Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

diese Spielverderber! In die Jubelgesänge zur Elbphilharmonie, vor allem dazu, dass das Konzerthaus bereits im ersten Jahr seines Bestehens einen Überschuss erwirtschaftet hat, will der Steuerzahlerbund nicht so recht einstimmen. Bei etlichen Millionen an städtischen Zuschüssen sei der von den beiden Betriebsgesellschaften für die Elbphilharmonie und Laeiszhalle im ersten Halbjahr des Jahres 2017 erwirtschaftete Überschuss von 900.000 Euro "nicht die ganz große Kunst", sagte BUND-Vorsitzender Lorenz Palte. Und einer unserer Leser stürzte sich mit Feuereifer in eine Milchmädchen-Renditerechnung: "Wenn die Baukosten ca. 800 Mio. Euro betrugen, und wenn der Überschuss 2017 angeblich ca. 1 Mio. (stark aufgerundet) sein soll, dann hieße das, in nur 800 Jahren wären die Kosten wieder eingespielt – ein echtes Erfolgsmodell!"

Trotz alledem oder gerade deshalb: Der Zugang zur Plaza der Elbphilharmonie sollte auch weiterhin kostenlos bleiben, fordern die organisierten Steuerzahler, eben weil der Kulturtempel ständig ausverkauft sei und dieser Ort deshalb für viele Menschen die einzige Chance sei, das Haus zu erleben.

Kassenpatienten haben es schon immer geahnt, jetzt tritt eine Studie der Universität Hamburg den Beweis an: ZumEnde eines Quartals bekommen gesetzlich Versicherte noch schwerer einen Termin bei ihrem Arzt – vor allem ihrem Hausarzt – als sonst. Der Grund ist bekannt: Die Kassen zahlen nur eine bestimmte Anzahl an Patientengesprächen und Routineuntersuchungen pro Quartal und Arztpraxis. Die Verfasser der Studie schlagen deshalb andere Abrechnungszeiträume vor.

Und Hamburg soll vier neue Kinderarztpraxen bekommen. Das ist das Ergebnis einer aufwendigen Analyse der Kassenärztlichen Vereinigung (wir berichteten), die zu dem beachtlichen Ergebnis kam, dass die vorhandenen Praxen nicht ausreichen, obwohl die Stadt laut Bedarfsplanung auf dem Papier bereits "überversorgt" sei. Die zusätzlichen Praxen sollten "vor allem" in den Bezirken Nord, Mitte, Harburg und Bergedorf geschaffen werden. Ob vier Kinderärzte mehr ausreichen?

Schaffe, schaffe, Schiffle baue


Ein Seemannschor trällert, es duftet nach Stockfisch, Knöpfe an Kapitänsuniformen glänzen – Bremen lädt ein zur Schaffermahlzeit. Bundespräsidenten, Botschafter und Großindustrielle waren hier bereits geladen. 2018 darf sich unser Bürgermeister Olaf Scholz dem illustren Reigen anschließen: Als Ehrengast soll er am 9. Februar der kleinen Hansestadt Respekt zollen. "Bremen und Hamburg eint das Interesse um den Ausbau der Häfen und deren Infrastruktur", erklärt Schaffer Matthias Ditzen-Blanke. "Daher ist die Beziehungspflege zu Olaf Scholz die beste Basis für künftige Dialoge." Das traditionsreiche Brudermahl gilt als eines der wichtigsten gesellschaftlichen Events Deutschlands. Die Gäste genießen typische Seefahrerspeisen wie Fisch, Rauchfleisch und Bratkartoffeln und spenden für in Not geratene Matrosen. Seit 1545 treffen sich Kaufleute, Kapitäne und Reeder jährlich zu diesem Dinner – ursprünglich auch, um sich am Ende des Winters voneinander zu verabschieden. 100 kaufmännische und 100 seemännische Schaffer – die sich um die Geschäfte der Schifferbruderschaft oder -gesellschaft kümmern (ein Zusammenschluss von Seefahrern zum gegenseitigen Schutz und zur sozialen Absicherung von Hinterbliebenen) – schlemmen seither mit 100 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Auf seine "Chefin" – Bundeskanzlerin Angela Merkel – wird Scholz dabei allerdings nicht treffen. Zwar sind Frauen seit 2015 (!) beim Mahl zugelassen. Allerdings war die Bundeskanzlerin als erste Dame bereits 2007 geladen, und Ehrengäste dürfen nur einmal im Leben mit Schaffern Stockfisch knabbern.

