Sigrid Neudecker © Gretje Treiber

Guten Morgen,

Hand hoch, wer von Ihnen wird am 30. Oktober an seinem Arbeitsplatz erscheinen? Und wer wird aus Protest gegen die Ungleichbehandlung in diesem Land den Brücken- vor dem Reformations- einfach zum Feiertag ausrufen? Schließlich machen das alle. Wer am Rosenmontag versucht, einen Kölner ans Diensttelefon zu bekommen, wird auf dessen Anrufbeantworter nur schallendes Gelächter hören. Und sogar die Bayern, ohnehin mit unfasslichen 13 Feiertagen gesegnet, schummeln sich zusätzlich noch ein paar rein, wie uns unser Undercover-Korrespondent Mark Sp. exklusiv aus dem Süden des Landes berichtet. Dort nennen sie es dann "Kirchweih".

Aber halt, mit der Kirche sollen zukünftige Feiertage in Hamburg nichts – mehr – zu tun haben. (Die paar, die wir haben, behalten wir natürlich, vielen Dank!) Da waren Sie sich, werte Leserin, geneigter Leser, einig. So schlägt Christian V. sehr säkular einen "E-Bike-Day" vor, "am Anfang vielleicht noch mit wenigen Besuchern, aber dieser Sound! Kein Vergleich zu den Harley Days." Und Mareike Engels, Bürgerschaftsabgeordnete der Grünen, verrät uns, dass in der politischen Diskussion "durchaus auch der 8. März (Weltfrauentag), der 27. Januar (Jahrestag der Befreiung von Auschwitz) und der 9. Mai (Europatag) genannt werden".

Bei den Amerikanern werden große Menschen mit eigenen Feiertagen geehrt, beispielsweise Martin Luther King. Die Hoffnung dahinter ist, dass sich an diesen Tagen wenigstens ein paar Menschen daran erinnern, wem sie es verdanken, ausschlafen zu dürfen.

Vielleicht kann man aber auch ein paar zweckgerichtete Feiertage einführen, wie den Recycling-Tag, an dem man endlich genug Zeit hat, die Wanderung zum nächsten Flaschencontainer auf sich zu nehmen. (Einwurf aber bitte erst nach 10 Uhr!)

Wir bleiben beim Prinzip Hoffnung und stimmen, sollte man uns nächstes Jahr den 31. Oktober auch wieder nehmen, unserem Leser Norbert F. zu, der einst als Neu-Hamburger "maßlos entsetzt" war, am 6. Januar arbeiten zu müssen. "Trotzdem bin ich hier geblieben", schreibt er. "Irgendwas muss Hamburg ja an sich haben."

Unter der Brücke erlaubt, neben der Brücke verboten

Die Stadt und ihr Umgang mit Wohnungslosen – er hinterlässt einen manchmal etwas verwundert. An einer Stelle wird ihnen das Campen untersagt, ein paar Meter weiter ist es dann geduldet. Grünanlagen sind für Zelte No-camp-Areas, unter Brücken sind sie erlaubt. Nur aus diesem Grund musste gestern Morgen eine Gruppe von Obdachlosen ihre Zelte von den Grünflächen neben der Kennedybrücke entfernen, durfte sie aber in unmittelbarer Nähe unter der Kennedybrücke wieder aufbauen. Von einer Räumung könne in diesem Fall nicht die Rede sein, sagte uns Bezirksamtssprecherin Sorina Weiland. Es habe sich vielmehr um einen Umzug gehandelt. "Die Grünflächen sind zum Campieren ungeeignet. Es fehlen Toiletten und Möglichkeiten zur Müllbeseitigung", sagt sie. Die gebe es unter Brücken zwar auch nicht, dort sei es aber geschützter. (Oder ist dort lediglich das Lager weniger sichtbar?) Außerdem, so Weiland weiter, habe es etliche Beschwerden von Passanten gegeben, die sich wegen des Camps unwohl gefühlt hätten. Das wiederum verwundert den Straßensozialarbeiter Johann Graßhoff. Ein Brennpunkt sei das Lager nicht, sagt er. Im Gegenteil: Einige der dort lebenden Männer zwischen 19 und 70 Jahren hielten das Areal sauber und würden tagsüber sogar verirrten Touristen helfen. "Die Verlagerung löst die Problematik der Unterbringung nicht", sagt Graßhoff. Stadt und Träger seien gefordert, neue Projekte anzuschieben. "Wir benötigen Einzelunterkünfte und abschließbare Zimmer", sagt er. Und fordert: "Hamburg muss von der Elendsverwaltung weg."

