Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

vor Kurzem hatte ich Gelegenheit, die App der Hotline "Saubere Stadt" der Stadtreinigung auszuprobieren: Ein roter Abfallkorb bei mir um die Ecke quoll über Tage hinweg über, der Müll- und Hundekotbeutelhaufen darunter wurde immer größer; dann stellte jemand noch ein paar lila Müllsäcke dazu, die die Stadtreinigung an Haushalte ohne Mülltonnen ausgibt. Kurz: Dieses reizende Ensemble war eine "Müllecke" par excellence. Und die App der Stadtreinigung, über die sich solcher Schweinkram melden lässt, ist gar nicht so übel. Auf Fingertipp wird der Problemherd geortet, man kann ein Foto hochladen, und damit die Meldung akzeptiert wird, muss man auch nicht, wie eigentlich vorgesehen, die gesamte Anschrift samt Telefaxnummer eingeben: Die Mailadresse genügt.

Sofort bekam ich eine nette automatisierte Antwort: "Vielen Dank für Ihre Meldung" – mit dem Versprechen: "Wenn wir verantwortlich sind, werden wir die Verschmutzung innerhalb von drei Arbeitstagen beseitigen."

Dass der rote Abfallkorb fünf Tage später immer noch genauso aussah, lag sicher daran, dass die Arbeitstage der Stadtreinigung andere waren als die meinigen. Ein paar Tage später waren dann tatsächlich die lila Müllsäcke verschwunden – oder man hatte sie turnusmäßig abgeholt. Und wieder einige Tage später hatte dann jemand zu meiner hellen Freude tatsächlich den roten Abfallkorb geleert (ob turnusmäßig oder wegen mir, das vermag ich nicht zu sagen). Der Müllhaufen auf dem Boden war zwar liegen geblieben. Aber für alles kann sich die Stadtreinigung schließlich auch nicht verantwortlich fühlen.

Auch insofern, Sie erinnern sich vielleicht, freue ich mich auf die neue Straßenreinigungsgebühr: Wir alle zahlen etwas mehr. Dafür werden 400 neue Sauberleute eingestellt. Und ab dem kommenden Jahr sollen (unter anderem) Müllecken dann wirklich binnen drei Tagen verschwinden.

Nach massiver organisierter Kritik an der neuen Gebühr sickerte nun durch, dass diese eventuell auch geringer ausfallen könnte als die bisher angedachten 10 bis 70 Euro im Jahr. Der CDU reicht das immer noch nicht. Eine Verringerung der Extraabgabe sei nicht genug, wetterte Bürgerschaftsfraktionsvorsitzender André Trepoll, die ganze Gebühr gehöre "in die Tonne"! Aber, bedauert er, die Stadtreinigung habe ja "bereits Mitarbeiter eingestellt und voreilig Fakten geschaffen".

Voreilig? Offensichtlich wohnt Herr Trepoll nicht bei mir um die Ecke.

Bürgerschaftsdebatte: Wachsen, bauen, aber wie?

Wachstum! Ein starkes Wort, das sich die Abgeordneten gestern in der Bürgerschaft immer wieder entgegenschleuderten. In der Aktuellen Stunde ging es vor allem ums große Thema Stadtentwicklung – und die Vorstellungen dazu, wie genau, wie sehr und ob Hamburg überhaupt eigentlich wachsen soll, gingen weit auseinander. Die Frage, die alle bewegte: Wer soll im Hamburg der Zukunft – egal, ob "Big City", Weltstadt oder nicht – eigentlich wohnen? Und, äh, wo? Die SPD lobte sich für die großen Anstrengungen in Sachen Wohnungsbau und neue Beteiligungsformate, versprach dann aber auch, "die Identität Hamburgs als grüne Metropole" zu wahren – nun will Rot-Grün wohnungstechnisch nachverdichten und dafür das Baupotenzial an jenen abgasverpesteten, lauten vier- und sechsspurigen Straßen prüfen, an denen bislang erstaunlicherweise gar nicht so viele Menschen wohnen wollen. Nachverdichtung, das wäre auch im Sinne der FDP, die nicht minder große Worte schwang: Hamburg müsse in Bildung, Wirtschaft und Verwaltung zur "digitalen Avantgarde" werden, erklärte die scheidende Fraktionschefin Katja Suding. Klingt schon mal sehr schick – und dann würden die Liberalen noch gern das Wohnen auf Hausbooten stärker fördern. Und während Heike Sudmann von den Linken monierte, der Senat würde die soziale Frage beim Wohnungsbau nicht genug in den Mittelpunkt stellen ("Nur ein Drittel günstiger Neubauwohnungen reicht nie und nimmer!"), ging die CDU erst mal in die Defensive ("Auch unter CDU-Senaten wurden soziale Wohnungen gebaut!"). Dann ging CDU-Mann Jörg Hamann zum Angriff über: "Herr Scholz macht Politik wie ein Ölscheich, es zählt nur das große Geld, und seine eigene Kamelschar hat er auch schon um sich versammelt".

