Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

muss es extra Geld kosten, dass Hamburg wirklich sauber wird? Nein finden CDU und FDP, der Grundeigentümerverband, der Mieterverein, der Immobilienverband Nord und der Bund der Steuerzahler. Sie alle machen mobil gegen die geplante zusätzliche Straßenreinigungsgebühr des rot-grünen Senats. Ab Januarsollen Grundstückseigentümer für die Reinigung ihrer Straße ja zusätzlich zahlen; im Gespräch sind 59 Cent je Grundstücksfrontmeter bei einer wöchentlichen Reinigung. Wer ein Einfamilienhaus besitzt, muss so mit etwa 70 Euro Mehrkosten pro Jahr rechnen, Mieter in einem Mehrfamilienhaus im Schnitt mit 10 Euro pro Jahr. Im Gegenzug verdoppelt die Stadtreinigung ihr Personal und verspricht, dem Müll, (nahezu) wo auch immer er sei, künftig zügig eine Abfuhr zu erteilen.

Die neue "Große Koalition" "Nein zur neuen Müllgebühr" ist sich einig, dass eine extra Gebühr für diese Selbstverständlichkeiten ungerecht und in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen durch nichts gerechtfertigt sei. Zumal die Leute, die nun zahlen müssten, gar nicht die Verursacher des Drecks seien.

Das stimmt, zumindest meistens; und glücklicherweise dürfen Mitarbeiter der Stadtreinigung in Zukunft auch ertappten Müllwegwerfern und Hundekotbeutelvergessern direkt ein Bußgeld aufbrummen. Aber wenn der zusätzliche Obolus nach all den Jahren des Unrats nun wirklich dazu beitragen sollte, dass Hamburg eine saubere Stadt wird, eine, wo man sich nicht mehr schämen muss, wenn der Besuch aus Süddeutschland am Sonntagmorgen einen Spaziergang im Park machen will, wo man sich nicht mehr ständig Kotreste von den Schuhen kratzen muss, eine Stadt, in der die Stadtreinigung nach Veranstaltungen und nach Silvester schneller mit dem Besen anrückt als man selber – sind dafür, dass das nun endlich klappt, 10 bis 70 Euro im Jahr wirklich zu viel?

Wieso versuchen wir es nicht einfach. Und messen dann Stadt und Stadtreinigung gnadenlos an ihren Versprechen?

Apropos: Sie hatten natürlich recht, liebe Heraldiker: Das Wappen gestern in "Meine Stadt" war das Altonaer. Als kleine Entschuldigung gibt es heute unten an dieser Stelle etwas zu gewinnen.

Hamburg – eine Weltstadt?

Oh, nö, nicht die schon wieder, mag mancher denken. Die Rede ist von der Weltstadt-Hamburg-Debatte. Ausgelöst hat sie diesmal Umweltsenator Jens Kerstan (der Mann, der die Idee mit der Extra-Müllgebühr hatte) im Interview mit dem "Hamburger Abendblatt". "Wir müssen nicht immer die Größten und Wichtigsten sein. Es reicht doch, wenn unsere Stadt nach außen sympathisch auftritt und man hier gut leben kann. Hamburg ist eine Großstadt. Hamburg ist eine weltoffene Stadt. Aber Hamburg muss keine Weltstadt sein", befand Kerstan da. Lebensqualität statt Großmannssucht – eigentlich ganz sympathisch. Aber so kurz vor der Wahl wurde auch das gleich ein Thema: Dem Trend des Zuzugs in Städte könne sich keine Stadt entziehen, zitierte das "Abendblatt" beispielsweise CDU-Fraktionschef André Trepoll: "Ein spießiger grüner Umweltsenator, der Hamburg kleinredet und die Augen vor dieser Entwicklung verschließt, hat im Hamburger Senat nichts zu suchen." Bumm! Nur Linken-Fraktionschefin Cansu Özdemir merkte richtig an: "Was bringt es den Hamburgern, dass ihre Stadt eine Weltstadt ist, wenn sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können?" Aber was ist nun eigentlich eine Weltstadt? Dafür gibt es jede Menge Definitionen. Vergleichsweise differenziert und neu ist aber die Hierarchie der Städte, die das Globalization and World Cities Research Network, eine englische Denkfabrik, entwickelt hat: sieben Kategorien, von Alpha++ (am bedeutsamsten) bis Gamma+ (am wenigsten bedeutsam). Hamburgs Kategorie heißt Beta+ und ist die fünftbedeutsamste – laut Definition wichtig, um die Region in die Weltwirtschaft einzubinden, aber nicht unbedingt bedeutsam für die Welt an sich. Dieselbe Klassifizierung haben übrigens auch so schöne und spannende Städte erhalten wie Lissabon, Kapstadt, Rom, Berlin (!) und – äh, na gut: Düsseldorf. 