"Je höher das Tempo, desto höher der Schaden"

Die nächtliche Geschwindigkeitsbeschränkung, die seit Kurzem auf sechs Hamburger Hauptstraßen gilt, sorgt für Diskussionsstoff. Die CDU findet die Maßnahme sinnlos, den Umweltverbänden geht die neue Regelung nicht weit genug. Wir haben den Verkehrsexperten Professor Wolfgang Maennig gefragt: Was bringen Tempo-30-Zonen wirklich?

Elbvertiefung: Herr Maennig, Dennis Thering von der CDU hält nichts von der neuen Maßnahme, der BUND wünscht sich mehr Tempo 30 – was ist denn nun besser?

Wolfgang Maennig: Studenten lernen schon in der VWL-Einführungsveranstaltung: Bei zunehmender Geschwindigkeit erfährt die Umwelt zunehmende Schäden: Es gibt mehr Verkehrstote, mehr Lärm, mehr CO2-Emissionen. Die steigen auch überproportional an, das heißt, je höher das Tempo, desto höher der zusätzliche Schaden. Aber: Die Gesellschaft zieht aus Mobilität einen Vorteil. Wer all diese Schäden nicht will, für den ist das richtige Tempo null. Wer individuelle Mobilität will, muss Umweltverschmutzung und Verkehrstote zumindest implizit dulden.

EV: Verursachen Autofahrten mit 50 km/h denn wirklich mehr Lärm als Tempo 30?

Maennig: Es gibt zwei Arten von Lärmemission. Erstens: das Motorengeräusch, das davon abhängig ist, ob die Autos in konstantem Tempo fahren und wie schnell sie fahren. Zweitens: das Abrollgeräusch der Reifen. In manchen Bereichen gehen mehr als 50 Prozent der Lärmemission auf diese Reifengeräusche zurück. Die EU arbeitet gerade an einer Kennzeichnung für Flüsterreifen, auch Flüsterteer ist in der Entwicklung.

EV: Was bewirkt dann die Geschwindigkeitsbeschränkung?

Maennig: Die Rollgeräusche gehen deutlich zurück, die Motorengeräusche aber nicht ganz so stark. Außerdem gibt es weniger Verkehrsverletzte. Die Schädigung der Umwelt wird durch Temporeduktion insgesamt geringer. Zumal nachts, wenn die Menschen schlafen wollen, ist der wahrgenommene Schaden durch den verursachten Lärm viel größer als tagsüber.

EV: Und wenn wir den Schadstoffausstoß betrachten?

Maennig: Die Schadstoffemission hängt vor allem von der Motorendrehzahl ab. Wenn Sie mit Tempo 30 im zweiten Gang fahren, ist sie ähnlich wie im dritten Gang bei Tempo 50. Dennoch gibt es eine verringerte Emission bei geringerer Geschwindigkeit. Um noch umweltfreundlicher zu fahren, wären Hybridautos eine Option, oder man stellt ganz auf Elektroautos um. Mit dem Verbrennungsmotor sollte man möglichst mit niedriger Drehzahl fahren und möglichst wenig bremsen und beschleunigen.

EV: Also ist nicht nur das Tempo entscheidend ...?

Maennig: Nein, es hängt wesentlich auch davon ab, ob viel angehalten und dann wieder angefahren werden muss. Wenn wir nachts mehr Ampeln abschalten und stattdessen die Verkehrszeichen gelten lassen würden, könnte dies den Lärm und die Schadstoffemissionen reduzieren.

EV: Und wenn wir noch einmal an Tempolimits denken: Das funktioniert doch nur, wenn sich die Leute daran halten!...

Maennig: Die sogenannten Berliner Kissen sind eine gute Option, das sind diese großen Hubbel, die es oft in Spielstraßen gibt. Oder Blumenkübel, um die herum man Schlangenlinien fahren muss. Es gibt viele Möglichkeiten, den Verkehr abzubremsen. Mehr Kontrolle ist immer mit steigenden Kosten verbunden, deswegen akzeptieren wir eine bestimmte Delinquenz. Technisch könnte man aber eine Geschwindigkeitsabweichung von null durchsetzen: Schon heute wären wir in der Lage, in das Management der meisten Motoren so einzugreifen, dass in Spielstraßen automatisch auf Schrittgeschwindigkeit herabgedrosselt wird. Spätestens mit den Elektromotoren wird sich das verbreiten.