Kinderschutz: Zu viele Fälle, zu viel Bürokratie

Chantal, Yagmur, Tayler – in den letzten Jahren gab es  einige Fälle von schwerer Kindesmisshandlung mit Todesfolge in Hamburg, gefolgt von einer öffentlichen Diskussion und dem Versprechen, die Arbeit in den Jugendämtern zu verbessern. Und zuletzt gingen auch mehr Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung ein: Im Jahr 2016 waren es 23,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Konkret gab es 13.910-mal zumindest einen Verdacht, bestätigt hat sich dieser in 1057 Fällen: Hier waren Kinder tatsächlich in Gefahr. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren es noch 1002 bestätigte Fälle. Wie erklärt sich das? Die Sozialbehörde führt die Steigerung auf eine stärkere "Kultur des Hinsehens" zurück. Genau das ist natürlich wünschenswert. Mehr Hinweise, das heißt aber auch: Mehr Arbeit für die Jugendämter. Nur: Im Zusammenhang mit den Todesfällen und Fehlern und Versäumnissen in den Behörden war von einer Überlastung der Jugendämter die Rede. Ist das besser geworden? Auf dem Papier schon: In den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) schuf man 75 neue Stellen, inzwischen arbeiten 500 Sozialarbeiter auf 446,5 Stellen. Glaubt man Sieglinde Friess von ver.di, hat sich dies auf die Arbeitsbedingungen aber kaum ausgewirkt. "Die Arbeit ist extrem anstrengend, viele Mitarbeiter wechseln schnell in weniger belastende pädagogische Stellen", sagt sie. Die Folge sei eine hohe Fluktuation, immer wieder müssten neue Kollegen eingearbeitet werden, zeitraubend sei auch das komplizierte Computersystem. Und: "70 Prozent der Arbeitszeit gehen für die Dokumentationspflichten drauf. Die Leute sitzen mehr vor dem Computer, als sich um Familien zu kümmern", so Friess. Und das, obwohl ein Mitarbeiter bis zu 60 Fälle zugleich betreue, "angemessen wären 30". Das Problem ist wohl auch der Enquetekommission der Bürgerschaft, die die Fehler im System aufarbeiten soll, nicht unbekannt: Sie plant noch dieses Jahr eine Online-Befragung der Jugendamt-Mitarbeiter.

"Ich bin arbeiten gegangen, um mir das Saufen leisten zu können"

Am Montag beginnen an der Uni Hamburg wieder die Vorlesungen. Und in der ZEIT-Hamburg diskutiert eine Studentin von heute mit zwei Ehemaligen, die in den Sechzigern und in den Neunzigern hier studiert haben. Warum man früher nicht in denselben Fahrstuhl steigen durfte wie die Professoren, wer als Streber galt und wie eine Zufallsbegegnung über die Wahl des Studienfachs entscheiden kann, erzählen Rosa Brandt, 20, Ronald Deckert, 46, und Benno Hoffmann, 75, in einem Interview in der aktuellen ZEIT oder hier. Außerdem beantworten sie die Frage, wovon man als Student in einer so teuren Stadt lebt und was am meisten Geld kostet. Und jetzt raten Sie mal, von wem der Satz aus der Überschrift stammt.

