Es regnet, natürlich. Erst leicht, bald strömend. Kein Wunder, schießt es mir Sonntagfrüh halb sechs beim ersten Blick ins Freie durch den Kopf. Wenn im Film jemand beerdigt wird, öffnen sich aus trübgrauem Himmel ja auch stets die Schleusen. Und das hier, darauf deutet alles hin, wird eine Beerdigung erster Klasse: Wir treten zum Auswärtsspiel bei Eintracht Fuhlsbüttel an, unterste Liga, dort wo Hamburgs Amateurfußball noch Grantplatzasche und Schiris ohne Regelkenntnis kennt.

Wir, das sind die 8. Herren des FC St. Pauli. Und unser Gegner? Das ist der Tabellendritte vom Flughafenviertel. Zu Hause kaum besiegbar, auswärts ungeschlagen, obwohl eigentlich auch sieglos. Fuhlsbüttel darf nicht reisen, es hat nur Heimspiele. Es ist Hamburgs einziges Knastteam im regulären Spielbetrieb und darin so erfolgreich, dass Kellerkinder wie wir den Hochsicherheitsknast nur zum Punkteliefern betreten. Bis dahin allerdings dauert es.

60 Minuten vorm Anpfiff beginnt am malerischen Eingangstor zur denkmalgeschützten JVA Baujahr 1879 ein bürokratisch eng getaktetes Ritual: Handys abgeben, Pässe auch, Taschenkontrolle, Leibesvisitation, erst dann geht es in die hermetische Welt des geschlossenen Strafvollzugs.

Die Umkleidekabine wird verschlossen

Müde, nass, ein wenig schüchtern und doch sonderbar aufgekratzt trotten 18 Herrenspieler gehobenen Alters mit nur zwei versiegelten Päckchen Zigaretten, aber mit trotzigem Zweckoptimismus (vielleicht gibt es ja doch ein Fußballwunder) hinter die Rotklinker-Mauern. Beim Marsch durch die Zellentrakte öffnet der Wachmann insgesamt sechs mächtige Schlösser in sechs wuchtigen Türen, auch die Umkleidekabine schließt er hinter uns ab.

Klackklack, Klackklack – es ist der Sound exekutiver Vollzeitbetreuung von 300 Häftlingen. Sie verbüßen mindestens drei Jahre Haft wegen schwerer Straftaten bis zum Kapitalverbrechen. Wie kürzlich ein ZEIT-Artikel offenlegte, setzen sie sich auf den JVA-Fluren durch ein Klima aus Gewalt und Angst fort, weil ihm ein fast grotesker Personalmangel gegenübersteht.

"Wir spielen nicht gegen schlechte Menschen"

Was das bedeuten kann, haben wir selbst beim Hinspiel erlebt. Es fiel aus, wegen Personalmangels, wie uns die kurz darauf ersetzte Anstaltsleitung erklärte. Das Spiel wurde 3:0 für uns gewertet. Es waren die ersten von nur drei sieglosen Spielen der Eintracht in dieser Saison in der Kreisklasse B6. Sportlich ist die Aussicht, aus der Gefangenschaft etwas zurück in die Freiheit mitzunehmen, sechs Monate später also gering. Aber geht es an diesem Ort überhaupt um Punkte?

"Wir spielen gegen harte Jungs", bläut uns Spielertrainer Malte beim Umziehen ein, "aber nicht gegen schlechte Menschen." Das musste wohl mal gesagt werden angesichts dessen, was sein Kollege Gerhard Mewes von der Eintracht erzählt. Er betreue Vergewaltiger, Räuber und Mörder. Früher hätte sogar mal ein Mitglied der Terrorzelle vom 11. September für seine Mannschaft gespielt. Nach über 35 Jahren an der Seitenlinie im Knast scheint Gerhard Mewes fast stolz darauf zu sein.