Schrottplatz statt Spielplatz?

Gehören Sie zu den Hamburgern, die bisher der Ansicht waren, die Spielplätze ihrer Stadt seien einigermaßen in Ordnung, zumindest was die Bedürfnisse der Kleinsten angehe – zwar sei das eine oder andere Klettergerüst erneuerungswürdig, aber was gefährlich sei, werde ausgewechselt? Und vielleicht dachten auch Sie bis heute, die einzigen dauerhaft wunden Punkte seien die Fragen, was man eigentlich für die größeren Kleinen anböte, und warum der Belag in einigen Fußballkäfigen, die sich ab und an neben den Spielplätzen finden (oft als einziges Angebot für die größeren Kleinen), bei Nässe und Feuchtigkeit so verteufelt rutschig ist? Nun, dann belehren wir Sie eines anderen: Die Spielplätze dieser Stadt sind ziemlich schrottig. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, angesichts dessen, dass die Rot-Grüne-Regierung in einem gemeinsamen Bürgerschaftsantrag fünf Millionen Euro für die "Sanierung" der Spielplätze bereitstellen will, um "bestehende Anlagen in Ordnung" zu halten (Andreas Dressel, SPD) und "den Zustand der 750 Plätze zu erfassen" (Anjes Tjarks, Die Grünen). Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Spielflächen seit Jahren verrotten, die Stadt keinen Überblick über ihre Verkehrssicherheit hat? "Auf jeden Fall gehören sie nicht zum politischen Schwerpunkt von Rot-Grün", bemängelt André Trepoll von der CDU. "Wir haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass viele Spielplätze in schlechtem Zustand sind. Rot-Grün hat das Thema verschlafen." Tjarks hingegen bestätigt, dass Hamburg hier bisher zu wenig investiert habe. "Da kann die CDU sich aber an die eigene Nase fassen", schießt er zurück. Schon Ole von Beust habe die Spielflächen vernachlässigt. Was genau die "Sanierung" beinhalten wird, das steht noch nicht fest, aber alles wird ab 2019 abgearbeitet – als Erstes in Stadtteilen mit sozialen Brennpunkten. "Das Ganze wird ein Prozess von rund 15 Jahren", so Tjarks. Kurz: Die Kinder, die sich heute bei Nässe in den Fußballkäfigen ihre Knie und Ellenbogen aufschlagen, sind dann vielleicht selbst schon Eltern.

Neue Hoffnung für Puan Klent?

Nachdem es noch im Dezember düster aussah für die Zukunft von Puan Klent, dem Hamburger Jugenderholungsheim auf Sylt, leuchtet nun ein Hoffnungsschimmer auf. Der Stiftungsvorstand teilt auf der Website mit, man werde "sehr wahrscheinlich den Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens noch im Januar 2018 zurücknehmen können". Bei der Stadt Hamburg wird der Fall als schwierig gehandelt, aktuell gibt es keine finanzielle Unterstützung für das Schullandheim. Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde, sagte uns: "Wir wollen, dass Kinder und Jugendliche weiterhin in das Erholungsheim fahren können. Wie man das konkret erreicht und die Einrichtung zukunftsfähig macht, liegt nicht in unserer Hand." Die Behörde unterstütze den Insolvenzverwalter und arbeite ihm zu, so Schweitzer. "Wichtig ist aus unserer Sicht ein hauptamtliches Management der Einrichtung." Das bestätigt uns auch der vorläufige Insolvenzverwalter Jens-Sören Schröder. Eine kaufmännische Leitung muss her, die sich um ein professionelles Controlling kümmert, den Einkauf optimiert und offensives Marketing und Fundraising betreibt. Dazu gehört wohl auch, dass Puan Klent seine Werbung nicht im Fahrgastfernsehen der U-Bahn schaltet. "Natürlich sind Fehler gemacht worden, aber man darf nicht vergessen: Die Einrichtung ist fast 100 Jahre alt, das ist eine beachtliche Leistung", so Schröder. "Aber von einer endgültigen Entwarnung der angespannten Lage kann keine Rede sein, bis dahin muss noch einiges passieren." Die externe Beratungsfirma muss die Sanierungsfähigkeit des Schullandheims bestätigen, dann müssen frische Gelder eingetrieben werden – durch öffentliche Zuwendungen sowie Spenden. Im besten Fall soll der Insolvenzantrag noch im Januar abgewendet werden. Warum der Druck? "Es gibt schon erste Stornierungen", sagt Schröder, gestern habe eine Klasse aus Berlin und heute eine aus Niedersachsen ihre Reise storniert.