Ein Kaufmann, ein Wort

Heute feiert die "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg" (VEEK) ihren 500. Geburtstag. Nein, das ist jetzt keine ironische Formulierung, auch wenn man beim regelmäßigen Lesen des Wirtschaftsteils einer Zeitung vielleicht nicht denken würde, dass es so etwas wie einen "ehrbaren Kaufmann" noch gibt. Aber es gibt sogar mehr als den einen: Der Verein hat 1200 Mitglieder. Hundert von ihnen, Frauen wie Männer kamen erst in diesem Jahr hinzu. Gegründet wurde der Verein 1517 als eine Art Lobby-Verband der Hamburger Kaufleute; wer heute Mitglied werden will, muss Unternehmer oder leitender Angestellter eines Hamburger Unternehmens sein, ein gutes Zeugnis von zwei Vereinsmitgliedern bekommen – und sich den gemeinsamen Prinzipien verpflichten. Dazu zählen Dinge wie "fair verhandeln, pünktlich leisten, korrekt abrechnen". Oder sich auch in schwierigen Situationen von Werten leiten lassen. Überprüft werde das nicht, sagt der Vorsitzende Gunter Mengers (selbst Versicherungskaufmann), aber wenn dem Verein etwas anderes zu Ohren komme, könne man ausgeschlossen werden. Das sei tatsächlich schon vorgekommen – wenn auch nicht in den vergangenen vier Jahren. Mengers ist der Meinung, dass der Verein trotz des altmodischen Titels hochaktuell ist. "Mit Anstand ist man langfristig geschäftlich besser unterwegs", sagt er. "Zuverlässigkeit wird immer gefragt sein." Und klar: Gewinne darf man trotzdem machen. Für die große Jubiläumsgala hat sich die alte Einrichtung das neueste Wahrzeichen ausgesucht: In der Elbphilharmonie werden rund 2000 Gäste erwartet, Bürgermeister Olaf Scholz spricht das Grußwort. Und bevor wir den nächsten Handwerker engagieren, werden wir erst mal nachfragen, ob der Chef in dem Verein Mitglied ist. 

Laubbläser: Aufrüstung im Garten

Sie wurden gestern jäh aus dem Schlaf gerissen und mussten sich erst mal das Kopfkissen um den Kopf wickeln? Dieser Lärm…! Ja, sie sind wieder da: Laubbläser, Hassobjekt von Schichtarbeitern, Denkern und Langschläfern. Bis zu 120 Dezibel erreicht so ein Gerät, was dem Lärm eines Presslufthammers entspricht. Und dann startete die Stadtreinigung ihre jährliche "Laubschlacht" gestern auch noch früher als sonst! Tja, Xavier ist schuld (wer sonst?!), denn der hat vor allem Linden und Kastanien auf einen Schlag nackig gemacht. Nun fegen, blasen, saugen also über 400 Sauberleute ganze 15.000 Tonnen Laub weg. Doch: "Wir kriegen immer wieder Beschwerden ab, doch meistens stecken gar nicht unsere Mitarbeiter hinter dem Lärm, sondern Privatleute", sagt Reinhard Fiedler von der Stadtreinigung. Im "Rüstungswettstreit mit den Nachbarn" zähle nämlich nur eines: Wer hat den Größten? "Da wird dann mit einem riesigen Kaventsmann der kleine Vorgarten bearbeitet. Total unnötig!", ärgert sich Fiedler, zumal Laubbläser ohnehin "nur was für Profis!" seien. Und die setzten längst auf kleinere Kaliber: Die Stadtreinigung nutzt nur 86 laute Bläser mit Kraftstoffmotor, dazu kommen 182 leisere Elektroblasgeräte – die sind mit 80 Dezibel auch nur noch so laut wie eine stark befahrene Straße, aber den Lärmpegel sind wir ja gewohnt… "Manchmal muss halt ein lauter Bläser ran, etwa bei klebrigem, nassem Laub", so Fiedler. Das könne man ja wohl für zehn Minuten aushalten, "wenn eine Oma stürzt und sich ein Bein bricht, ist das wesentlich schlimmer" (Nicht die Schreie – die Verletzung!). Also: Ein bisschen mehr Geduld und Dankbarkeit bitte – und im Zweifel lieber mit dem Nachbarn reden: Vielleicht weiß der gar nicht, dass Laubbläser nur zwischen 9 und 13 Uhr und 15 und 17 Uhr erlaubt sind. Oder er will es nicht wissen.

