Der Bundesliga-"Dino" Hamburger SV schöpft am Rande des Abgrunds nach einer packenden und hochemotionalen Vorstellung  am Freitagabend wieder Mut. "Dieser Sieg tut nicht nur uns, er tut der ganzen Stadt gut", sagte Trainer Mirko Slomka nach dem 2:1-Erfolg über Bayer Leverkusen. Der überragende Hakan Çalhanoğlu hatte noch genug Übersicht für diese Einschätzung: "Gerettet sind wir natürlich noch lange nicht."

Die Mannschaftsleistung war überzeugend und gab den Ausschlag, doch es ist ein altbekanntes Phänomen, dass sich im Abstiegskampf alle Hoffnungen auf Stürmer fokussieren. Und da besonders auf die bulligen Typen, die zur Not mit dem Kopf durch die Wand rennen. Wenn sonst gar nichts mehr geht, dann hilft vielleicht noch eine heroische Einzelaktion.

Beim Hamburger SV mit seiner Seeler-Hrubesch-Tradition ist dieses etwas irrationale Denkmuster womöglich noch tiefer verankert als anderswo, deshalb besaß man zum Saisonstart gleich zwei Angreifer des kraftstrotzenden und unerschrockenen Typs. Der eine, Pierre-Michel Lasogga, ist oft verletzt und fehlte auch am Freitag gegen Bayer Leverkusen, beim sechstletzten der so deklarierten "Abstiegs-Endspiele". Der andere, Artjoms Rudņevs, wurde im Winter nach Hannover verliehen, was in den Krisen-Diskussionen unter Fans stets mit besonderer Fassungslosigkeit vermerkt wird.

Raffinesse zu Beginn

Doch zunächst erweckte der HSV den Eindruck, auf Kraftakte gar nicht angewiesen zu sein. Das Führungstor in der 4. Minute wirkte sogar fabelhaft leichtfüßig: Rafael van der Vaart legte ein Zuspiel von Hakan Çalhanoğlu raffiniert kurz zu diesem zurück, der Deutsch-Türke traf aus 22 Metern. Der eine ließ dabei alte Klasse erkennen, der andere verstärkte die Gewissheit, dass ihm eine große Zukunft offensteht; egal, wie es mit dem HSV weitergeht.

Doch danach ließ der HSV außer Leidenschaft, die die eben danach lechzenden Fans in der Arena dankbar quittierten, auch bekannte Schwächen erkennen: vor allem wenig Standfestigkeit gegenüber schnellem Kombinationsspiel. So trat mit Torwart René Adler der dritte HSV-Profi in den Mittelpunkt, der an guten Tagen Überragendes leisten kann. Adler hatte einen sehr gemischten Tag – großartige Paraden, bis er in der 58. Minute einen Fernschuss von Leverkusens Julian Brandt beinahe stümperhaft vom Arm ins Tor rutschen ließ.

Rettung mit Wucht

So kam doch noch ein womöglich wunderkräftiger Stürmer zum Einsatz: ein junger Italiener namens Mattia Maggio, der für den Nachwuchs des HSV in der vierten Spielklasse einige Tore geschossen hat. Ihn am Mittwoch quasi aus dem Ärmel zu schütteln und nun debütieren zu lassen, wirkte wie ein gezieltes Entlastungsmanöver des Vereins angesichts der quälenden Stürmerdiskussion. Man gab ihm sogar noch Gelegenheit, sich selbst als "Stürmertyp wie Zlatan Ibrahimović" vorzustellen. Um 22:05 Uhr kam Maggio auf den Platz, weckte das ernüchterte Publikum noch einmal auf und kam dann kaum einmal in Ballnähe – das wahrscheinlichste Resultat bei versuchten Wunderheilungen.

Die Rettung – für diesen Abend – kam vielmehr in Gestalt des oft geschmähten Abwehrspielers Heiko Westermann, der in der 82. Minute eine Flanke volley und mit Wucht ins Leverkusener Tor schoss. Eine Kombination von Willenskraft und Kunstfertigkeit, deren zweiten Aspekt man gerade Westermann nicht zugetraut hätte.

Auch Leverkusen zog nun noch einen Joker ohne Wirkung aus dem Ärmel – Levan Öztunali, den Enkel von Uwe Seeler, dessen Wechsel aus der Jugendabteilung des HSV zu Bayer vielen als Fanal des Hamburger Niedergangs galt. Es war die letzte Pointe eines wilden, aufregenden und für den HSV hoffnungsvollen Abends.

"Dino" des Tages: Deinonychus antirrhopus, ein fleischfressender Zweibeiner, der nach Meinung einiger Forscher im Rudel auf Beutezug ging und damit den kleinen Wuchs des Einzelexemplars kompensierte.