"Ich scheue mich nicht, schwierige Entscheidungen zu treffen", das hat Markus Gisdol kürzlich im NDR Sportclub gesagt. Jetzt hat der HSV-Trainer eine Tat folgen lassen, und man ist irgendwie enttäuscht. Die Kapitänsbinde Johan Djourou wegnehmen und sie Gōtoku Sakai geben? Was für ein Ablenkungsmanöver. Es fühlt sich an, als wenn bei Heidi Klum alle auf die Siegerkür warten und dann eine Werbepause angekündigt wird. Denn wer den HSV in letzter Zeit hat spielen sehen, der weiß, dass Gisdol seit seiner Ankunft im September tatsächlich eine Casting-Show moderiert. Er musste dafür nichts tun. Sein Ruf eilte ihm voraus.

Etwas mehr als drei Jahre ist es her, dass Markus Gisdol mit der TSG Hoffenheim eine Mannschaft übernahm, die sich in einer fast so schlechten Situation befand, wie nun der Hamburger Sportverein. Sie lag abgeschlagen auf einem Abstiegsplatz und spielte fast genauso planlos. Gisdol guckte sich das Treiben eine Weile an und kam dann zu einem bislang in der Bundesliga einmaligen Entschluss: Er schickte Führungsspieler wie Tim Wiese, Matthieu Delpierre und Tobias Weis auf einen Dorf-Sportplatz. Dort mussten sie, abgeschieden vom Rest der Mannschaft, ohne Aussicht auf ein offizielles Spiel trainieren.

Für viele mag das ein Horrorszenario sein, für die HSV-Spieler ist es offenbar eine Traumvorstellung. Anders lässt sich nicht erklären, warum sie unter Gisdol erst einen Punkt ergurkt haben und sich gegenseitig in Fehlern überbieten, die man als Kunst bezeichnen muss. Eigentore, untaktische Fouls, Pässe zum Gegenspieler – sie setzen darauf, dass Gisdol auch in Hamburg eine Trainingsgruppe 2 gründet und sie dafür auswählt.

Dass die Hoffenheimer Aussortierten damals im Gebüsch nach Bällen suchten, weil es hinter dem Tor kein Netz gab, schreckt die HSV-Spieler nicht ab. Wenn sie im Internet nach Bildern der Trainingsgruppe 2 googeln, sehen sie die große Freiheit, eine Fluchtmöglichkeit aus der Depression rund ums Volksparkstadion. Schneller Sechszehner und Ein-Auf-Hoch statt Gegenpressing. Nach dem Training Bier trinken, ohne dass es jemanden stört. Feiern gehen, ohne ans nächste Punktspiel denken zu müssen. Herrlich.

Was viele leider oft vergessen: Es kommt nicht nur auf sportliche Unzulänglichkeiten an, um es in Trainingsgruppe 2 zu schaffen. Damit sie für alle Seiten zu einem großen Spaß wird, müssen die richtigen Charaktere vertreten sein. Möglicherweise ist das der Grund, warum Gisdol noch zögert. Um ihm die Entscheidung ein wenig zu erleichtern, hier eine Wunschliste:

Pierre-Michel Lasogga

Der optimale Kandidat. Der wuchtige Stürmer kann es schon jetzt vor jeder Disko mit dem Türsteher aufnehmen. Sein Körper lässt darüber hinaus einen Muskelaufbau zu, der ihn zum Wrestling befähigt. Die Tätowierungen dafür hat er ohnehin. Das Potenzial, nach der Trainingsgruppe 2 einen Karriereweg wie Tim Wiese einzuschlagen, ist auch bei Innenverteidiger Emir Spahić zu erkennen, der sich immer wieder durch Ohrfeigen und Kopfnüsse auf dem Platz hervortut. Aus gruppendynamischen Gründen (siehe nächster Kandidat) sollte dann aber doch Lasogga den Vorzug erhalten. 

Lewis Holtby

Der in Erkelenz geborene Mittelfeldwusler mit britischen Wurzeln ist schon mehrmals ins Visier von Kollege Spahić geraten. Der Bosnier bezeichnete ihn als Pussy und wollte ihm aufs Maul hauen. Sehr unfair. Holtby aber bekümmert das nicht. Möglicherweise liegt es am Yoga, dass er in der Misere noch lächelnd vor Mikrofone tritt. Und das, obwohl er seit einem bei einem Fahrradsturz im Trainingslager erlittenen Schlüsselbeinbruch einfach nicht mehr zu seiner Form der Vorsaison findet. Ein durch und durch netter Kerl, der sich die Trainingsgruppe 2 verdient hat.

Albin Ekdal

Der Schwede qualifiziert sich nicht durch Fehler. Dank zahlreicher Verletzungen ist der Nationalspieler viel zu selten dazu gekommen, welche zu begehen. Eine davon führte sogar fast dazu, dass er die EM im Sommer verpasste. Der smarte Mittelfeldstratege rutschte nach eigenen Angaben in einer Hamburger Disko aus und fiel in ein Glas, was ihm eine Schnittwunde am Rücken zufügte. Darüber zu spekulieren, wie realistisch dieses Szenario ist, erübrigt sich. Entscheidend ist die Tatsache, dass sich der Mann offenbar gut in Hamburgs Nachtleben auskennt. Extrem wichtig für Trainingsgruppe 2.