Mittagstisch

Hawaiianische Genüsse

 

Hawaii sei ein bisschen zu weit weg, fanden die Leute von Urban Foodie und haben deshalb im September die U|F Poké Bar am Gänsemarkt aufgemacht, in der sie das hawaiianische Nationalgericht anbieten. "Erklär mir noch mal, wie das geht", sagt der Mann in der Schlange zu seiner Begleitung. Fünf Schritte gibt es auf dem Weg zur fertigen Schüssel: Nach einer Basis von Sushireis, Quinoa, Grünem Salat oder Glasnudeln kommt das Protein aus nachhaltigem Fisch, Tofu oder Hühnchen. Darüber eine Auswahl aus mehr als 15 verschiedenen Toppings, Sauce und Crunch, wie Kokosnuss-Chips oder Wasabi-Erbsen. Wem das zu kompliziert ist, der bestellt eine von vier vorausgewählten Schüsseln wie die "Signature Bowl" (klein für 10,90 Euro, groß 14,90 Euro) mit Reis, Lachs, Avocado, Kimchi-Gurken, Mango und Wakame-Algen. Zusammengerührt wird es durchaus ein wenig matschig, was dem Geschmackserlebnis aber nicht schadet. Einzig das Haar im Reis trübt den Besuch. Kann ja mal passieren. Als man aber am Tresen darauf hinweist, bekommt man statt einer Entschuldigung nur ein recht gelangweiltes "Oh" zu hören.

 

Mitte, U|F Poké Bar, Gänsemarkt 50, Montag bis Samstag 10 bis 20 Uhr

 

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Speed-Date mit Buch: Jedes Buch hat fünf Minuten Zeit, um einen Teenie zu überzeugen. Zehn Werke bekommen ihre Chance, suchen den perfekten Leser zwischen 12 und 16 Jahren. "Speed-Dating mit Büchern" liefert 50 Minuten Leseanstöße. Second Date, Happy End, Endless Love?

Bücherhalle Neuallermöhe, Fleetplatz 2–4, 16 Uhr

"Clavierübung" im Herbst: Klopft das Reformationsjubiläum beim Orgelherbst an, klingt das nach Schinderei – im Sinne von üben, üben, üben. Johann Sebastian Bachs "Clavierübung" allerdings zielt nicht in erster Linie auf perfekte Fingerfertigkeit, sondern auf innere Askese. Professor Hans Bäßler, ehemaliger Organist der Hauptkirche St. Petri, beherrscht womöglich beides. Er widmet sich der Orgelmesse aus dem "III. Theil der Clavierübung". Titel des Abends: "Luther bei Bach".

St. Johannis, Bei der Johanniskirche 22, 20 Uhr, Eintritt frei, Spende erbeten

Pop-Flucht: Matthew Barnes alias Forest Swords diskutiert nicht online. Seine Alternative zur digitalen Filterblase lautet "Compassion" – ein Album, angefüllt mit abstrakter elektronischer Musik. Angesichts von Brexit, Trump und Terrorismus hat der Brite mit verzerrten Gitarren, Bass und zerhacktem Gesang sein Unbehagen verarbeitet. "Die Welt ist kaputt, also umarmen wir ihre Kaputtheit. Das könnte das Motto der Platte sein", schreiben Kritiker. "Pop als Flucht nach vorn."

Übel & Gefährlich, Feldstraße 66, 21 Uhr, 18,30 Euro

Ausnahmemalerin: Sie war Zeugin eines Kontinents im Wandel, hielt ihr Leben fest in tiefgründigen Bildern. Damit wurde Alice Neel zu einer der bedeutendsten amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Deichtorhallen Hamburg widmen der Ausnahmekünstlerin die erste retrospektive Ausstellung in Deutschland: "Alice Neel – Painter of Modern Life".

Deichtorhallen, Halle für aktuelle Kunst, Deichtorstraße 1, Eröffnung heute um 19 Uhr, Ausstellung bis zum 14.1.2018

Hamburger Schnack

Gespräch zweier Schüler auf der Fahrt nach Hause, einer: "Ich muss noch meine Schwester von der Schule abholen." Der andere: "Wieso, kann die überhaupt schon laufen? Vor drei Jahren konnte sie das noch nicht!"

 

Gehört von Ina Vondey

Meine Stadt

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. © Florian Schleinig

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

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