Wat? Platt!

"Dünnersläg!", dachten wir, als wir lasen, dass Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen im Januar ein neues Länderzentrum für Niederdeutsch gründen. Im Frühjahr war bekannt geworden, dass die vier Bundesländer das Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen nicht mehr finanziell unterstützen wollten. Irgendwie müssen sie die Sprache allerdings fördern, das sieht die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen vor. Für das neue Zentrum wird Hamborg nun, wie auch die übrigen Bundesländer, jährlich rund eine Viertel Million Euro ausgeben. Das Zentrum hat die große Aufgabe, sich "Schutz, Erhalt und Weiterentwicklung" der nedderdüütschen Sprok zu widmen, besser bekannt als Plattdeutsch. Geplant sind allerdings bisher nur 3 – in Worten: dree – Mitarbeiter, von denen auf Nachfrage noch nicht klar war, ob sie überhaupt Plattdüütsch snacken müssen. Mögen sollten sie die Sprache wenigstens, irgendwie. Wie viele Sprecher es in Hamborg noch gibt, ist leider auch nicht bekannt. Im vergangenen Jahr fanden das Institut für niederdeutsche Sprache und das Institut für Deutsche Sprache bei einer Umfrage in acht Bundesländern heraus, dass nur rund 16 Prozent von sich behaupten würden, Platt gut oder sehr gut zu beherrschen. (Die Autoren dieses Newsletters gehören überraschenderweise nicht dazu.) Das Image der Sprache war allerdings grootoardig – eine wichtige Voraussetzung, um die Sprache zu erhalten, sagt Saskia Luther, Sprecherin des Bundesrates für Niederdeutsch. Fast 70 Prozent fanden, dass die Sprache gefördert werden solle.

"Wir haben erst zweimal Taschentücher gebraucht"

Eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel "Death Café" klingt auf den ersten Blick etwas makaber. Doch dabei handelt es sich um ein international erfolgreiches Format, bei dem man zwar über den Tod spricht, das aber in angenehmer Atmosphäre, wie Melanie Torney, eine der Mitorganisatorinnen, erzählt. Am Donnerstag findet im Rahmen der Hamburger Hospizwoche die fünfte Ausgabe statt, diesmal zum Thema "Favourite places to die – wo möchten wir Abschied nehmen?".

Elbvertiefung: Wie entstand das Death Café?

Melanie Torney: Bernard Crettaz hat 2004 in der Schweiz das "Café mortel" ins Leben gerufen, damit sich die Menschen über den Tod austauschen können. Der Brite John Underwood hat das in London veranstaltet und auch das Portal deathcafe.com aufgesetzt. Wir vier haben darüber gelesen und fanden das spannend, weil wir als Trauerrednerin, Künstlerin, die Urnen gestaltet, und als Designer für eine moderne Trauerkultur alle in diesem Bereich tätig sind.

EV: Wie viele Taschentücher sollte man mitnehmen?

Torney: Wir haben erst zweimal welche gebraucht! In Wirklichkeit sind die Treffen sehr beschwingt, es wird viel gelacht. Alle gehen sehr herzlich und rücksichtsvoll miteinander um, niemand fällt dem anderen ins Wort. Ein Außenstehender würde nie erraten, worüber gesprochen wird.

EV: Und alle sprechen übers Sterben?

Torney: Am Anfang gibt es eine kurze Anmoderation von Ute Arndt, die das als Trauerrednerin am besten kann. Wir sagen drei Sätze zum aktuellen Thema, aber das soll nur ein Einstieg für die Leute sein, keine Vorgabe. Die plaudern dann in ihren Grüppchen. Es gibt jedenfalls keine Vorträge und keine Podiumsdiskussion.

EV: Wer kommt ins Death Café?

Torney: Das ist ganz unterschiedlich. Wir weisen immer darauf hin, dass wir keine Trauergruppe sind. Für jemanden, der akut schlimm trauert, ist das nicht das Richtige. Die meisten beschäftigt das Thema einfach, manche wollen sich mit anderen austauschen, beispielsweise darüber, wie sie das Thema Sterben bei ihren Eltern ansprechen können. 

