Da war es wieder, das zweite Gesicht des HSV. Das Gesicht, das die Fans gerne etwas regelmäßiger zu sehen bekommen würden, das der HSV offensichtlich aber nur zu besonderen Anlässen zu zeigen vermag: gegen die scheinbar unaufhaltbaren Bayern (0:0),  gegen die kriselnden Stars aus Dortmund (1:0) – und nun auch gegen Leverkusen (1:0).   

Sieben Punkte hat der HSV in diesen drei Spielen geholt, nur zwei in den anderen sieben Partien. Das macht neun Punkte und bedeutet vorerst Platz 14 in der Tabelle. Da kann sich jeder selbst ausrechnen, wo der HSV stehen würde, wenn er jeden Gegner gleichermaßen ernst nehmen würde. So aber heißt es auch in dieser Saison: Hamburger Abstiegsängste statt Hamburger Höhenflüge. Das Auftreten der Mannschaft gegen Leverkusen stimmt mich allerdings optimistisch, dass es in diesem Jahr nicht ganz so eng wird wie in der vergangenen Saison.

"Was auf dem Platz veranstaltet wurde, hatte wenig mit Fußball zu tun. 90 Prozent unserer Angriffe wurden durch taktische Fouls unterbunden, die fast nie zu Karten geführt haben. Das war mehr Treibjagd als Fußball." Diese Worte stammen von Leverkusens Trainer Roger Schmidt und sie sind so nur zur Hälfte richtig. Es stimmt: Vor allem in der ersten Halbzeit musste man schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, dass es sich bei dem Spiel Leverkusen gegen den HSV tatsächlich um ein Fußballspiel handelt: Es gab viele Fouls (54), neun gelbe Karten (Saisonrekord) und wenig Spielfluss. Eine Nachspielzeit von zehn Minuten hätte mich nicht gewundert.

Mit seinen Äußerungen vermittelt Schmidt aber den Eindruck, dass der HSV die alleinige Schuld an dem Foul- und Karten-Festival trägt. Der HSV hat zwar minimal mehr gefoult als Leverkusen, (29:25) und er hat auch mehr gelbe Karten kassiert (6:3). Aber das gröbste Foul, wofür es meiner Meinung nach auch die Rote Karte hätte geben müssen, leistete sich der Leverkusener Giulio Donati, der Marcell Jansen mit einer rücksichtslosen Grätsche von den Beinen holte. Dass die HSV-Spieler daraufhin geschlossen auf den Leverkusener Verteidiger losstürmten, um ihrem Unmut Luft zu machen, darf Roger Schmidt nicht ernsthaft überrascht haben.

Das letztlich spielentscheidende Foul ging ebenfalls auf das Konto eines Leverkuseners: In der 24. Minute holte Leverkusens Torhüter Bernd Leno erneut Marcell Jansen von den Beinen. Auch dieses Foul, lieber Herr Schmidt, war ziemlich brutal. So brutal, dass Schiedsrichter Florian Meyer offenbar gar nicht glauben konnte, was er da gerade gesehen hatte. Erst nach Rücksprache mit seinem Assistenten zeigte er völlig zurecht auf den Elfmeterpunkt.

Elfmeter sind beim HSV Chefsache. Und noch heißt dieser Chef Rafael van der Vaart. Ich kann gar nicht beschreiben, wie aufgeregt ich vor seinem Schuss und wie erleichtert ich nach seinem Treffer war. Für Van der Vaart selbst war es der erste Treffer seit dem 21. Dezember 2013. Dementsprechend lange dauerte dann auch der Jubel samt Grußbotschaft an den achtjährigen Sohn, vor dem van der Vaart sich inzwischen für seine durchwachsenen Leistungen erklären muss, wie der Holländer im Interview nach dem Spiel verriet.

Alles in allem ging der HSV-Sieg in Ordnung. Die Verteidigung hat gezeigt, dass sie auch gegen offensivstarke Leverkusener in der Lage ist, 90 Minuten lang konzentrierten, sprich fehlerfreien Fußball zu spielen. Und die gesamte Mannschaft hat mit ihrem Engagement gezeigt, dass die Truppe Charakter besitzt. Es war nämlich keineswegs selbstverständlich, dass die Mannschaft nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen mit solch einer breiten Brust auftreten und gewinnen würde. Darauf kann man aufbauen. So sammelt man Punkte. Und wer weiß: Vielleicht wird eines Tages dann auch wieder schöner Fußball gespielt in Hamburg.