"Mein Wunsch für Hamburg"

Nina Petri © Heiner Orth

von Nina Petri

"Ich wünsche mir für Hamburg mehr günstige Wohnungen in den attraktiven Vierteln der Stadt, damit nicht überall nur noch die ›gehobene‹ Mittelschichts-Reichtum-Eintönigkeit vorherrscht und sich drum herum Armen-Ghettos bilden."

Nina Petri ist Schauspielerin.


Mittagstisch

Ertrunken in Soße

Alles ziemlich cool hier. Die schwarz-weiße Einrichtung mit den Farbkleksen in Form von bunten Kissen und einem blaugrünen Sofa ebenso wie die Musik, die mit dumpfen Bässen durch den Raum strömt. Bestellt wird am Tresen, es dauert eine Weile, dann kommt der Burger an den Tisch. Vor vier Jahren eröffneten die drei Freunde das Burger Lab, dessen Name schon sagt, worum es hier geht: Experimente mit Burgern. Die Produkte dafür sind frisch und werden vorwiegend regional bezogen. Auch das Rindfleisch stammt von einem Familienbetrieb in Schleswig-Holstein. Das ist ordentlich, doch die Soßen dazu sind – wie auch bei der grünen Salatbeilage – zu viel des Guten: Der Spezial-Burger von der Mittagstischkarte (inklusive Getränk für 9,50 Euro) kommt mit Porree in Rahmsoße, Mayonnaise und Barbecuesoße. Letztere ist sehr dominant. Käse soll auch dabei sein, der lässt sich in der Soße aber leider nicht mehr finden. Was nicht bedeutet, dass der Burger matschig ist. Aber es fehlt das frische Gegengewicht in der Komposition. Immerhin: Das Brötchen – von der Bäckerei Pritsch nach Eigenrezept gebacken – ist fabelhaft.

The Burger Lab; Altona-Nord, Max-Brauer-Allee 251, Mittagstisch Mo–Fr, 12–15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Chaos im Kabarett: "Ist das noch Psychiatrie – oder schon Politik?", hinterfragt Turid Müller ihre eigene Show. Als "Teilzeitrebellin" singt sie von der Grätsche zwischen Ideal und Wirklichkeit, über Politik und Gesellschaft und vom Wertechaos, dem niemand entkommt.

Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße 23, 20 Uhr, 21 Euro

Grusel-Rocker: Ist Halloween nicht längst vorbei? Offensichtlich ist das den Industrial-Gothic-Metallern von Johnny Deathshadow schnuppe. Als Totenköpfe legen sie die Markthalle mit Grooves, Gitarrenriffs und Grummel in Schutt und Asche. Es unterstützen sie The Fright und der Schattenmann. Huhuhuuu.

Markthalle, Klosterwall 11, 20 Uhr, VVK 9 Euro

Was kommt

Stand-up-Comedy: Warum fischen wir die Meere leer, nur um sie anschließend mit Plastikmüll zu füllen? Es sind solch essenzielle Fragen, die Jochen Prang in "Verantwortungsbewusstlos" stellt. Aber keine Angst: Er holt nicht den moralischen Zeigefinger raus, nur den souveränen Mittelfinger.

Goldbekhaus, Bühne zum Hof, Moorfurthweg 9, Sa, 20 Uhr, 15 Euro

Ahoi, Altona: War eine Seefahrt immer lustig? Hatten die Matrosen wirklich die Pest an Bord? Jochen Wiegandt hat sich auf eine musikalische Spurensuche begeben und macht das Publikum bekannt mit Gassenhauern, Seefahrerliedern, Shantys und Salzwasser-Schlagern. "Dat kann ja nich ümmer so bliewen: Maritime Liederatur mit Jochen Wiegandt".

Museum Altona, So, 11 Uhr, 1,50 Euro + Museumseintritt

Meine Stadt

Eine nette Aufforderung, die Parkzone vor dem Bahnhof schnell wieder freizugeben © Rainer Pöhls

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Am Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.