EV: Wie sind die Besucher danach drauf?

Torney: Sehr beschwingt, auch erleichtert, dass so ein Austausch möglich war, weil das Thema in der Familie und im Freundeskreis oft tabuisiert wird. Viele finden das Format gut und kommen gern mal wieder. Das ist wohl auch das Geheimnis, wieso es weltweit funktioniert. Im englischsprachigen Raum gibt es gefühlt an jeder Gießkanne ein Death Café.

EV: Und wann haben Sie die Taschentücher gebraucht?

Torney: Bei der dritten Veranstaltung, die hieß "Time to die". Ein Gast hat vom Tod ihrer Schwester erzählt, das war damals sehr kernig.

Das nächste Death Café findet am Donnerstag im ZEIT-Café statt, Speersort 1, 20095 Hamburg. Eintritt frei, keine Anmeldung nötig.

Wo bist, Polizist?

Letzte Woche hieß es noch, Hamburg werde sicherer, jetzt stellt sich heraus, dass die Hamburger Polizei völlig unterbesetzt ist. "Wir sind am Ende", fasste Jan Reinecke, Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter im "Hamburger Abendblatt" zusammen. Den Personalmangel bestätigt auch Joachim Lenders, Landesvorsitzender und Pressesprecher der Deutschen Polizeigewerkschaft Hamburg. Sokos hätten zwar Erfolg, die dafür benötigten Beamten würden dann aber an anderer Stelle fehlen: "Wir schwächen uns in der Fläche, in den örtlichen Polizeikommissariaten." Viele Beamte gingen derzeit in den Ruhestand, es rückten nicht genügend nach. Der Beruf sei – gerade in einer Großstadt – nicht mehr so attraktiv, oder die Konditionen in anderen Bundesländern seien besser. Und selbst wer sich für den Job interessiere, schaffe es nicht immer bis in den Dienst. "Im Schnitt verlieren wir während der Ausbildung zum Polizeimeisteranwärter oder Polizeikommissarsanwärter eine Einstellungsklasse mit 28 Personen pro Jahr", sagt Lenders. Von einer "nachhaltigen Einstellungsinitiative, die den Namen verdient" könne nicht die Rede sein. Ein Sprecher der Hamburger Polizei sieht das anders. Das Problem sei längst erkannt, als Sofortmaßnahme seien 50 neue Mitarbeiter eingestellt worden, von denen sich elf um die aufgestauten Betrugsfälle kümmern sollen. In den kommenden Jahren solle das Personal dann von 7700 auf 8000 wachsen, die Effekte sollen in zwei bis drei Jahren spürbar sein: "Schneller geht es leider nicht."

Kleingarten oder Konzern?

Die Kleingärtner in Lokstedt können beruhigt noch ein paar Radieschen pflanzen. Es sieht nicht so aus, als würde der benachbarte Beiersdorf-Konzern demnächst mit dem Bagger anrücken. Genau das hatten die Hobby-Gärtner befürchtet, als der Konzern ihre zwölf Hektar Schrebergärten von der Stadt gekauft hatte, um sein Firmengelände auszuweiten. Neubauten soll es zwar tatsächlich geben, aber auf dem alten Firmengelände. An den Pachtverträgen ändere sich nichts, versichert Dirk Sielmann, Vorsitzender und Geschäftsführer vom Landesbund der Gartenfreunde in Hamburg, dem Hauptpächter des Geländes. Wenn der Konzern auf dem Gartenland tatsächlich bauen will, müsste er zunächst den Bebauungsplan ändern lassen – was einige Jahre dauern könne. Erst dann dürfe er die Verträge überhaupt kündigen, müsste aber Ersatzland für die Kleingärten kaufen (Ortskundige fragen sich nur, wo). Sollte das innerhalb der kommenden 20 Jahre geschehen, müsste der Konzern dort sogar auf eigene Kosten neue Lauben errichten lassen. Der Kaufvertrag muss Anfang kommenden Jahres noch von der Bürgerschaft abgenickt werden. "Für die Kleingärtner sehe ich die nächsten zehn, wahrscheinlich zwanzig Jahre keine Veränderung", sagt Sielmann. Einige Kleingärtner kämpfen trotzdem dafür, dass der gesamte Verkauf noch gestoppt wird. Eine Online-Petition der Initiative "Lebenswertes Lokstedt" an die Bürgerschaft hat bis gestern 570 Unterschriften gesammelt.