Leuchtturm in der Dunkelheit der Falschmeldungen

Ein Präsident, der "alternative Fakten" verkünden lässt und Journalisten ganz offen beschimpft – die Zeiten sind düster für die amerikanische Presse unter dem nach wie vor immer noch amtierenden derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump. Einige Medien sehen das jedoch als Herausforderung. Der nach der verstorbenen ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff benannte Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung geht in diesem Jahr zum ersten Mal an eine Zeitung: Ausgezeichnet wird die "New York Times", weil sie "ein Leuchtturm der Vernunft und der Aufklärung" ist, wie es in der Begründung heißt. Die Zeitung investierte fünf Millionen Euro in neue Stellen und gewann im ersten Quartal dieses Jahres 300.000 neue Abonnenten für digitale Abos. Der Marion Gräfin Dönhoff Förderpreis geht an die Bürgerbewegung Pulse of Europe, die sich gegen Populismus und Nationalismus engagiert. Sie mache damit "all jenen Mut, die ihre Zukunft in einem vereinten, demokratischen Europa sehen". Verliehen werden die Preise von der ZEIT, der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius sowie der Marion Dönhoff Stiftung am 3. Dezember im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer werden die Laudatio halten.

Briefwahl nützt den Parteien

Die Bundestagswahl findet zwar erst in zwei Wochen statt, Ende vergangener Woche hatte das Landeswahlamt aber bereits rund 274.500 Briefwahlunterlagen verschickt, deutlich mehr als zur gleichen Zeit vor der letzten Bundestagswahl. Seitdem man keine Gründe mehr für die Briefwahl angeben muss, sei der Anteil der Briefwähler gestiegen, sagt uns Rüdiger Schmitt-Beck, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Wahlforschung und Professor für Politische Soziologie an der Universität Mannheim. Und auch die Parteien hätten großes Interesse daran, denn wer einmal seine Stimme abgegeben hat, kann sie nicht mehr zurücknehmen – selbst dann nicht, wenn in letzter Minute noch ein (scheinbarer) Skandal aus dem Hut gezaubert werden sollte. "Der Wähler verzichtet auf die Möglichkeiten, bis zuletzt Informationen zu sammeln", sagt Schmitt-Beck. Klingt allerdings dramatischer, als es ist, denn viele Wähler unterlägen ohnehin einer "verzerrten Informationsbeschaffung". Soll heißen: Sie nehmen nur das zur Kenntnis, was ihre Ansicht bestätigt. "Briefwahl trägt dazu bei, dass mehr Menschen wählen können", sagt Schmitt-Beck. Was für den Wähler weniger Aufwand ist, bedeutet für die Stadt mehr Arbeit: Man bräuchte zum Beispiel mehr Wahlhelfer, denn die Wahlämter müssen trotzdem besetzt werden, erklärt der Landeswahlleiter für Hamburg, Oliver Rudolf, und hinzu kommen noch zusätzliche Briefwahlvorstände. Die öffnen am Wahltag um 15 Uhr die roten Umschläge und zählen um 18 Uhr die Briefwahl-Stimmen aus. 

Vom Frauenmörder bis zum Hipsterdichter

Der Mann kann einfach alles: Literatur, Musik, Film, Comedy. Und dass ganz ohne Studium, ohne Karriereplan und ohne, dass man es von einem wie ihm erwartet hätte, denn Heinz Strunk wuchs mit Akne und Selbstzweifeln auf und entwickelte nach dem Abi als Erstes eine Psychose. Mit seinen vielen Talenten sollte er jetzt eigentlich das Maskottchen von Hamburg werden, fordert ZEIT:Hamburg-Kollege Daniel Haas in der aktuellen ZEIT. Er verweist auf Strunks hochgelobtes Buch "Der Goldene Handschuh" über den Frauenmörder Fritz Honka und zitiert schon aus Strunks neuestem, noch unveröffentlichtem Lied: "Der Aufstand der dünnen Hipster-Ärmchen". Na dann!

