch nie gehört. Und gibt es ernsthaft jemanden, der "futschikato" sagt?

Nein, mein liebstes neues Wort im Duden ist: Tüddelkram!

Innenausschuss tagt zu Messerattentat

Gestern befasste sich der Innenausschuss der Bürgerschaft in einer Sondersitzung mit dem tödlichen Messerangriff von Barmbek. Gleich zu Beginn der Sitzung gab Innensenator Andy Grote zu, dass im Umgang mit dem Täter Ahmad A. Fehler gemacht worden seien. Die Sicherheitsbehörden seien mit Hinweisen auf dessen psychische Instabilität und Radikalisierung nicht schnell, nicht gründlich genug umgegangen. Zudem sei kein psychologischer Sachverstand hinzugezogen worden – obgleich es dazu Anlass gegeben habe. Vertreter verschiedener Behörden zeichneten ein Bild des Täters: Dieser habe gekifft und Alkohol getrunken, radikale Tendenzen gezeigt und sich dann wieder monatelang unauffällig verhalten. Grotes Ansicht nach hätte die Tat jedoch trotz mehrerer Warnhinweise von Sozialeinrichtungen und Behörden nicht verhindert werden können. Wieso Hinweise nicht missachtet oder falsch eingeschätzt worden seien, müsse indes noch genauer analysiert werden. Nun soll eine Reihe von Regeln sicherstellen, dass solch folgenschwere Fehler nicht wieder passieren: Hinweise sollen vom Landeskriminalamt künftig innerhalb einer Woche geprüft und von mehreren Beamten bewertet werden, zudem soll der jeweilige Fall regelmäßig wieder neu geprüft werden, berichtet NDR 90,3. Bereits vor der Sitzung des Ausschusses hatte Grote angekündigt, dass 400 alte Fälle überprüft würden, bei denen es Hinweise auf die Radikalisierung von Muslimen gegeben habe. Nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR will sich der Täter bereits seit 2014 mit dem IS beschäftigt haben, laut seinem Geständnis habe er ursprünglich ein LKW-Attentat geplant.

Hamburgs Straßen werden besser – Millimeter für Millimeter

0,1 Prozentpunkte – in Worten: nullkommaeins. Um genau so viel hat sich die Qualität der Hamburger Hauptverkehrsstraßen seit 2014 verbessert. Wie, das haben Sie nicht bemerkt? Dabei waren im vergangenen Jahr nur noch 23,9 Prozent, also nicht mal ein läppisches Viertel der Straßen in einem schlechten Zustand … Die Wirtschaftsbehörde zumindest freut sich über eine Trendwende, schließlich habe man versprochen, den Werteverfall der Straßeninfrastruktur bis 2018 zu stoppen und dies nun zwei Jahre früher als geplant erreicht. Und laut dem im Oktober erscheinenden Straßenzustandsbericht hat sich auch der durchschnittliche Substanzwert von 2,84 auf 2,78 verbessert. Sind die Zahlen also ein Grund zum Feiern? Hans Duschl vom ADAC Hansa ist immerhin froh, dass die Straßen "nicht noch schlechter" werden. "Den Verfall zu stoppen ist so schwierig, weil ein jahrzehntelanger Rückstand aufgeholt werden muss", sagt er. Im Jahr 2008 – die Älteren werden sich erinnern – waren laut Bericht nur 14,8 Prozent in schlechtem Zustand. Rund 105 Millionen Euro investiert Hamburg jährlich in löchrige Straßen. Mehr "ergäbe keinen Sinn", so Duschl, "da nur eine bestimmte Anzahl an Baustellen" realisiert werden könne, ohne dass die ganze Stadt im Stauchaos versinkt. "Jetzt haben wir jährlich etwa 3000 klassische Straßenbaustellen auf den rund 550 Kilometern Hauptverkehrsstraßen in Hamburg." Also gern weiter sanieren, aber mit einer "verkehrsträgerübergreifenden Koordinierung der Baustellen", fordert der ADAC.

G20: "Falsche Stadt, falscher Ort, falsche Strategie"

Der G20-Gipfel im Juli hat eine Diskussion über Polizeitaktiken, linke Gewalt und politische Verantwortung entfacht. Die ZEIT:Hamburg-Redakteure Oliver Hollenstein und Marc Widmann haben mit dem Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma über seine Einschätzung der Ereignisse gesprochen. Seiner Meinung nach wäre die angemessene politische Reaktion auf die Ausschreitungen: genaue Analyse und Selbstkritik. "Mit dem Ergebnis: falsche Stadt, falscher Ort, falsche Strategie, vermutlich falsche Taktik im Einzelfall. Das wäre auf das Eingeständnis hinausgelaufen, dass man das hätte vorher wissen können", so Reemtsma. Sind also Politik und Polizei schuld an den Krawallen? "Schuld hat immer der, der etwas macht. Aber Mitverantwortung trägt auch der, der es dazu kommen lässt, zumindest wenn er es hätte besser wissen können", erklärt Reemtsma weiter, der eine Räumung der Roten Flora ablehnt. "Macht bitte keinen unbedachten Scheiß", lautet sein Appell an die Politik. Die Stadt dürfe nicht die Fehler wiederholen, die sie in den 80ern im Streit um die besetzten Häuser in der Hafenstraße gemacht habe. Denn diese "wurde zu einem städtischen Problem, weil die Stadtregierung sich eine Weile dumm und unbesonnen verhielt und ein absurdes Feindbild aufbaute", findet Reemtsma.