Kaffeepause

Die Kunst der Espressozubereitung

Wenige Minuten zu Fuß vom Abaton entfernt finden sich im Souterrain in einem Gründerhaus die neuen Räumlichkeiten des Benvenuto. Schon lange bevor das Mahlen und Rösten von Kaffeebohnen zum großen Hype wurde, kümmerte sich dieser kleine Familienbetrieb mit italienischen Wurzeln um die Bohnen – seit 30 Jahren schon. Der Cappuccino (2,30 Euro) ist sehr fein, dazu kommt ein kleines Amarettino, statt Kuchen gibt es verpackte Müsliriegel aus England. Im vorderen Raum des Cafés, an das sich das offene Büro anschließt, wird nicht nur die Hausmarke präsentiert, sondern auch eine Auswahl an professionellen Espressomaschinen. Die kann man hier kaufen und in Workshops die Zubereitung des perfekten Espressos erlernen. Im Nebenraum sitzt es sich gemütlich auf einem Sofa, es ist hübsch hier, bunt und stilvoll. In der Auslage liegen Bücher wie das über die Kulturgeschichte des Kaffees. Im Büro wird am Telefon Italienisch gesprochen, an der grauen Wand steht "La Vita è bella con Benvenuto". Das stimmt!

Benvenuto; Grindelviertel, Heinrich-Barth-Straße 15, Mo–Do 9.30–17 Uhr, Freitag bis 15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Schattentheater: Schiff ahoi! Beim "Workshop mit dem Schattentheater Anna Fabuli" bauen Ferienkinder Kartons um für ihre ganz eigenen Abenteuerreisen. Idealer Bastelspaß – sogar bei schönem Wetter.

Bücherhalle Holstenstraße, Norderreihe 5–7, 15–17 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung unter Tel. 432 22 28

Intellektuelle Historie: Welche Geschichte verbirgt sich hinter den altehrwürdigen Mauern der Hamburger Universität? Spätestens zum 100. Jubiläum des Hauses im Jahr 2019 wird (auch) diese Frage im Fokus stehen. Die öffentliche Vorlesung "Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Hamburger Universität: Zu den Profilen, Akteuren und Projekten eines kleinen Faches" gibt Gelegenheit, schon jetzt laufende Forschungen zu diskutieren.

Universität Hamburg, Hauptgebäude, Flügel West, Raum 221, Edmund-Siemers-Allee 1, 18 Uhr

Platte für Weltenbummler: Von Australien nach Europa durch die Welt – Joel Havea war früher überall zu Hause. Der in Tonga geborene und in Melbourne aufgewachsene Sänger hat in Hamburg nun nicht nur seine Wahlheimat gefunden, sondern auch Verstärkung: Mit dem Joel Havea Trio und dem neuen Album "Setting Sail". Der Sound erinnert an Jack Johnson, lässig und optimistisch – typisch Weltenbummler.

kukuun, Spielbudenplatz 22, 19 Uhr, 17 Euro

Streitlust mit Buch: Nein, diesmal wird nicht darüber gestritten, wer den Deutschen Buchpreis gewinnen könnte und warum die Jury versagt hat. Vielmehr blickt das "Gemischte Doppel" – NDR-Kultur-Redakteurin Annemarie Stoltenberg sowie Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses  – auf die Frankfurter Buchmesse. Beide stellen 16 Novitäten vor, Belletristik und Sachbuch. Meckern wollen sie trotzdem, einen Grund gibt es schließlich immer, zum Beispiel sträflich vernachlässigte Messe-Werke.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, 12 Euro

Hamburger Schnack

Im Archäologischen Museum in Harburg: Nach der Besichtigung der Ausstellung "DUCKOMENTA – MomEnte der Weltgeschichte" erklärt die junge Mutter ihren zwei kleinen Töchtern etwas hilflos: "Eigentlich ist das hier ein ganz normales Museum."

Gehört von Wolfram Tetzner

Meine Stadt

Fotografiert beim Blue Port an der Überseebrücke. Auch Spinnen machen mal blau. © Ingke Tjebbes

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihre Sigrid Neudecker

 

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