Prinzip Hoffnung

Wenn sich der Herbst unaufhaltsam nähert, ist die Zeit gekommen für die Traubenlese an Hamburgs einzigem Weinberg, dem Stintfang oberhalb der Landungsbrücken. Wohl in der letzten Septemberwoche werde es so weit sein, berichtet uns Marcus Pawelczyk von der Bürgerschaftskanzlei. Das Büro ist für die Organisation des traditionellen Ereignisses zuständig, schließlich sind die fertigen Weine, etwa 50 Flaschen jährlich, doch als Geschenke für besondere Gäste des Stadtparlaments gedacht. 2016 jedoch begann die Lese mit einer bösen Überraschung: Diebe hatten sich an den Rebstöcken zu schaffen gemacht, die 1995 als Geschenk der Wirte des Stuttgarter Weindorfs nach Hamburg kamen. Diese Veranstaltung für Viertelesschlotzer mit Tagesfreizeit findet ja in Hamburg nicht mehr statt, das Tuch ist zerschnitten, seit sich das Bezirksamt Mitte und Wirte nicht über die Platzgebühren für die Trinkstände auf dem Rathausmarkt einigen konnten. Besondere Maßnahmen zum Schutz der Trauben am Stintfang seien auch dieses Jahr nicht eingeleitet worden, sagte uns Pawelczyk. Doch es sei alles in Ordnung, das habe der schwäbische Winzer Fritz Currle kürzlich erst vor Ort überprüft, versicherte er. Moment – hat man den Stuttgarter etwa mit den Hamburger Trauben allein gelassen? …

Kaffeepause

Jenseits der Wohlfühloasen

 

Es gibt Orte, die lösen schon in Gedanken daran wohlige Gefühle aus. Ein solcher ist das Café Gnosa, das den Besucher zu dieser Jahreszeit, da es wieder kühl-grau wird, mit Wärme und Süßigkeiten lockt, die fernab vom Wohlfühl-Ambiente liegen. Zum einen sucht das Kuchen- und Tortenangebot aus der hauseigenen Konditorei seinesgleichen. Leckere Engadiner Nusstorte, Streusel-Rhabarber-Quarkkuchen, Mailänder Apfelkuchen mit einem Hauch von Marzipan – das Repertoire von 70 verschiedenen Sorten ist enorm, und man kann sich vor lauter Köstlichkeiten kaum entscheiden. Zum anderen ist dies ein Ort erlesenster Gemütlichkeit: Ohne dem Gast zu nahe zu treten, vermittelt er Nähe – eine wahre Kunst. Bei einem Stück Aprikosen-Nusskuchen und einer Tasse Kaffee kann es passieren, dass man ein wenig länger sitzen bleibt, innehält und die zahlreichen ganz unterschiedlichen Gäste beobachtet, die sich hier einfinden. Wen dabei der große Hunger überfällt: Es gibt auch ein Mittagstisch-Angebot und bis weit in den Abend hinein warme Speisen.

 

St. Georg, Café Gnosa, Lange Reihe 93, täglich ab 10 Uhr geöffnet

 

Elisabeth Knoblauch

Verlosung

Bei der Verlosung der Karten für Professor Bernhardi kein Glück gehabt? Nicht so schlimm, denn hiermit haben Sie erneut die Chance auf zwei Theaterkarten, im Rahmen des Hamburger Theaterfestivals. Dieses Mal verlosen wir 5 x 2 Karten für "Die Welt im Rücken". Das Stück ist eine Geschichte in drei manisch-depressiven Schüben und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle, selbst manisch-depressiv. Für die Möglichkeit auf einen Einblick in diese Welt der Manie, mit Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle, senden Sie uns bitte bis zum 13.9. Ihren Namen unter dem Stichwort "Die Welt im Rücken" an elbvertiefung@zeit.de. Viel Glück!