Was "Macht und Grandiositätsgefühle" mit Gewaltausbrüchen zu tun haben, wieso der Forscher auch friedliche Demonstranten kritisiert – das lesen Sie im großen Interview in der neuen ZEIT:Hamburg, ab heute am Kiosk oder hier digital. 

Hamburg geht baden – oder auch nicht

Sommer! Ab ins Freibad! Nun, nicht in Hamburg ... Nass geworden sind wir diesen Sommer schon oft, das Wasser kam aber meist von oben. Die Zwischenbilanz der Freibäder ist daher eher mies: Bislang kamen 20 Prozent weniger Besucher als im Vorjahr sagte uns Bäderland-Sprecher Michael Dietel und dabei war die letzte Saison auch schon verkorkst. Die Hamburger wollen eben nichts riskieren: Erst wenn es Sonne, blauer Himmel und 25 Grad an "mehreren Tagen hintereinander" gebe, wenn die Vorhersage dann weitere 30 Grad verspreche – ja, dann könne es "ein super Tag" mit bis zu 7000 Badegästen werden, so Dietel. Nur: "Solche Tage hatten wir dieses Jahr noch nicht", an guten zähle man derzeit also 1000, an schlechten auch mal nur 30 Gäste pro Bad. Aus südlichen Gefilden Zugezogene fragen sich jetzt: Gab es das denn jemals, einen richtig guten Hamburger Sommer? Aber ja, "2006 war ein Megasommer, auch 2013 hatten wir gute Besucherzahlen, der letzte richtig gute Sommer war aber der von 2010", so Dietel. Aha! Liegt’s also an der fehlenden Fußball-WM? Dann hoffen wir doch mal auf das nächste Jahr. Gut läuft indes der Versuch, Badegästen das Fotografieren abzugewöhnen: In vier Bäderland-Bädern werden seit einem Monat Sticker verteilt, mit denen Handkameras abgeklebt werden können. Denn "heute werden Bilder bei Facebook hochgeladen und landen in Windeseile in der ganzen Welt. Wo sie wieder auftauchen, kann man nicht kontrollieren", so Dietel. Die Aktion kommt an: In einem Bad wurden bisher allein 2000 Sticker aufgeklebt. Ein generelles Handyverbot ist aber nicht geplant.

Gruner+Jahr-Umzug: Investor steht fest

Gruner+Jahr zieht vom Baumwall in die HafenCity – nun steht auch der Investor fürs neue Gebäude fest: Die Warburg-HIH Invest Real Estate soll die neue Verlagszentrale finanzieren, die sich ab 2021 auf 40.000 Quadratmetern am Lohsepark niederlässt, nicht weit entfernt also von der Konkurrenz, dem Spiegel-Verlag. Neue Eigentümerin des prestigeträchtigen Baus am Baumwall ist die Stadt. Was dessen Zukunft angeht, hält sich die zuständige Finanzbehörde noch bedeckt, geplant sei aber eine städtische Nutzung. (Also kein weiteres Musical-Theater am Hafen, seufz ...)

Drei Jahre soll es noch dauern, bis Gruner+Jahr auszieht, weitere zwei bis drei sind für Umbauten und eine "energetische Sanierung" gedacht – sodass ein Einzug ohnehin erst ab 2023 möglich wäre. Nun, für einen Kaufpreis von, Spekulationen zufolge, mehr als 130 Millionen Euro sollte sich die Stadt schon was Kreatives einfallen lassen. Was in dem legendären Gebäude am Hafen so alles los war, hat der ehemalige "Geo"-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede vor einer Weile für die ZEIT:Hamburg sehr amüsant aufgeschrieben. Und welche Geschichten künftig in der HafenCity entstehen? Die rund 2000 Mitarbeiter des Verlagshauses am Baumwall dürften zumindest für eine Belebung der noch wenig besuchten Cafés und Restaurants sorgen. Gut möglich, dass sich "Spiegel"- und "stern"-Journalisten dann nicht nur zum Essen verabreden, sondern sich auch gemeinsam auf den Trampolinen im Lohsepark vergnügen – nicht die schlechteste Mittagspausenaktivität.

