Ab Ende 1933 wurde der sogenannte Deutsche Gruß der Nazis für Deutschland Fußballmannschaften Pflicht: Fußballspieler des Harburger Turnerbunds nach einem Spiel, ca. 1935. © Ralf Klee

Der ehemalige Zwangsarbeiter Tadeusz Brzeski hat Hamburger Fußballgeschichte geschrieben. Der Pole landete während der NS-Zeit in einem Barackenlager im Osten der Stadt, in Billstedt, und musste dort Schlossertätigkeiten verrichten. Er war dem Terror der Deutschen unter den Nazis ausgesetzt. Von einem seiner größten Vergnügen, dem Fußballspielen, wollte er aber auch in Gefangenschaft nicht lassen.

Um sich von seinen menschenunwürdigen Lebensumständen abzulenken, baute Brzeski in Billstedt eine Mannschaft von Zwangsarbeitern auf und organisierte Spiele gegen andere Lager. Selbst nach Kriegsende, in einem Displaced-Persons-Lager in Wentorf bei Hamburg, sorgte er noch dafür, dass Turniere stattfanden. 

Tadeusz Brzeski setzte ein starkes Zeichen. Auch wenn die Nazis ihn behandelten wie Dreck, seine Spielfreude ließ er sich von ihnen nicht nehmen. So eindrücklich wie kaum ein anderer Fußballer in Hamburg verdeutlichte er, welche Macht sein Sport besitzt, wie er selbst vom schrecklichsten Alltag ablenken kann. Und trotzdem blieb die Geschichte des Zwangsarbeiters Brezski in Hamburg bislang unbeachtet.

Jüdische Fußballteams organisierten eigenen Spielbetrieb

Das wird sich nun ändern. Kurz bevor Brzeski im vergangenen Jahr starb, hat er einen ausführlichen Bericht über seine Zeit in Hamburg verfasst. Und dieser wird nun in der Ausstellung Hamburger Fußball im Nationalsozialismus gewürdigt. Im Rathaus der Stadt gewährt die KZ-Gedenkstätte Neuengamme – so kündigt es der Untertitel der Schau an – Einblicke in eine jahrzehntelang verklärte Geschichte. Es geht darum, Versäumnisse aufzuarbeiten. Im Vergleich zu Institutionen anderer gesellschaftlicher Bereiche haben Fußballverbände- und Vereine erst relativ spät, mit Beginn dieses Jahrhunderts, damit begonnen, sich mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit zu beschäftigen.

Kuratiert hat die Ausstellung der in Neuengamme tätige Herbert Diercks, der unter anderem auch die Rolle der Hamburger Polizei im NS-Staat aufgearbeitet hat. Den Anstoß für das Fußballgeschichtsprojekt habe eine studentische Mitarbeiterin der Gedenkstätte aus der HSV-Fanszene gegeben, erzählt Diercks. Er hoffe, "mit einer solchen Ausstellung nicht nur Bildungsbürger anzusprechen", sondern auch Fußballbegeisterten einen Zugang zu dem Thema zu verschaffen.

In einigen Bereichen ist die Forschungslage mittlerweile recht gut: Der HSV stellte 2007 für sein Museum im Volkspark die viel beachtete Ausstellung Die Raute unter dem Hakenkreuz zusammen. Der FC St. Pauli und der ETV, beides große Vereine, veröffentlichten wissenschaftliche Studien in eigener Sache. Dennoch gibt es Aspekte des Hamburger Fußballs in der NS-Zeit, über die auch Experten bisher wenig wussten. Viele davon nimmt die neue Ausstellung der Neuengammer Gedenkstätte nun in den Blick.

Es geht bei Weitem nicht nur um Tadeusz Brzeski und andere kickende Zwangsarbeiter. Ein anderes Thema etwa sind die Geschichten der jüdischen Fußballteams, die entstanden, nachdem DFB-Vereine Juden ab dem Frühjahr 1933 ausschlossen. Schild Hamburg, Blau-Weiß Hamburg, Makkabi Altona – so hießen einige der neuen Clubs, die bereits ab Oktober 1933 einen eigenen Spielbetrieb auf die Beine stellten.

Aus heutiger Sicht ist es bemerkenswert, wie viel Energie die jüdischen Fußballer investierten, um eine Parallelwelt aufzubauen – obwohl sie im Alltag unter starkem Verfolgungsdruck litten und teilweise die Ausreise planten. Sogar eigene Sportanlagen entstanden in dieser Zeit: Schild Hamburg etwa spielte in Niendorf an der Ecke Kollaustraße/Niendorfer Straße. Ungefähr dort, wo sich heute das Trainingszentrum des FC St. Pauli befindet, wie eine Luftaufnahme von 1935 in der Ausstellung zeigt.