Wenn ich mich zu Auswärtsspielen mit Klaus ins Café Sonnenseite setze, bekomme ich von ihm immer die Haferkekse, die es zum Milchkaffee gibt. Das ist ein guter Start in den Nachmittag und entspräche dem, was mein Nervenarzt mir empfehlen würde. Der Alltag ist schließlich anstrengend genug, da sollte man sich am Wochenende nicht den Dingen zuwenden, die das Nervenkostüm noch mehr in Mitleidenschaft ziehen. 

Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn es bleibt ja nicht bei Milchkaffee und doppelter Portion Haferkeks. Irgendwann beginnt im Fernseher schräg über dem Tresen das Spiel. Und eine der Mannschaften heißt immer St. Pauli. Das macht den nervenheilenden Anteil meines Sonnenseitenbesuchs sehr schnell sehr klein im Vergleich zum zerstörerischen anderen.

Immerhin stand im Café nicht wie im Stadion die Meckerecke Carlos neben mir. Der hätte die schreckliche Langeweile der ersten Halbzeit in Sandhausen, diese torschussfreie Dreiviertelstunde dazu genutzt, mit nervtötenden Worten jeden einzelnen Partikel Ereignislosigkeit zu kommentieren – auch nicht die Art Vortrag, die ein Nervenarzt gemeinhin empfiehlt.

Klaus ist da anders. Nervenschonend. Er gibt mir nicht nur seine Kekse, er schenkt mir Schweigen. Allein dies hat mich die erste Halbzeit überleben lassen – und auch die noch viel schlimmere zweite. Aus Sicht eines Nervenarztes war sie so etwas wie der Supergau für einen durch 13 Jahre Dauerkartenbesitz destabilisierten Organismus. Die zweite Halbzeit funktionierte nämlich nach dem folgenden Modell: Man schenke dem Gegner zweimal den Ball und lade ihn ein, zweimal ein Tor vorzulegen. 

Wer weiß, wie selten Fußballmannschaften zweimal in Rückstand geraten und dann doch noch ins Spiel zurückkommen, der weiß auch, wie sehr ein solches Spiel den ambitionierten Fan zerreißt. Für meine Nerven war die Wahl des dramaturgischen Modells an diesem Samstag besonders desaströs, hatte ich mich doch in dieser Kolumne vor ein paar Tagen mit meiner Bemerkung von drei sicheren Punkten, die in Sandhausen auf uns warten, sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Vor der ganzen Welt. Und noch schlimmer: vor Carlos. 

Wer nämlich Optimismus sät, erntet von der Meckerecke grundsätzlich Häme. Für mich stand also viel auf dem Spiel. Und ich war, als unser Kapitän Kalla den Ball im Strafraum zum zweiten Rückstand servierte, schon sehr nah dran, mich geistig bei ab-in-den-urlaub.de einzuloggen, um dem drohenden Spott-Tsunami zu entgehen.

Aber dann glich Schachter auch den zweiten Rückstand aus. Dann schoss Ratsche uns zum Dreier. So haben im letzten Moment ein paar Fetzen meines Nervenkostüms überleben können. Ich werde umgehend versuchen, sie wieder zu einem stabilen Anzug zusammenzunähen. Spätestens morgen werde ich einen Panzer brauchen. Denn Carlos wird mich anrufen. Er muss mich anrufen. Nichts wird ihn davon abhalten können, mir wortreich zu erklären, warum trotz dieses Siegs in Sandhausen "der Aufstieg völlig utopisch" sei.