Sommerspezial: Zehn ganz besondere Eisläden

Vielfalt bei Piraten

In einer Wohnstraßenlage wie dieser rechnet man eigentlich nicht mit einem Eisladen – aber die Eispiraten sind nicht zu übersehen: Erstens steht eine riesige Piratenfigur neben dem Eingang, zweitens ist die Menschenschlange vor der Tür enorm lang, manche Kunden kommen mit dem Fahrrad oder sogar mit dem Auto. Auf der Schiefertafel über der Schatztruhe im Innenraum sind auch laktosefreie und vegane Eissorten gelistet (Kugel ab 1,20 Euro). Die Milcheissorten sind gut, die Fruchteissorten fruchtig und aromatisch-delikat, die Vielfruchtsorte "Frucht der Karibik" ist ein Gedicht (wenn sie noch da ist). Die freundliche Bedienung hinter der Theke hat trotz der langen Schlange und der schnell zusammenschmelzenden Eisvorräte viel Geduld, und für besonders exzessive Eispiraterie gibt es sogar Rabatt: Die Schatzkiste zum Mitnehmen mit 10 Kugeln kostet nur 10 Euro. Und, kein Witz: Beim Verlassen des Ladens steht am Ende der Schlange ein Mann, der aussieht wie Johnny Depp. Nein, er trägt ein ärmelloses Strickshirt und spricht mit Berliner Akzent.

Eispiraten; Bahrenfeld, Mendelssohnstraße 78, Mo–So 12–20 Uhr

Mark Spörrle

Was geht

Ferien-Fasching: Lola will ein Einhorn sein, Karl eine Prinzessin und Lisa ein Monster. Kein Problem beim Kinderschminken des Sommerferienprogramms 53°. Wer mag, erscheint gleich komplett verkleidet, damit der Look letztlich auch überzeugt.

Bücherhalle Bergedorf, Alte Holstenstraße 18, 15–17 Uhr, Eintritt frei

Interaktive Kunst: Im besten Fall sind Museen nicht nur zum oberflächlichen Anschauen geeignet. Wie gelingt Interaktion zwischen Werken und (jungen wie alten) Besuchern? "Partizipation im Museum", Gespräch mit Wybke Wiechell, Leiterin Bildung und Vermittlung der Kunsthalle, sowie Mitarbeitern des Ausstellungsteams.

Kunsthalle, Treffpunkt Foyer, Glockengießerwall, 18–19 Uhr, im Eintritt enthalten

Klassik im Original: Klar, Mozart und Bach hat jeder mal gelauscht. Aber sicherlich nicht genau so, wie sie selbst ihre Werke gehört haben – auf den Instrumenten ihrer Zeit. "Auf historischen Tasteninstrumenten" erklingen heute Fantasien von Carl Philipp Emanuel Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Xaver Mozart.

Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 18 Uhr

Melodie mit Heimweh: Ihr Sound sei "eingängig und herausfordernd, naiv und mutig", schreiben Kritiker über Malky. Die Jungs aus Ungarn und Bulgarien bieten ungewöhnlich tiefklingende Popmusik. Mal hört sie sich nach Motown und den Beatles an, dann wieder nach zeitgenössischem Elektro; immer aber schwingt ein bisschen Balkan-Sehnsucht mit. Zirkuszelt-Konzert im Rahmen des "Sommers in Altona".

Sommer in Altona, Nobistor 42, 20 Uhr, 19 Euro

Schnack

In der Filiale einer Bäckereikette. Drei junge Leute – Marke Schlendrian/Yuppie/Zeitlos – decken sich mit allerhand Brot und Brötchen für den Tag ein. Dann sagt einer der Kunden: "Ach, fast hätte ich es vergessen. Wir hätten gern noch drei Franzbrötchen." Als er zahlen soll, ist er empört. "Was? 1,35 Euro für ein bescheuertes Franzbrötchen?" Mit erhobenem Kopf entgegnet die Verkäuferin: "Unsere Franzbrötchen sind nicht bescheuert."

Gehört von Margret Silvester

Meine Stadt

Es ist endlich Sommer, du brauchst nicht mehr weinen. © Martin Becker

SCHLUSS

Haben Sie es über das achte Ehejahr geschafft? Na dann: Herzlichen Glückwunsch, Sie gehören also vermutlich nicht zu den 3204 Ehepaaren, die im vergangenen Jahr in Hamburg geschieden wurden – die meisten davon traf es nämlich nicht etwa im verflixten siebten, sondern im achten Jahr der Ehe. Wenn Sie jetzt glauben sollten, dass nach der silbernen Hochzeit nun wirklich gar nichts mehr dazwischenkommen kann, müssen wir Sie enttäuschen. 66 Hamburger Paare ließen sich scheiden, nachdem sie es schon 25 Jahre miteinander ausgehalten hatten, und 352 nun frisch Getrennte waren sogar noch länger verheiratet. Aber, hey, sehen wir’s doch mal positiv:

Für einen Neuanfang ist es nie zu spät.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen.

Ihre Annika Lasarzik


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.