Wer hier oben kein Glück spürt, der kann kein Mensch sein. Steht man auf dem Dach der Elbphilharmonie, dieser kongenialen Verbindung von Tradition und Moderne, und nimmt ein Auge voll von der ganzen Pracht Hamburgs, muss man ergriffen sein. Was ist den Menschen mit diesem Bauwerk mal wieder gelungen! Ein Wunder!

Ja, die Elbphilharmonie ist ein Wunder, das vor unseren Augen errichtet wird, ein Wunder, das die Hamburgerinnen und Hamburger leider viel zu teuer zu stehen kommt. Aber es wird es wohl wert gewesen sein. Das wird man spätestens Ende 2016 erkennen, wenn die Elbphilharmonie, ein bisschen früher als geplant, eröffnet werden wird. Dann werden wir und mit uns Menschen aus der ganzen Welt sehen, wie dringend diese Stadt einen Bau von solcher Kraft gebraucht hat, einen Bau, der den Sprung über die Elbe repräsentiert, der Schön- und Wildheit miteinander verbindet. Einen Bau, der zeigt: In dieser Stadt geht noch was!

Ärgerlich ist nur, mit wie viel Lügen, Vertuschungen und Geld diese Pracht Wirklichkeit werden musste. Von Anfang an war das Projekt ein Unglück. Durch die Vertragsarchitektur, welche darauf vertraute, die Realisierungsgesellschaft der Stadt, der Generalunternehmer Hochtief und die Generalplaner Herzog & de Meuron aufeinander einzuschwören, wurde das Prinzip Hoffnung arg strapaziert. Das war alles juristisch, terminlich und finanziell nicht wasserdicht, was vor allem der Generalunternehmer schnell erkannte. Er machte daraus ein Geschäftsmodell und schraubte mit nachträglichen Forderungen den Baupreis in immer neue Höhen. Es machte den Eindruck, als sei Hochtief eine Anwaltskanzlei, die auch noch ein paar Bauarbeiter beschäftigt.

Ein Zeichen ihrer eigenen Herrlichkeit

Dazu kamen Politiker, die inhaltlich dem vor allem bautechnisch komplizierten Projekt nicht gewachsen waren. Die ihm gar nicht gewachsen sein wollten. Der Abschlussbericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zeigt auf, dass es den Herren und Damen vor allem darum ging, möglichst schnell ein Zeichen ihrer eigenen Herrlichkeit zu errichten. Zu diesem Zweck schwindelten sie. Es musste jedem klar sein, dass man dieses Gebäude nicht für die anfangs öffentlich herausposaunten 186 Millionen Euro bekommen würde – vergleichbare Bauwerke wie in Kopenhagen oder Berlin kosteten rund 600 Millionen Euro. Die Herren und Damen wurden gewarnt, von der Baubranche, von den Architekten.

Aber sie wollten nicht hören. Sondern sie wollten noch mehr, einen zusätzlichen Konzertsaal etwa. Und dann beging man zu allem Überdruss auch noch einen schrecklichen ordnungspolitischen Sündenfall. Die öffentliche Hand, also wir alle, übernahm zusätzlich zu allem andern den privaten Teil des Projekts, das Hotel und die Wohnungen – weil man hoffte, so Geld sparen zu können. Natürlich geschah das Gegenteil.

So nahm das Unglück seinen Lauf. Erst mit Nachtrag fünf, in dem man die Architekten dem Baukonzern unterstellte und der den Baupreis nochmals um 200 Millionen Euro vergrößerte, kam im vergangenen Sommer endlich Ruhe ins Projekt. Seitdem arbeitet man wirklich zusammen, hält die Termine ein, spricht ohne Anwälte miteinander. Jetzt wird alles schön und gut und endlich fertig.

Es bleibt eine bittere Einsicht. Hätte die Politik von Anfang an klargemacht, was die Elbphilharmonie wirklich kosten würde, die Bauarbeiten auf dem Kaispeicher A hätten gar nie begonnen. Denn so einen Preis, den hätte niemand bezahlen wollen, eine klamme Stadt wie Hamburg schon gar nicht. Politik und Volk hätten das großartige Projekt ganz schnell im Hafen versenkt.

Wir müssen uns angesichts dieses finanziellen Desasters also fragen, ob unsere heutige Demokratie noch fähig ist zu großen Würfen – oder nur noch zum Mittelmaß. Aber es hilft nichts, wir haben nur diese Form der Demokratie. Die Politik muss das Wagnis eingehen, der Bevölkerung von Anfang an reinen Wein einzuschenken. Auch auf die Gefahr hin, dass dieser sauer schmeckt.