Ich bin ein schlechter Fan. Eigentlich hätte ich gestern um 15.30 Uhr im Stadion oder zumindest vor dem Fernseher sitzen müssen, um meinen HSV gegen die Tabellenzweiten aus Hoffenheim anzufeuern. Ich tat es aber nicht. Stattdessen besuchte ich das erste Heimspiel von Hamburgs neuem Basketballclub, den Towers.

Denn trotz des überraschenden 1:0-Siegs vor zwei Wochen in Dortmund brauchte ich nach dem missglückten Saisonstart einfach mal eine kurze Auszeit vom nervenraubenden HSV-Fan-Dasein. Die neuen, noch völlig unbelasteten Hamburg Towers waren mir da eine willkommene Abwechslung.

Als Schiedsrichter Peter Sippel die Partie in der Imtech-Arena im Hamburger Westen anpfeift, mache ich mich also völlig ungewohnt auf den Weg in den Süden der Stadt. Dort steht die neue Basketballhalle der Towers. Mein Kumpel Tim bietet mir noch an, mich per Whatsapp mit den wichtigsten Infos zum HSV-Spiel zu versorgen, aber ich lehne dankend ab. Ich wolle mir das Spiel am Abend noch mal in voller Länge anschauen, sage ich zu Tim, der immer noch nicht glauben kann, dass ich mir ein Zweitligaspiel im Basketball angucke, während der HSV spielt.

Auf dem Weg in die Halle bekomme ich bereits erste Gewissensbisse. Ich frage mich, ob ich eigentlich noch ein richtiger HSV-Fan bin. Ich frage mich, ob die vergangenen Jahre, in denen ich so viel Zeit und Energie in diesen Verein gesteckt habe, und in denen ich und der Rest der Stadt immer wieder enttäuscht wurden, vielleicht ihre Spuren hinterlassen haben. Vielleicht sind es nur noch die Erinnerungen an bessere Zeiten, die mich bisher davon abgehalten haben, woanders mein Glück zu suchen, denke ich, als ich die Basketballhalle betrete.

Es ist halb fünf. Die Halle füllt sich. In einer halben Stunde geht es los. Circa 20 Kilometer Luftlinie entfernt beginnt gerade die zweite Halbzeit zwischen dem HSV und Hoffenheim. Ich frage mich, wie es dort wohl gerade steht. Auf dem Weg in die Halle habe ich noch peinlich genau darauf geachtet, nichts vom HSV-Spiel mitzubekommen: Ich habe diverse Whatsapp-Gruppen stummgeschaltet, jeglichen Blickkontakt mit den U-Bahn-Monitoren gemieden und Kopfhörer aufgesetzt. Aber nun sitze ich hier und halte es nicht mehr aus. Ich hole mein Handy raus, um nachzuschauen. Kein Netz. Ich frage meine Sitznachbarn. Auch kein Netz. Na toll.

Allmählich beginne ich, mich wie jemand zu fühlen, der gerade seine Freundin betrügt und es schon währenddessen bereut. Mein Verlangen nach Veränderungen und neuen Reizen ist bereits verflogen, bevor meine Affäre mit den Towers richtig begonnen hat. Wären die Hamburg Towers eine Frau, würde ich ihr sagen, dass es nicht an ihr liege. Dass ich meine Freundin eigentlich nur eifersüchtig machen wollte, weil sie ihren vollmundigen Ankündigungen in den vergangenen Jahren nur selten Taten habe folgen lassen.

Gegen kurz nach sieben verlasse ich die Halle. Die Hamburg Towers haben gerade ihr erstes Spiel vor heimischem Publikum gewonnen und dabei eine beeindruckende Show abgeliefert. Das interessiert mich aber schon längst nicht mehr. Kaum bin ich draußen, hole ich mein Handy raus, um nachzuschauen, wie der HSV gespielt hat. Eins zu eins. Gegen formstarke Hoffenheimer. Und der HSV sei sogar die bessere Mannschaft gewesen, heißt es in den Spielberichten. Zufrieden stecke ich mein Handy zurück in die Hosentasche. Bitte verzeihe mir, mein HSV.