Kampnagel, Jarrestraße 20, Sonntag, 24.9., 19 Uhr

Was geht

Bilderbuchkino im Zoo: Die Tiere zittern vor Angst – ein Wombat soll bei ihnen einziehen. Ob er wirklich so gefährlich und wild ist, wie alle behaupten? Kids ab vier Jahren lauschen der Geschichte "Wenn der wilde Wombat kommt" von Udo Weigelt, begleitet von Bildern auf dem Smartboard.

Bücherhalle Mümmelmannsberg, Feiningerstraße 8, 15 Uhr, Eintritt frei

Doktor der Völker: Das Museum für Völkerkunde beschreitet neue Wege. Es betrachtet kritisch die hauseigenen Sammlungen, stellt sich öffentlichen Museumsgesprächen. Zu Gast beim Thema "Ethnographic Museums Now!" ist Dr. Wayne Modest, Leiter desResearch Center for Material Culture. Er erzählt von der Neuorientierung des Nationaal Museum van Wereldculturen in Amsterdam und diskutiert mit der Direktorin des Museums für Völkerkunde, Prof. Dr. Barbara Plankensteiner.

Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64, 18 Uhr, im Eintritt enthalten

Dilemma im Kino: Drei homosexuelle palästinensische Freunde suchen in Tel Aviv nach ihrer nationalen und sexuellen Identität. Ihr Leben zwängt sie ein zwischen dem Wunsch nach Veränderung und einer scheinbar aussichtslosen gesellschaftlichen Situation. Dokumentarfilmsalon auf St. Pauli: "Oriented".

B-Movie, Brigittenstraße 5, 20 Uhr, Spenden erbeten

Ade, Orgel: Der Sommer verabschiedet sich mit musikalischen Predigten; die sogenannten Sermones Symphoniaci vereinen Stimme, Orgel und Live-Elektronik. Basierend auf Texten und Liedern von Martin Luther feiern Klaus Mertens (Bassbariton) und Franz Danksagmüller (Orgel) zum letzten Mal den diesjährigen Orgelsommer in St. Jacobi.

Ev. Luth. Hauptkirche St. Jacobi, Steinstraße, 20 Uhr, 15 Euro

Hamburger Schnack

Gemüseabteilung bei Edeka. Auf einer Ablage liegt ein Handscanner der rot leuchtet. Ein Mädchen, etwa sechs Jahre alt, fährt mit ihrem Roller durch den roten Strahl und ruft dann ganz aufgeregt: "Mama, Mama ich wurde geblitzt!"

 

Gehört von Jessica Bauer

Meine Stadt

Wie oben bereits erwähnt: Unsere Leser lassen sich kein X für ein U und kein offenes für ein geschlossenes Tor vormachen. Und auch sonst sind die Unterschiede beträchtlich. Für alle Mandala-Freunde hier noch mal von links nach rechts: Das Wappen der Hansestadt Hamburg, das Wappen von Altona und das Harburger Wappen. Und nun zur großen Preisfrage: Welches Wappen führt die ZEIT:Hamburg im Titel? Unter allen richtigen Einsendungen an elbvertiefung@zeit.de verlosen wir drei nette Überraschungen für wissbegierige Hamburger. © Jonna Mitschinksi

SCHLUSS

Rolling Stones, Cruise Days, Anti-AfD-Demo – es war so viel los am Wochenende, dass uns eine positive Nachricht fast durchgerutscht wäre: Der FC St. Pauli darf sich deutscher Meister nennen! Etwas überraschend bezwangen die Blindenfußballer des Kiezclubs bereits am Sonnabend in Halle an der Saale den Favoriten, die SF BG Marburg, mit 3:2 nach Penaltyschießen. Nach der regulären Spielzeit hatte es 1:1 gestanden. "Wir sind tatsächlich Meister geworden", konnte es Kapitän Rasmus Narjes am Montag immer noch nicht richtig fassen. "Unser erster Titel, und dann auch noch für unser junges Team ... Marburg war immerhin schon viermal Meister, und wir haben noch nie gegen sie gewonnen", kommentierte der 17-Jährige den Erfolg, zu dem er mit einem Treffer – die anderen zwei erzielte Paul Ruge – beigetragen hatte. Wir gratulieren – und hoffen auf viele Nachahmer aus der Hamburger Fußballlandschaft.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Ist Ihr alter Weihnachtsbaum plötzlich wieder aufgetaucht und beschwert sich, man möge ihn nicht? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.